Flüchtlingshilfe in Barmstedt : „Es kommt viel Herzlichkeit zurück“

Petra Krämer mit den Flüchtlingen Qudrattullah Safdavi (v. l.), Ali Rahimi und Aziz Samshedi, die bei ihr wohnen. Zum Tag der offenen Gärten (28. Juni) werden sie unter diesem Obstbaum einen afghanischen Garten gestalten.
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Petra Krämer mit den Flüchtlingen Qudrattullah Safdavi (v. l.), Ali Rahimi und Aziz Samshedi, die bei ihr wohnen. Zum Tag der offenen Gärten (28. Juni) werden sie unter diesem Obstbaum einen afghanischen Garten gestalten.

Die Barmstedterin Petra Krämer hat in ihrem Haus drei Flüchtlinge aufgenommen, die schwere Schicksale erlitten haben.

shz.de von
12. Mai 2015, 12:00 Uhr

Barmstedt | Petra Krämer redet nicht nur von Willkommenskultur, sie tut auch etwas: Vor vier Monaten hat sie in ihrem Haus drei Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen: Aziz Samshedi, Ali Rahimi und Qudrattullah Safdavi. „Alle sind Frühaufsteher“, sagt Krämer lachend über das Leben mit ihren Gästen, „und diskrete, ausgesprochen höfliche Menschen.“ Bereitwillig erzählt Samshedi seine Geschichte. Er habe zunächst als Koch, später als Wachsoldat für das Nato-Feldlager bei Mazar-I-Sharif im deutschen Sektor gedient. Stolz zeigt er Dokumente, Belobigungen, Fotos mit europäischen Kameraden. Er war „in der ersten Verteidigungslinie“ , schreibt sein ungarischer Kommandeur, sein US-amerikanischer Vorgesetzter bescheinigt „persönliche Integrität und Verantwortungsbewusstsein“. Durch seine Arbeit bei den westlichen Wiederaufbauteams sei er allerdings in den Augen der Islamisten kein Muslim mehr gewesen – also vogelfrei.

Nach dem Abzug der Nato sei sein Haus überfallen und seine Frau und seine vier Kinder bedroht worden, so Samshedi. Er habe sich daraufhin entschlossen zu fliehen: eine gefährliche Odyssee durch die Krisengebiete des Nahen Ostens, unterbrochen durch wochenlange Taliban-Haft und monatelanges Warten in türkischen Gefängnissen. Aber er hat sich durchgebissen und will jetzt so schnell wie möglich in seinem gelernten Beruf als Koch arbeiten und sich eine Existenz aufbauen, um seine Familie nachholen zu können.

„Man sollte diese Leute willkommen heißen“, meint Krämer. Unmittelbarer Beweggrund für ihre Entscheidung, ihr Haus den Flüchtlingen zu öffnen, waren die Proteste gegen die geplante Barmstedter Flüchtlingsunterkunft an der Feldstraße und die „skandalösen Verhältnisse bei professionellen Flüchtlingsunterbringungen“. Sie sieht Deutschland noch weiter in der Pflicht: für die Integration der Menschen müsse mehr getan werden. Das drängendste Problem sei die Sprache: Krämer wünscht sich für die Flüchtlinge rascheren Deutschunterricht. Dafür engagiert sie sich ehrenamtlich, und auch ihre Nachbarin Ariane Knopik sorgt dafür, dass die Flüchtlinge die Sprache ihres Gastlandes lernen können.

Aber auch Krämer lernt durch ihre Gäste. Angesichts der von Gewalt und traumatischen Kindheitserlebnissen geprägten Biographien erhalte man einen anderen Blick auf das eigene Leben, stellt sie fest. „Es ist die Erkenntnis, wie gut man es eigentlich hat.“ Man lerne auch aus unserer Perspektive einer vereinzelten Gesellschaft, was für eine Bedeutung die Familie haben kann, das Füreinander-Einstehen. Und: „Es kommt so eine Herzlichkeit zurück“, sagt Krämer über die drei Flüchtlinge. Auch dafür, dass man mit ihnen mit dem Respekt begegne, der jedem Menschen zustehe.

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