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Barmstedt : Flüchtlinge: „Noch ist es zu schaffen“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Einwohnerversammlung: Verwaltung, Polizei und Ehrenamtliche informieren über die Situation der Asylbewerber in Barmstedt.

Barmstedt | Als Nawras Laila seine Geschichte erzählt, ist es ganz still im Saal. Mit einem Stichwortzettel in der Hand und hörbar aufgeregt, schildert der junge Mann den etwa 100 Zuhörern in der Aula der Barmstedter Grund- und Gemeinschaftsschule in fast perfektem Deutsch, wie sein Leben vor der Flucht aus Syrien aussah – und wie danach. Er habe in Damaskus englische Literatur studiert und später als Verwaltungsmanager in der englischen und kanadischen Botschaft gearbeitet, sagt Laila. Dann – 2011 – „begann der Bürgerkrieg“. Als die Botschaft schloss, ließ Laila seine Frau zurück und ging allein nach Saudi-Arabien. „Dort gab es für Syrer aber keine Arbeitserlaubnis“, sagt er. 2014 floh er nach Deutschland. Nach Stationen in Frankfurt, Gießen, Friedland und Wardenburg landete er in Elmshorn. „Die wichtigste Aufgabe war für mich, meine Frau aus Syrien zu retten.“ Es gelang. Jetzt studiere er Deutsch und wolle bald wieder in einer Botschaft oder einer internationalen Firma arbeiten, so Laila. „Ich habe schon Bewerbungen geschrieben.“ Er bedanke sich für die „freundliche Aufnahme und Hilfe“, die er in Deutschland erfahren habe, sagt er zum Schluss – und erntet er begeisterten Applaus.

Laila war einer von fünf Referenten, die Bürgervorsteher Christian Kahns zur Einwohnerversammlung am Dienstag eingeladen hatte, die sich um das Thema Flüchtlinge in Barmstedt drehte. Zurzeit gebe es 75 Asylbewerber in der Stadt, die auf 22 Wohnungen, Häuser und Zimmer verteilt seien, sagte Fachamtsleiter Uwe Dieckmann. Seit 2012 habe sich die Zahl „mehr als verzehnfacht, aber zurzeit ist sie   eher geringer als prognostiziert.“ Im Rathaus seien sieben Mitarbeiter mit der Betreuung der Flüchtlinge befasst, so Dieckmann. Hinzu kämen etwa 65 Bürger, die sich ehrenamtlich um die Flüchtlinge kümmerten.

Nennenswerte Probleme gebe es bislang nicht, sagte Barmstedts Polizeichef Peter Kroll. „Bis auf eine Person gibt es hier keine verhaltensauffälligen Asylbewerber.“ Von den etwa 700 Straftaten in diesem Jahr seien fünf Diebstähle und zwei Körperverletzungen durch Flüchtlinge begangen worden. „Das ist nichts.“ Straftaten gegen Flüchtlinge habe es in Barmstedt bislang nicht gegeben, sagte Kroll auf Nachfrage von Patrick Laas. „Das ist wohl auch der dezentralen Unterbringung geschuldet. In größeren Unterkünften und den Erstaufnahmeeinrichtungen gibt es schon Probleme.“

Die Masse der Flüchtlinge sei „daran interessiert, sich zu integrieren“, konstatierte Kroll. Und berichtete von einem Vorfall, der sich vor Kurzem in der AKN ereignet habe. „Dort hatte eine junge Frau ihr Portemonnaie verloren. Gefunden und bei uns abgegeben hat es ein Asylbewerber.“

Milena Rüdy, Lehrerin am Barmstedter Gymnasium, berichtete über das von ihr initiierte Projekt „Begegnungen schaffen mit Flüchtlingen“, durch das auch weiterreichende Kontakte zwischen Schülern und Asylbewerbern entstanden seien. „Es ist für beide Seiten bereichernd“, bilanzierte sie.

Eine kritische Einschätzung kam von Thomas Kahlert, Mitglied im Arbeitskreis Flüchtlinge. Die Arbeit für die Ehrenamtler nehme ständig zu, sagte er – was sich unter anderem auch in steigenden Kosten für Benzin zeige. Noch sei die Betreuung zu leisten. „Aber falls wir im nächsten Jahr 300 Flüchtlinge in Barmstedt haben, müssen wir uns bewusst sein, dass das ehrenamtlich nicht mehr zu schaffen ist.“ Zumal eine Willkommenskultur nicht ausreiche. „Wir brauchen eine professionelle Integration. Und die ist nicht übers Ehrenamt zu leisten.“

Dieckmann erklärte, die Stadt werde für die Benzinkosten aufkommen. Zudem werde die Verwaltung einen Bus mit neun Sitzen kaufen, mit dem die Asylbewerber zu Terminen gefahren werden könnten. Einziges Problem: „Wir brauchen noch jemanden, der ihn fährt.“

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erstellt am 26.Nov.2015 | 00:32 Uhr

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