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Barmstedter Zeitung

17. Oktober 2017 | 04:03 Uhr

Barmstedt : Der Manager, der die Sprache liebt

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Thilo Schmid arbeitet als Verkaufsleiter und hat 250 Gedichte geschrieben. Seit 2012 lebt er mit seiner Familie in Barmstedt.

shz.de von
erstellt am 15.Sep.2014 | 11:39 Uhr

Barmstedt | Vögel auf einer Hochspannungsleitung, zum Beispiel. „Die sehen ja aus wie Noten“, schoss es Thilo Schmid bei ihrem Anblick durch den Kopf. Vögel wie Noten, Kirchtürme wie Nadeln, Narben wie Landkarten. Bilder in Worte zu fassen, die hängen bleiben: Das gefiel Schmid. Die deutsche Wiedervereinigung tat ihr übriges: Der damals 16-Jährige begann, Gedichte zu schreiben. Kurze, knappe, ausdrucksstarke. Nach und nach entstanden ungefähr 250 Stück, die in Büchern und Anthologien veröffentlicht wurden und für die der Neu-Barmstedter, der im Schwarzwald aufwuchs, renommierte Preise und Stipendien erhielt. Die 20 schönsten Gedichte wurden jetzt anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung neu aufgelegt.

Mit seinen Texten wolle er den Lesern „in dieser sich schneller und schneller drehenden Welt Freude, Ruhe, Kraft und vielleicht sogar ein wenig Halt – und Haltung – schenken“, so Schmid. Ihm selbst helfe das Schreiben, „die Welt besser zu verstehen und auf andere Menschen zuzugehen“, sagt Schmid, der als Verkaufsleiter beim Carlsen-Verlag arbeitet und viel reisen muss. „Bei all dem Trubel und Stress habe ich immer Gedichte bei mir. Das hilft mir, Ruhepunkte zu finden, mich auf das Wesentliche zu besinnen und aus der Schönheit dieser Texte neue Kraft zu schöpfen“, sagt Schmid, der eine klare, präzise Sprache mag und am liebsten Werke von Reiner Kunze liest. „Sein Leben und sein Werk – wie auch das anderer DDR-Dissidenten – haben mich geprägt.“

Die Liebe zu Worten und Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch Schmids Leben. Er studierte zunächst Kulturwissenschaften und Philosophie – wofür er die Universitäten in Frankfurt/ Oder und Leipzig wählte. „Ich wollte Ostdeutschland und die Menschen kennenlernen“, sagt er rückblickend. Seine Eindrücke aus der Studienzeit finden sich in  seinen Gedichten wieder; „Frankfurt Oder“ heißt eines: „... An einer Pommesbude stehen die Hoffnung und das Glück – und singen betrunken ,Hurra, wir leben noch ...“

Als seine Gedichte in den 90er Jahre erstmals erschienen und ausgezeichnet wurden, sei er zu vielen Lesungen eingeladen worden, sagt Schmidt. „So konnte ich einige Zeit vom Schreiben leben, und das Studium trat in den Hintergrund.“ Er kehrte in den Westen zurück, absolvierte in Bonn eine Buchhandelslehre, arbeitete anschließend in München für Hugendubel am Marienplatz – wo er seine Frau kennenlernte – und entschied sich dann, ein BWL-Studium zu beginnen. „Das hat mir den Wechsel in die Verlagswelt ermöglicht, wo ich zunächst einige Jahre für den Mairdumont Reiseverlag gearbeitet habe“, so Schmid.

Das Gedicht zum Buch trägt den Namen: „Indianer“

"Den selbstgeschnitzten Bogen
schon lange aus der Hand gelegt
manchmal noch
zwischen zwei Worten
das surren der sehne ihm ohr
die in der kindheit abgeschossenen pfeile
haben die erde umrundet
sie stecken in unseren rücken"

Mit dem neuen Job beim Carlsen-Verlag verschlug es das Ehepaar und die damals sechs Kinder vor zwei Jahren in den Norden – den Schmid bereits aus seiner Zivi-Zeit kannte. „Ich hatte im Krankenhaus Blankenese gearbeitet, und Hamburg hat mir schon damals gefallen.“ Dass die Familie nach Barmstedt zog, war Zufall. „Wir haben im Umkreis von 50 Kilometern um Ottensen herum gesucht“, sagt Schmid. Das Haus in Barmstedt habe „einfach gepasst. Wir haben uns gleich in die Stadt verliebt.“

Das Vorurteil, Norddeutsche seien kühl, können Eva-Maria und Thilo Schmid nicht bestätigen. „Wir sind hier mit offenen Armen empfangen worden.“ Nach der Geburt ihres siebten Kindes – Juliane – hätten ihre Nachbarn sie sogar 14 Tage lang bekocht, erzählen beide strahlend. Sie wollen der Stadt und ihren Bürgern etwas zurückgeben – zum Beispiel durch ihr Engagement in Elternbeiräten und beim Kinderkleidermarkt.

Zum Gedichteschreiben kommt Schmid indes nur noch sehr selten. Die große Familie, ein Job, der ihn zeitweise jeden Tag in eine andere Stadt führt: „Da fehlen die Zeit und die Ruhe.“ Aber irgendwann, ist sich der 41-Jährige sicher, „kommt es  wieder, von ganz allein“. Dann wird er wieder den Bildern Worte geben, die Welt etwas schöner machen und den Lesern seine Gefühle und Empfindungen mitteilen wollen.

Der Gedichtband „Zwischen zwei Worten“ von Thilo Schmid ist im Hochroth Verlag erschienen. Er kostet sechs Euro, ist in Barmstedt in der Buchhandlung Lenz (Reichenstraße 8) erhältlich oder kann unter der ISBN 978-3-902871-55-8 im Buchhandel bestellt werden.
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