Sommerserie: rechts und links vom Krückauwanderweg : Ein Ort für die Lebenden

Hermann Stieler arbeitet beim städtischen Friedhof als Friedhofsverwalter.
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Hermann Stieler arbeitet beim städtischen Friedhof als Friedhofsverwalter.

In Kölln-Reisiek passiert der Krückauwanderweg den Friedhof von Elmshorn. Das Stück Natur verrät einiges über das Zusammenleben.

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16. August 2018, 16:00 Uhr

Kölln-Reisiek | Von Langeln per pedes oder Rd über Barmstedt nach Elmshorn, ohne eine Hauptstraße zu nutzen – das ist ab sofort möglich. Vor wenigen Tagen wurde in Heede ein neuer Fuß- und Radweg fertiggestellt, der Teil des Krückauwanderwegs werden soll. Bislang führte die Strecke von Elmshorn nach Barmstedt, nun soll der Wanderweg bis zum Ochsenweg in Langeln verlängert werden. Unsere Zeitung hat das Projekt zum Anlass genommen, sich entlang des Weges umzuschauen. Unsere Geschichten „rechts und links vom Krückauwanderweg“ haben wir in einer Serie zusammengefasst, die bis einschließlich Montag, 20. August, laufen wird. Heute geht es um den Elmshorner Friedhof, der – anders als der Name sagt – auf dem Gebiet der Gemeinde Kölln-Reisiek liegt, gleich am Krückauwanderweg.

Wie lebendig eine Gesellschaft ist, erkennt man auf ihrem Friedhof. Zugegeben, dieser Satz klingt widersinnig bis zynisch – aber nur so lange, bis man Hermann Stieler kennenlernt. Denn der Verwalter des Elmshorner Friedhofs in Kölln-Reisiek kann eine ganze Menge über den Wandel der Gesellschaft erzählen – und wie diese Entwicklung das Gesicht des Friedhofs verändert. Die Anlage wurde gartenähnlich und offen gestaltet; die Gräber liegen im Rasen. „Hier kommen oft Menschen her, die einfach spazieren gehen oder unter einem Baum sitzen wollen. Sie sehen dass eher als Park als als Friedhof. Als ich angefangen habe 1994 war das Klientel noch anders. Damals nannte man ihn abschätzig ‚Soldatenfriedhof‘, wegen des Rasens. Das ist heute vorbei. Heute freut man sich über die Natur“, erzählt Stieler.

Auf einer Gesamtfläche von 12,5 Hektar sind auf dem städtischen Friedhof 7862 Grabstellen verzeichnet. 220 bis 240 Beisetzungen gibt es pro Jahr. Die erste fand im Oktober 1969 statt. „Wir setzen auf Vielfältigkeit. Wir haben alleine sieben verschiedene Urnenbeisetzungsmöglichkeiten“, sagt Stieler. Reihengräber, anonymes Feld oder gepflegte Urnengräber in U-Form – das sind einige konventionelle Formen. Aber es gibt auch neuere Grabarten und sogar Moden. „Der Trend geht heute zu kleinen Grabfeldern mit einem Thema. Zum Beispiel mit 60 Urnenplätzen, einem zentralen Gedenkstein und Obstbäumen drum herum. Dann gibt es im Frühjahr die Obstblüte und im Herbst kann man die Früchte mit nach Hause nehmen.“ Dieser Trend soll auch für den Elmshorner Friedhof realisiert werden, erzählt Stieler, und zeigt auf eine Ecke auf dem Gelände. „Hier möchte ich einen Apfelgarten pflanzen lassen. Rosen nicht, Rosen sind zu pflegeintensiv.“

Das Gelände, das im Norden an den Krückauwanderweg grenzt, wird von vier Gärtnern in Ordnung gehalten. Zwölfeinhalb Hektar – das sei ein ganzes Stück Arbeit für diese Anzahl an Leuten, findet Stieler. Klagen hört man den Verwalter darüber aber nicht. Eher hört man den Stolz heraus, wenn Stieler über sein Team spricht. „Die Jungs sind sehr engagiert und machen manchmal mehr als sie machen müssen.“ Mehr als in anderen Jobs werde hier auf einen freundlichen Umgang geachtet, erklärt Stieler. „Wir wollen den traurigen Fall nicht noch trauriger machen.“

