Fracking : „Die Zeitbombe tickt“

Bürgervorsteher Christian Kahns (Mitte) begrüßte die Referenten Olaf Nalenz (links) und Andreas Wasielewski (beide MELUR).
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Bürgervorsteher Christian Kahns (Mitte) begrüßte die Referenten Olaf Nalenz (links) und Andreas Wasielewski (beide MELUR).

Barmstedt: Experten informieren Bürger über die umstrittene Erdgasförder-Methode. Es gibt Sorgen um das Trinkwasser.

shz.de von
19. Juni 2014, 10:00 Uhr

Barmstedt | Fracking ist in Barmstedt und Umgebung keine abstrakte Gefahr mehr. Das ist eine Quintessenz des Info-Abends, zu dem die Stadt am Dienstagabend in die Aula der Gemeinschaftsschule eingeladen hatte. „Wir müssen berechtigte Sorge haben, dass Fracking in Deutschland zum Einsatz kommt, denn anders können unsere Gasvorkommen nicht mehr gefördert werden“, sagte Olaf Nalenz, Referent im Landesministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR). Auch in Schleswig-Holstein gebe es Schiefergasvorkommen, sagte er. „Und die Firmen suchen danach.“

Barmstedt liegt im „Aufsuchungsfeld“ Bramstedt, für das die kanadische Firma PRD Energy vom Land die Erlaubnis erhalten hat, sich Informationen über Gasvorkommen zu beschaffen. „Das dauert ein paar Jahre. Aber wenn sie dann einen Antrag auf Betrieb stellen, wird es ernst“, sagte Andreas Wasielewski, Leiter des Rechtsreferats im MELUR. Das Land könne eine Genehmigung dann nur versagen, „wenn öffentliche Interessen entgegenstehen. Das könnte zum Beispiel die Sorge sein, dass das Grundwasser kontaminiert wird.“

Diese Gefahr sei nicht von der Hand zu weisen, erklärte Nalenz. „Beim Fracken können im Gestein oder in der Zementbohrung Risse entstehen. Durch sie kann Gas entweichen – das eventuell auch radioaktive Stoffe beinhaltet – und ins Grundwasser strömen.“ Gleiches gelte für das Chemikaliengemisch, das in die Tiefe gepumpt werde, um Gas aus dem Gestein zu lösen. „Es besteht zwar zu 98 Prozent aus Wasser. Aber der Rest ist toxisch. Und bei mehreren hundert Kubikmetern Gas, die pro Bohrung gefördert werden, sind zwei Prozent schon viel zu viel.“

Wegen der unüberschaubaren Risiken fordere das Land, Fracking generell zu verbieten, sagte Nalenz. Doch das sei schwierig, wie Wasielewski erklärte, „weil es nur über eine Änderung des Bergrechts geht – die der Bund nicht will. Wir hoffen daher, dass der Bundesrat mit seiner Initiative Erfolg hat.“ Privatpersonen könnten gegen Fracking protestieren, indem sie „die politische Willensbildung in ihrem Ort beeinflussen, Bürgerinitiativen gründen oder Unterschriften sammeln“, sagte er auf die Frage eines Zuhörers. Ein Bürgerentscheid gegen eine Genehmigung sei jedoch nicht zulässig. „Aber ich gehe auch nicht davon aus, dass unser Ministerium jemals eine erteilen wird.“

Doch nicht jeder der etwa 50 Besucher stand Fracking kritisch gegenüber. „Die konventionelle Landwirtschaft mit ihren Düngeeinträgen ist für das Trinkwasser viel gefährlicher. Dann müsste man auch die verbieten“, sagte Peter Kelting aus Haselau. Das Problem sei bekannt, erwiderte Wasielewski. „Und wir versuchen auch, die Landwirte entsprechend zu regulieren.“ Deren Einträge verschärften das Fracking-Problem, sagte Nalenz. „Wir können deshalb schon die oberen Grundwasserschichten nicht mehr nutzen. Wenn wir jetzt noch die unteren durch Fracking verseuchen, haben wir gar nichts mehr.“ Das sah auch Sonja Maier so. „Das mit der Landwirtschaft ist traurig genug. Aber Fracking ist noch viel schlimmer.“ Die Chemikalien könnten unter anderem Krebs verursachen. „Die Zeitbombe tickt“, mahnte sie.

Das Trinkwasser zu gefährden, „um für zehn Jahre Gas zu haben, ist unverhältnismäßig“, meinte Sabine Jarchow. „Es müssten Energien mit weniger Risiken gefördert werden.“ Die Firmen würden Profit machen, „und zurück bleibt eine Industriebrache“, sagte John Höft und empfahl: „Wir sollten unseren Protest direkt an die Unternehmen richten.“ Auch Bürgervorsteher Christian Kahns (FWB), der den Abend moderierte, äußerte sich besorgt. „Wenn ich höre, was auf uns zukommen kann, wird mir angst und bange um das Trinkwasser. Solange diese Energiegewinnung unsere Gesundheit kostet, ist sie den Preis nicht wert.“

Bei der Horizontalbohrtechnik wird innerhalb der Lagerstätte horizontal nach Öl oder Gas gebohrt. Sie wird zunehmend mit der „Frac-Technik“ kombiniert, bei der unter hohem Druck in einer gering durchlässigen Lagerstätte Risse erzeugt werden, die einen größeren Gas- oder Ölzufluss und damit eine höhere Produktion ermöglichen. Diese Methode konnte in Deutschland bereits in einer Tiefe von 5000 Metern erfolgreich angewandt werden. (Quelle: Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung)
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