zur Navigation springen

Praktikum beim Pflegedienst in Barmstedt : Flüchtling Ethar Abdullatif: „Ich Komme mit Deutschen in Kontakt“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Der Flüchtling Ethar Abdullatif absolviert ein Praktikum bei einem Barmstedter Pflegedienst. Die Deutsch-Kenntnisse haben sich dadurch rasch verbessert.

shz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Barmstedt | Andrea Schulz ist stolz. „Ethar hat sein Deutsch unheimlich verbessert“, sagt sie. Als Teamleiterin bei der Mobilen Häuslichen Pflege (MHP) betreut sie den jungen Flüchtling aus Syrien, der seit Mitte November in dem Barmstedter Unternehmen ein Praktikum absolviert. 20 Stunden pro Woche begleitet Ethar Abdullatif Schulz und ihre Kolleginnen bei ihren Hausbesuchen zu den Patienten. „Mir gefällt diese Arbeit gut“, sagt er. Außerdem komme er so leichter mit Deutschen in Kontakt.

In Syrien habe er Marketing studiert, erzählt Abdullatif. Doch als die Bedrohung durch den IS immer stärker wurde, entschloss er sich zu fliehen. Im September 2014 kam er in Dortmund an. Drei Wochen später wurde er erst nach Langeln und dann nach Barmstedt geschickt. Dort lebt der 26-Jährige mit weiteren Asylbewerbern in einem Haus an der Austraße. „Ich habe ein Zimmer“, sagt er.

Zurück nach Syrien zu gehen, könne er sich nicht vorstellen, sagt Abdullatif. Zwar sei sein Vater noch dort, „aber meine restliche Familie ist hier“. Nach dem Praktikum will er in Elmshorn einen Deutsch-Kursus an der Volkshochschule machen, dann einen Schulabschluss erwerben und eine Ausbildung beginnen – eventuell in der Altenpflege.

MHP-Geschäftsführerin Christa Steinhauer will Flüchtlingen durch die Praktika bei der Integration unterstützen. „Wir sehen das als gesellschaftliche Verantwortung.“ Langfristig hoffe sie zudem, mehr Auszubildende zu finden und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dabei sehe die Pflegebranche in den Flüchtlingen große Chancen. „Die meisten sind relativ jung und hoch motiviert.“ Der Kontakt zu Abdullativ kam über das Barmstedter Integrationszentrum Leuchtturm zustande. „Da habe ich erzählt, dass ich gern einem Flüchtling ein Praktikum anbieten würde. Frau Berg hat dann in ihrem Deutsch-Kurs gefragt, wer Lust dazu hätte.“

Deutsch-Kenntnisse seien für die Beschäftigung in der Pflege unerlässlich, so Steinhauer. „Verbale Kommunikation ist in unserem Berufsalltag das zentrale Element.“ Auch ein Führerschein sei wichtig. Den hat Abdullatif nicht. Noch nicht. „Sobald es geht, möchte ich ihn machen“, sagt er. Wenn er sein Praktikum bei MHP beendet hat, will Steinhauer weiteren Flüchtlingen die Möglichkeit geben, in den Beruf hineinzuschnuppern. „2016 werden wir unser Angebot erweitern. Dann wird es noch vielfältigere Arbeitsmöglichkeiten geben.“

Laut der Arbeitsagentur Elmshorn ist die Zahl der Arbeitslosen mit ausländischer Staatsangehörigkeit im Kreis Pinneberg im November um zwei Personen auf 1851 gesunken. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl jedoch um 125 Personen gestiegen (plus 7,2 Prozent). Insbesondere die Zahl der Syrer sei innerhalb eines Jahres um 78 auf 113 deutlich gestiegen. Sie stellten somit jetzt nach Deutschen, Türken und Polen die viertgrößte Nationalität unter den Kunden von Jobcenter und Arbeitsagentur. Dennoch sei ihr Anteil an allen Arbeitslosen mit 1,4 Prozent weiterhin sehr gering.

Voraussetzung für ein Praktikum sei ein anerkannter Asylantrag, so Steinhauer. Da Firmen für Praktikanten aber zahlen müssten, der Aufwand recht hoch und die Arbeitsleistung meist noch gering sei, sei die Nachfrage nach Flüchtlingen als Praktikanten nicht so hoch, sagte Gerold Melson, Sprecher der Agentur für Arbeit Elmshorn. Ein weiteres Problem seien die oft mangelnden Sprachkenntnisse. „Mit ,bitte’ und ,danke’ ist es ja nicht getan.“

Bei der Nachfrage nach Flüchtlingen als Arbeitskräfte sei zu spüren, in welchen Branchen Fachkräftemangel herrsche, sagte Melson. Doch der sei nur langfristig zu lösen. „Wir haben im Moment jedenfalls nicht 50 Flüchtlinge, die in der Altenpflege arbeiten könnten.“ Zunächst müssten die Flüchtlinge dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wofür das Asylverfahren abgeschlossen sein müsse, so Melson. Dann müssten die arbeitssuchenden Flüchtlinge qualifiziert werden, „denn Abschlüsse aus ihren Heimatländern werden hier oft nicht eins zu eins anerkannt. Da muss man dann gucken, was sie können und worauf man aufbauen kann.“ Die Arbeitsagentur biete Firmen bei der Betreuung von Flüchtlingen vielfältige Hilfe an, so Melson. Doch bevor die überhaupt an Arbeit denken könnten, sagt er, „haben viele erstmal genug damit zu tun, hier anzukommen“.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert