Mit Kommentar : Gibt es bald Car-Sharing in Barmstedt?

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In vielen Städten – hier in Stuttgart – gibt es bereits Leihwagen.
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Stadtwerke wollen ein E-Auto zum Verleih anbieten. Werkausschuss lehnt das Vorhaben ab.

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09. Juli 2019, 12:00 Uhr

Barmstedt | Bekommt Barmstedt ein Car-Sharing-Angebot? Die Stadtwerke wollen das Modell gern anbieten, stießen damit im Werkausschuss aber zunächst auf Widerstand. Sechs Vertreter von SPD, FWB und CDU lehnten den Vorschlag von Werkleiter Fred Freyermuth ab. Vier Politiker (BALL, Grüne und CDU) stimmten dafür. Auf Antrag der Grünen wird über das Thema dennoch in der Stadtvertretung beraten.

Stunden- und Tages-Tarife

Die Stadtwerke Barmstedt kalkulieren mit Anschaffungspreisen zwischen 25000 und 38000 Euro für das E-Auto. Die Leih-Tarife sollen nach Stunden (sieben Euro), Tagen (35 Euro) und Wochenenden (90 Euro) gestaffelt sein.  Vergünstigungen soll es für Senioren, Stadtwerke-Kunden und Barmstedter mit Berechtigungsnachweis geben. Die Vermietung des Wagens könnte über das Kundenzentrum der Stadtwerke laufen, das Aufladen wäre an allen Ladesäulen im Stadtwerke-Verbund möglich. 

 

Freyermuth schlägt vor, dass die Stadtwerke ein E-Auto erwerben und es Bürgern gegen eine Leihgebühr für Fahrten zur Verfügung stellen. Damit könne zum einen die Akzeptanz für Elektrofahrzeuge weiter erhöht und zum anderen die Nachhaltigkeit des Fahrzeugs erhöht werden. „Ich denke, dass viele aus Interesse mal ausprobieren würden, wie sich so ein Auto fährt“, sagte er. Zudem habe er bereits Anfragen aus den Reihen des Seniorenbeirats erhalten.

Jürgen Busse (SPD) war skeptisch. „E-Bikes waren auch groß im Kommen, und der Verleih hat sich nicht gelohnt“, sagte er mit Blick auf das erfolglose Modell-Projekt, das die Stadtwerke vor mehreren Jahren am Rantzauer See finanziell unterstützt hatten (wir berichteten). Die Fahrräder seien aber „dauernd kaputt gewesen“, gab Ernst-Reimer Saß (CDU) zu bedenken. Das sei bei seinem E-Auto anders. „Ich habe es seit vier Jahren und damit bislang nur gute Erfahrungen gemacht“, berichtete er. Die Unkenntnis über E-Fahrzeuge sei aber groß – allerdings auch das Interesse. „Ich werde ganz oft gefragt, wie sich das Auto fährt.“ Zudem seien „die fossilen Brennstoffe nicht die Zukunft. Das Car-Sharing ist deshalb eine gute Idee, um die Leute an die E-Mobilität zu bringen.“

Finanzierung fraglich

Ob Car-Sharing in Barmstedt funktioniere, halte er allerdings für fraglich, sagte Christian Kahns (FWB). „In großen Städten geht es, aber hier?“ Problematisch sei aus seiner Sicht auch die von den Stadtwerken vorgeschlagene Finanzierung. „Demnach würde sich der Kauf eines Autos frühestens nach drei Jahren amortisieren. Diese Rechnung kann nicht aufgehen.“ Das müsse jedoch kein Hinderungsgrund sein, entgegnete Freyermuth. „Wir können dafür auch eines unserer vorhandenen E-Fahrzeuge nehmen.“

Eindeutig befürwortet wurde der Vorschlag von den Grünen und der BALL. „Es ist an der Zeit. Ziel ist doch, den Autoverkehr zu reduzieren. Und wenn wir dafür mit Car-Sharing anfangen, ist das ein guter Start“, sagte Marina Quoirin-Nebel (Grüne). Man müsse auch die Werbewirkung für die Stadtwerke sehen, sagte Günter Thiel (BALL). Auch Freyermuth hatte erklärt, das Projekt wäre ein sinnvolles Marketing-Instrument.

Neues Geschäftsfeld

Dietrich Tetz (CDU) und Peter Gottschalk (FWB) wiesen aber darauf hin, dass die Stadtwerke mit einem Car-Sharing-Angebot ein neues Geschäftsfeld schaffen würden. „Die Idee ist gut, aber so nebenbei geht das nicht. Da hängen komplexe rechtliche Fragen dran“, sagte Tetz. Busse erklärte, Car-Sharing wäre „keine originäre Aufgabe der Stadtwerke. Das Geld könnte man lieber anders investieren.“

Doch trotz der am Ende mehrheitlichen Ablehnung wird das Thema auf Antrag der Grünen bei einer der nächsten Stadtvertretersitzungen erneut auf den Tisch kommen.

Einen Versuch ist es wert

Ein Kommentar von Elisabeth Meyer

Laut einer Studie des Deutschen Verkehrsclubs sind in Deutschland 25 Prozent aller Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, unter zwei Kilometer lang. Die Hälfte sind kürzer als fünf, 70 Prozent immerhin noch kürzer als zehn Kilometer. Das zeigt: Für viele Fahrten wäre das Auto ersetzbar. Und wer trotzdem nicht auf einen fahrbaren Untersatz verzichten möchte, für den ist Car-Sharing sicher eine überlegenswerte Alternative. Man spart sich die Kosten für Steuer, Versicherung und Reparaturen, die sich auf mehrere hundert Euro pro Monat summieren können. Ob das Angebot in Barmstedt angenommen würde, müsste man ausprobieren. Sicherlich würde zunächst keiner das eigene Auto abschaffen. Aber auf längere Sicht ja vielleicht doch.

Und Barmstedter, die kein Auto haben, aber damit gern etwas erledigen würden –  etwa  größere Einkäufe – hätten endlich eine Alternative zum Taxi oder hilfsbereiten Bekannten. Fraglich ist allerdings, ob E-Autos wirklich die Zukunft sind – ihre Ökobilanz fällt vor allem wegen der Batterien durchwachsen aus. Aber besser als nichts wäre der Versuch allemal.

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