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Barmstedter Zeitung

16. Dezember 2017 | 16:07 Uhr

Barmstedt : Flüchtlingsströme sind nicht neu

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vor kurzem entdeckte Karteikartensammlung aus dem Jahr 1943 liefert aufschlussreiche Details aus der regionalen Geschichte .

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2015 | 16:15 Uhr

Barmstedt | Aufgrund der akuten Flüchtlingsproblematik herrscht in diesen Wochen bundesweit eine mehr oder weniger sehr angespannte Atmosphäre in diversen Städten und Gemeinden. Doch eine derartige Situation ist für viele Menschen in Deutschland nicht unbedingt neu – so auch in der Region in und um Barmstedt.

„Unerwartet heftige und kaum zu bewältigende Flüchtlingsströme gab es bei uns in der Vergangenheit schon des Öfteren. Wir brauchen nur einen Blick in die Geschichte unserer Heimat zu werfen, um uns dies zu verdeutlichen. Insbesondere das Kriegsjahr 1943 liefert dazu erschreckende Beispiele“, erklärt Heimatforscher Helmut Trede und fügt hinzu, dass das Kommunale Gemeinschaftsarchiv Barmstedt/Hörnerkirchen zu diesem Thema durchaus interessante Aufklärungsarbeit und jetzt auch neue aufschlussreiche Details liefern könne.

Rückblende: Ab Ende Juli 1943 überschwemmte nach den schweren Bombenangriffen auf die Hansestadt Hamburg – „Operation Gomorrha“ – eine gewaltige Flüchtlingswelle die umlie-genden vorwiegend ländlichen Städte und Gemeinden. Auch Barmstedt war davon betroffen. „Hunderte, wenn nicht tausende von Hamburger Bewohnern kamen dort an. Mit Zügen, Omnibussen, Lastwagen, Fuhrwerken, per Fahrrad oder zu Fuß verließen sie die qualmenden Trümmer ihrer größtenteils durch Feuerstürme zerstörten Heimatstadt“, so Trede. Insgesamt flohen fast eine Million Menschen, etwa 125.000 erlitten Verletzungen und nach seriösen Schätzungen lag die Todeszahl bei über 30.000 Personen.

Wer waren diese Menschen? Und wie viele waren es überhaupt, die nach Barm-stedt kamen? „Dazu gibt es jetzt erstmals belegbare Zahlen“, so Trede – m öglich mache dies ein „seltener und Aufsehen erregender Fund“ aus dem hiesigen Archiv Barmstedt/Hörnerkirchen, den Archivleiter Trede bereits vor kurzem dem Hauptausschuss der Stadt Barmstedt präsentierte.

„Es handelt sich um eine Karteikartensammlung mit dem erstaunlichen Umfang von etwa 1200 Exemplaren. Hier sind alle Bombenflüchtlinge aus Hamburg registriert. Alle mit vollständigem Namen, alle mit der genauen Adresse in Hamburg und auch der Unterkunftsadresse in Barmstedt“, erläutert Trede. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass damals allen Geschädigten bereits ein Vorschuss für den erlittenen Schaden in Höhe von 50 bis maximal 250 Reichsmark gezahlt wurde. Trotz Kriegszeit und teilweise chaotischer Zustände war es die typisch deutsche Bürokratie, die penibel jeden Betroffenen auf einer Karteikarte registrierte und neben der alten und der jetzt neuen Adresse den Aus-zahlungsbetrag aufführte und die Stadtkasse zur Zahlung anwies.

Bomben zerstörten 1943 auch das Haus Langelohe 52 in Elmshorn. Viele der Krückaustädter flohen nach diesem Angriff nach Barmstedt. (Foto: Koopmann/Stadtarchiv Elmshorn)
Bomben zerstörten 1943 auch das Haus Langelohe 52 in Elmshorn. Viele der Krückaustädter flohen nach diesem Angriff nach Barmstedt. (Foto: Koopmann/Stadtarchiv Elmshorn)
 

Wenn man berücksichtigt, dass meist nur ein Familienmitglied diese Zahlung erhielt, dass oftmals weitere Familienmitglieder dazu gehörten – vielfach waren es Frauen und Kinder, die wehrtauglichen Männer waren größtenteils zum Kriegsdienst eingezogen – kann man wohl durchaus von der zwei- bis dreifachen Menge an tatsächlichen Flüchtlin-gen ausgehen. „Die Probleme und Fragen die sich auftaten, waren in vielfacher Beziehung die gleichen, wie wir sie derzeit tagtäglich in den Medien erleben“, so Trede. So hieß es beispielsweise am 30. August 1943 in einem Schreiben des „Stadternährungsamtes Barmstedt“ an den Bürgermeister Gerhard Wolff: „Es fehlen klare Richt-linien für die Betreuung“, „Lebensmittelkarten sollten nur im Ort der Unterbringung ausgegeben werden“, „Bettwäsche, Handtücher, Schuhe, Wintersachen aller Art werden beantragt“ oder „Es fehlt an Hausrat aller Art.“

Flucht aus der Krückaustadt

Es wurden die mit Luftschutzbetten ausgestatteten Schulen, Turnhallen und Säle belegt, gleichwohl kam der größte Teil der Bombenflüchtlinge in Privatquartieren, oftmals bei Verwandten, unter. Erschwerend kam für Barmstedt und Umgebung hinzu, dass nach dem Bombenangriff auf Elmshorn am 3. August 1943 dann noch weitere Flüchtlinge direkt aus der Nachbarstadt dort eine vorläufige Bleibe suchten. In weiteren Dokumenten vom August 1943 erschließen sich die nachfolgenden Problembereiche. So gibt es Erfahrungsberichte der Verwaltung über die Unterbringung der Hamburger „Fliegergeschädigten“, die Erfassung der in Barmstedt eingeschulten Flüchtlingskinder, ein Merkblatt für die Betreuung nach Luftangriffen, ein Merkblatt für Umquartie-rungen, Problembewältigung beim Weitertransport der Menschenmassen – meist per Zug – in andere und weiter entfernt liegende Aufnahmegebiete, Listen verstorbener Bombengeschädigter, die Verteilung von Wohnraumsowie diverse Verordnungen.

„Wir sehen also: Es zeigen sich viele Parallelen und Problembereiche wie heute, wenngleich die grundsätzliche Situation mit Sicherheit eine andere war und direkte Vergleiche nur schwer und mit gebotener Vorsicht und viel Fingerspitzengefühl zu ziehen sind“, betont Trede.

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