Für Menschen, die trauern, soll der Friedhof ein Ort sein, der sie auffängt. Doch aus reinem Selbstzweck kann dieser Ort heute nicht mehr existieren. Das erkennt man auch an Stielers Wortwahl: „Wir versuchen immer freundlich zu sein. Hier bekommt jeder ein ‚Guten Tag‘ und ‚Hallo‘. Das finde ich wichtig. In Neudeutsch heißt das: Kundenfreundlichkeit.“ Die Vokabel aus der Betriebswirtschaft ist kein Zufall. „Unser Friedhof ist ein kleiner, mittelständischer Betrieb. Wir müssen ständig daran arbeiten, unsere Kundschaft zufrieden zu stellen – dass hört sich doof an, ist aber logisch. Wenn Menschen herkommen, um eine Grabstätte für ihren Angehörigen zu planen, wollen sie eine Lösung, mit der sie 20 Jahre leben können. Wir müssen sie gut beraten.“ Finanziert werde der Friedhof über Gebühren – da müsse man betriebswirtschaftlich denken. Manchmal werde hier ordnungsrechtlich bestattet – das bedeutet, der Verstorbene hat weder eigene finanzielle Rücklagen noch Angehörige, die die Bestattung bezahlen können. „Dementsprechend haben wir jedes Jahr ein kleines Defizit. Aber das ist so gewollt. Wir sollen ja keinen Gewinn erziehen“, sagt Stieler zur Betriebsbilanz.

Damit der Friedhofsverwalter seine Kundschaft zufrieden stellen kann, muss er ihre Bedürfnisse kennen. Neben einem christlich ausgerichteten Gräberfeld bietet der städtische Friedhof auch ein muslimisches Feld an. „Das ganze Feld ist gedreht gen Mekka. Auf so etwas müssen wir Rücksicht nehmen.“ Auch ein jüdisches Feld habe man abgetrennt und die Grabstätten nach Jerusalem ausgerichtet. Dass ganz selbstverständlich der Glaube und die Kultur der anderen geachtet wird, ist ein Wert, den man so ausgerechnet auf dem Elmshorner Friedhof lernen kann. Als man hier die erste muslimische Beisetzungsfeier abhielt, seien alle Mitarbeiter zusammengekommen, um über die Riten der Muslime zu lernen.

Tierfriedhof in Planung

Beim Rundgang über den Friedhof zeigt Stieler auf ein Feld nahe der Friedhofsverwaltung und erzählt von noch einer Neuerung: Ab dem nächsten Jahr soll hier ein Tierfriedhof aufgebaut werden. Die Idee zu einem Tierfriedhof sei von der Elmshorner Politik ins Spiel gebracht worden und Stieler rechnet mit einer großen Nachfrage, denn Tiere würden immer mehr zu einem Kinderersatz bei Menschen werden. „Ich hatte den Fall, dass sich ein Mann ein Grab bei uns gekauft hat, weil er wusste, hier kann später sein Hund in seiner Nähe begraben werden. Für manche Menschen ist das ein Kriterium.“

Die Gesellschaft verändert sich, der Friedhof muss darauf reagieren – diesen Satz hört man mehrmals von dem Friedhofsverwalter. „Die typische Friedhofsgängergeneration gibt es nicht mehr. Die Angehörigen leben oft nicht in der Region und irgendwie spielt die Zeit nicht mehr so mit“, beobachtet Stieler. Auch Beisetzungsfeiern würden immer kleiner werden. Die Gründe sieht Stieler darin, dass Familien heute häufig weit auseinander leben, der Zusammenhalt in der Gesellschaft abnimmt und viele ihre Nachbarn nicht mehr kennen oder Arbeitgeber für Trauerfeiern schlichtweg nicht frei geben wollen. „Deshalb gibt es Trauerfeiern, da kommen fünf, sechs Leute“, bilanziert Stieler.

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