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Barmstedt : Flucht in einem Truck voller Schokolade

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Renas Murad wollte nicht im syrischen Bürgerkrieg kämpfen – und verließ im März sein Heimatland. Über Istanbul und Neumünster kam er nach Barmstedt. Heute lebt er in Elmshorn.

Barmstedt | Für Renas Murad aus Syrien verlief das Leben nach Plan. Der heute 23 Jahre alte Mann studierte in der Ukraine Medizin und wollte eine Karriere als Arzt einschlagen. Doch dann brach der Bürgerkrieg in seinem Heimatland aus. Laut einem Bericht der Uno sind seit Kriegsbeginn im Jahr 2011 mehr als 2,6 Millionen Syrer aus ihrer Heimat geflohen. Murad ist einer von ihnen. Über Istanbul kam er schließlich nach Deutschland und Barmstedt. Für drei Jahre hat er vorerst eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. In Elmshorn will sich der ambitionierte junge Mann jetzt ein neues Leben aufbauen – stößt dabei aber auf bürokratische Hürden. Diese Zeitung hat mit ihm über seine Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen.

Das Leben von Renas Murad nahm im März dieses Jahr eine entscheidende Wendung. Während seines Studiums an der Medizinischen Universität in Simferopol lief sein Visum ab. „Ich musste zurück nach Syrien“, erzählt der junge Mann. Ein weiteres Visum zu bekommen, sei wegen des Bürgerkriegs aber nicht mehr möglich gewesen. Mit einem halbfertigen Studium und einer beängstigenden Zukunft vor Augen, kehrte er in sein Heimatland zurück. „In Syrien herrscht Krieg“, sagt Murad. „Wenn du nicht fliehst, musst du zur Armee und gegen andere Bürger kämpfen.“ So sollte sein Leben nicht aussehen, war sich der 23-Jährige sicher. „Du musst weggehen, wenn du eine Zukunft haben möchtest“, sagt er. Als er aus der Ukraine zurückkam, habe er die Entscheidung zur Flucht getroffen. Vom Krieg habe er er indes nach seiner Rückkehr nicht viel gesehen. „Ich habe aber von anderen Leuten viel darüber gehört“, sagt er.

Zur Grenze sei es von seinem Heimatort nicht weit gewesen. „Ich bin in etwa 30 Minuten dorthin gerannt“, berichtet Murad über den Beginn seiner langen Flucht. Als Gepäck habe er lediglich wenige Sachen wie die notwendigsten Dokumente dabei gehabt. Nachdem er die Grenze überwunden hatte, sei es mit einem Auto weiter nach Istanbul gegangen.

Von der Türkei aus, in der er insgesamt einen Monat verbrachte, ging es weiter nach Deutschland. „Viele Flüchtlinge warten auf einen Transport“, berichtet Murad. „Es ist ein gutes Geschäft.“ 9000 Euro habe er letztlich bezahlt. Dafür bekam der 23-Jährige einen Platz in einem mit Schokolade beladenem Truck nach Deutschland. Ungefähr sieben weitere Personen seien auf diese Art und Weise mit ihm gereist. Die Grenzkontrollen auf dem Weg nach Deutschland seien kein Problem gewesen: „Niemand hat den Truck genau überprüft“, so Murad.

Als der Syrer in Deutschland aus dem Laster stieg, hatte er keine Ahnung, wo er war. „Mein Onkel wohnt in der Nähe von Hannover, er holte mich ab, es muss also in der Nähe gewesen sein“, sagt Murad. Nach seiner Ankunft habe er sich sofort bei der Ausländerbehörde gemeldet und seine Situation geschildert. Er bekam eine Unterkunft in einem Container sowie etwas zu essen und trinken – und machte kurz danach zum ersten Mal mit der deutschen Bürokratie Bekanntschaft. „Man gab mir ein Ticket nach Neumünster und schickte mich los“, so Murad. „Ich kann lesen, aber andere Flüchtlinge können das nicht“, sagt er. „Wie sollen die das schaffen?“

In Schleswig-Holstein angekommen, kam Murad mit sechs weiteren Flüchtlingen in einer Raum unter. „Außerdem wurden meine Fingerabdrücke genommen und ich musste meine Story erneut erzählen.“ Am 11. April habe ein „judgement“ – eine Art Anhörung – stattgefunden, wie Murad es erzählt. Im Rahmen dessen sollte entschieden werden, ob er in Deutschland vorerst Asyl bekommt. „Sie fragten mich, wie ich hierher kam oder warum ich nach Deutschland kam“, so Murad. „Danach konnte ich wieder gehen.“

Zwei Wochen später wechselte Murad seine Unterkunft und kam nach Elmshorn. Auch in Barmstedt sei er dabei eine Zeitlang gewesen. An der Düsterlohe sei er gemeinsam mit mit neun weiteren Flüchtlingen untergebracht worden. „Für alle gab es nur eine Toilette und eine Küche“, berichtet er. Schlafen, essen, schlafen, essen – das sei sein Rhythmus gewesen, während er auf die Aufenthaltserlaubnis gewartet habe. Doch das habe gedauert.


„Deutschland macht eine Menge“, sagt Murad überzeugt. „Mittlerweile habe ich eine eigene Wohnung, eine Rentenversicherung und bekomme Sozialhilfe“, sagt der 23-Jährige dankbar. Aber: „Es ist alles viel zu bürokratisch.“ „Ich möchte das Geld nicht, ich möchte lieber arbeiten und meine Steuern selbst zahlen.“ Doch erst, nachdem er am 5. September seine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre bekommen habe, hätte er sich Arbeit suchen können. Auch einen Deutsch-Kursus könne er nun besuchen. Mehr als vier Monate habe die Entscheidung gedauert. „Man weiß nicht, wie lange man auf diese Entscheidung warten muss“, sagt Murad. Und weiter: „You’re getting stupid, sitting at home“ – Du wirst dumm, wenn du nur zu Hause herumsitzt. „Es kommen viele Flüchtlinge nach Deutschland und viele wollen arbeiten. Helft denen!“, bittet er.

Mittlerweile kann der 23-Jährige wieder arbeiten gehen; außerdem sollen seine mitgebrachten Zeugnisse übersetzt werden. Per Internet hat er bereits Deutsch gelernt. „Ich würde später gern als Arzt arbeiten“, sagt er über seine Zukunft. „Ich mag Deutschland, ich mag die Mentalität, und ich möchte wieder zur Uni gehen.“

Wie es weitergeht, wenn seine Aufenthaltserlaubnis abläuft, sei nicht sicher, so Murad weiter. „Ich weiß noch nicht genau, was in drei Jahren ist – ob ich zurück muss, wenn der Krieg zu Ende ist.“ Seine Familie hat er in Syrien zurücklassen müssen. „Sie wollten nicht mitkommen“, sagt er.

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erstellt am 24.Nov.2014 | 15:00 Uhr

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