AG Stolperstein : Geschichtsunterricht mal anders an der GSS in Barmstedt

Die Schüler aus der Klasse 10  c und der Flex-Klasse 9  g ließen sich von Luzian Bucke (links) und Helmut Welk (Zweiter von links) über die NS-Zeit in Barmstedt informieren.
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Die Schüler aus der Klasse 10 c und der Flex-Klasse 9 g ließen sich von Luzian Bucke (links) und Helmut Welk (Zweiter von links) über die NS-Zeit in Barmstedt informieren.

„Nie wieder eine Diktatur“, sagen die Teilnehmer der AG Stolperstein. Schüler informieren sich über Zeit des Nationalsozialismus.

shz.de von
13. Juni 2018, 12:00 Uhr

Barmstedt | Geschichtsunterricht mal anders: Die Barmstedter AG Stolperstein hat die Klasse 10 c und die Flex-Klasse 9 g der Gottfried-Semper-Schule (GSS) über das Schicksal von Barmstedtern informiert, die während der NS-Zeit umgebracht wurden. Zunächst gingen die Schüler zum Stolperstein für Rudi Sass in der Königstraße. AG-Mitglied Andrea Menzel berichtete über die Leidensgeschichte des Barmstedters, der im Alter von 30 Jahren in der Landsheil- und Pflegeanstalt Schleswig-Stadtfeld starb. Was mit häuslichen Kopfschmerzen begann, endete mit der Diagnose Schizophrenie. Der begabte Musiker und Fotograf starb an einer offenen Lungentuberkolose. Er sei in den Kriegsjahren aufgrund mangelnder Ernährung und Pflege umgekommen, sagte Menzel. Die systematische Vernachlässigung der – vermeintlich – psychisch Kranken, sei gewollt gewesen, um sogenannten erbkranken Nachwuchs auszumerzen und den verwundeten Soldaten Platz zu machen.

Kriegsgefangene und verschleppte Personen

Das zweite Thema waren die Kriegsgefangenen und zivile verschleppte Personen, die als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. „Von ihnen gab es in Barmstedt zwischen 1939 und 1945 etwa 500 bei einer Einwohnerzahl von etwa 4000“, sagte Luzian Bucke. Er betonte, dass Firmen, Gewerbe und Landwirte einen Antrag stellen mussten, um Zwangsarbeiter zu bekommen. Unter denen seien auch Frauen mit Kindern gewesen. Die Unterbringung sei schlecht gewesen, die Menschen hätten bei über-wiegend schlechter Ernäh-rung lange arbeiten müssen. 14 von ihnen, darunter neun Kinder, seien in den Jahren 1942 und 1943 gestorben, zwölf seien auf dem hiesigen Friedhof beerdigt worden.

Wie wurden die Überlebenden entschädigt? „Erst 1999, und das auch nur mit großem wirtschaftlichem Druck aus den USA“, sagte Bucke. Über den Bamstedter Lehrer Hans Dössel, der bis zu seiner Pensionierung 1946 an der Knaben- und Mädchenschule unterrichtete, informierte Helmut Welk. „Er gilt als Kenner der Barmstedter Historie und hat drei Bände ,Geschichtliche Schau, Stadt- und Kirchspiel Barmstedt’ verfasst, allerdings unter seiner persönlich gefärbten Brille“, sagte Welk. Dössel sei aktives Mitglied der NSDAP gewesen, wofür es Beweise gebe. Er sei zudem in verschiedenen NS-Organisationen aktiv gewesen. „In der Barmstedter Chronik zur 850-Jahr Feier der Stadt ist übrigens die NS-Zeit ausgeblendet, aber ein Manuskript von Dössel verwendet worden“, so Welk.

Nur wenige jüdische Mitbürger

 In der anschließenden Diskussion zeigten sich die Schüler beeindruckt von diesem düsteren Kapitel Barmstedter Geschichte. Zumal, als sie erfuhren, dass politische Aktivisten, die auch in Barmstedt Flugblätter gegen die Kriegsvorbereitungen der Nazis verteilt hatten, dafür zu Strafen im Konzentrationslager verurteilt wurden. Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, berichteten die Vortragenden, seien in Arbeitslagern „verschwunden“. Jüdische Mitbürger, sagten sie auf Nachfrage, habe es in Barmstedt wenige gegeben. In einem Kaufhaus in der Innenstadt, das einem jüdischen Mitbürger gehörte, seien allerdings Fensterscheiben eingeschlagen worden.

Was hat die Aktion gebracht?

Abschließend wollten die Lehrer von ihren Schülern wissen, ob diese Aktion ihnen etwas gebracht habe. „Von der Nazizeit haben wir im Unterricht gehört, aber dass auch in dieser Stadt schlimme Dinge passiert sind, ist noch etwas anderes, und es darf sich nicht wiederholen“, sagte Nathalie. Ein Mitschüler fand: „Es ist wichtig, dieser Menschen zu gedenken.“ Aaron sagte: „Wir müssen daran denken, welche Schmerzen und Leiden die Opfer ertragen mussten. Wir haben jetzt eine Demokratie und wollen nie wieder eine Diktatur.“ Adrian bekannte: „Wir Jugendlichen haben heute ein Luxusleben, in der Nazi-Zeit hätten wir vielleicht gar nicht überlebt.“

Die Lehrer gaben den Schülern mit auf den Weg: „Es brennt an vielen Ecken der Welt, wir leben hier gut und haben Frieden. Es ist euer Job, dafür zu sorgen, dass es so bleibt.“

Die Stolperstein-AG beschäftigt sich mit der NS-Zeit in Barmstedt, ihren Ursprüngen und der Aufarbeitung danach. Die AG-Mitglieder bieten an weiterführenden Schulen seit mehreren Jahren Rundgänge durch Barmstedt an. Sie zeigen den Schülern dabei die Stolpersteine, die an Euthanasie-Opfer und gestorbene Zwangsarbeiter erinnern. Die AG informiert zudem umfassend über die Kriegsgefangenen in Barmstedt.
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