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Barmstedter Zeitung

21. Oktober 2017 | 13:12 Uhr

Barmstedt : Der Baumeister erinnert sich

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Unter Leitung von Gert Rittner entstanden Schulen, Straßen und Wohngebiete. Anlässlich seines 90. Geburtstags blickt er zurück.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2015 | 00:36 Uhr

Barmstedt | Gert Rittner hat am Mittwoch seinen 90. Geburtstag gefeiert. Der gebürtige Potsdamer war von 1961 bis 1987 als Stadtbaumeister in Barmstedt tätig. „Mein Ingenieurstudium umfasste auch Hoch- und Tiefbau. Dieses Wissen konnte Barmstedt gebrauchen – denn ein Entwurf für den Bau einer Schmutzwasserkanalisation lag dort seit Jahren in der Schublade“, erinnert er sich. Unter Rittners Leitung wurde die Kanalisation schließlich gebaut.

Auch den Wohnungsbau trieb Rittner voran – etwa Unterkünfte für diejenigen, die in den Baracken im Waldlager lebten. Flächen am Sielberg und Brunnenallee wurden bebaut, und die Kleingärten zwischen Kampstraße und Großer Kamp wichen einem Baugebiet. „Dort standen teils noch Nissenhütten“, so Rittner. Während seiner Zeit wurden zudem die Umgehungsstraße sowie die James-Krüss- und Albert-Schweitzer-Schule gebaut und die Geschwister-Scholl-Schule erweitert. „Die Sporthalle in der Schulstraße kostete eine Million Mark“, so Rittner. Die Chemnitz- und die Knabenschule wurden ebenfalls erweitert und das Freibad saniert. „Dort stand eine Bretterbude mit Bonscheverkauf“, so Rittner.

Bei der Sanierung des Schlossgefängnisses habe er ein halbes Jahr lang mit dem Magistrat darum gerungen, dass eine Glockenuhr in den Dachreiter gesetzt wird. „Für die Verschönerung der Stadt haben wir uns viel Mühe gegeben“, sagt Rittner. Damals betrieb der Bauhof noch eine eigene Stadtgärtnerei und züchtete dort Blumen für öffentliche Gebäude und Anlagen. „Wir haben den Hausbesitzern in der Innenstadt Rosenpflanzen zum Einsetzen an der Hausfront geschenkt“, so Rittner. „Einige wenige blühen heute noch.“

Rittner wuchs als Schlüsselkind in politisch unruhiger Zeit in Berlin auf. „Meine Eltern mussten arbeiten, und ich sollte, wenn es auf der Straße Schießereien gab, in einen Hausflur laufen, hatte mir meine Mutter eingeschärft“, erzählt er. 1933 fand sein Vater als Ingenieur geregelte Arbeit bei den Arado-Flugzeugwerken. Als Jugendlicher spielte Rittner Theater und lernte die Kessler-Zwillinge kennen, die in der Tanzschule seiner Tante in Babelsberg Unterricht nahmen. 1936 wurde er Pimpf und lernte dabei Dietmar Schönherr kennen.

Notabitur im Jahr 1943

Nach dem Notabitur wurde Rittner 1943 eingezogen und war als Soldat in der Normandie, als im Juli 1944 die Alliierten dort landeten. Im Dezember 1944 nahm er an der Ardennen-Offensive teil. Noch im April 1945 wurde er an den Plattensee nach Ungarn geschickt, um gegen die russischen Soldaten zu kämpfen. Die Kriegsgefangenschaft verbrachte er in Österreich. „In dem Lager haben polnische Bäcker und Köche uns mit Arsen vergiftetes Brot gegeben“, sagt er. Viele seien daran gestorben.

Nach dem Krieg gewöhnte Rittner als passionierter Reiter Pferde von Bauern an den Sattel und erhielt als Arbeitslohn Schinken, Milch und Mettwurst. Außerdem absolvierte er in Sulingen eine Ausbildung zum Zimmerer, baute Fachwerkhäuser und lernte seine spätere Ehefrau Inge kennen. 1949 fuhr er per Fahrrad nach Hamburg, um dort an der Staatsbauschule zu studieren. Gemeinsam mit anderen Lehrkräften gründete er die Abendschule. „Ebenso wie viele andere Studenten, musste auch ich nebenbei Geld verdienen“, sagt er. So arbeitete er von 7 bis 17 Uhr auf dem Bau, von 17.30 bis 21.30 Uhr wurde gebüffelt – zehn Semester lang. Alle vier Wochen radelte er nach der Arbeit nach Sulingen zu Inge – und erschien montags gerade rechtzeitig zur Arbeit.

1952 heiratete das Paar und zog gemeinsam nach Hamburg. 1957 legte Rittner die Baumeisterprüfung ab. Als er 1961 die Stelle in Barmstedt erhielt, zog das Paar dorthin um. Rittner baute die Waldjugend und gemeinsam mit Erwin Gans, Uwe Lüneburg und Karl-Heinz Andreesen den THW-Ortsverband auf. „Nach der Flutkatastrophe Ende der 70er-Jahre entdeckten wir, dass unsere Ausrüstung nicht mit der der THW-ähnlichen Organisation in Dänemark kompatibel war, und änderten es gemeinsam“, so Rittner, der dafür von der dänischen Königin Margarethe als zweiter Deutscher den dänischen Zivilschutzorden erhielt. 1982 plauderte er mit dem damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher über Mode. „Wir vom THW trugen bei offiziellen Anlässen braune, schlabberige Kleidung, die zum Schämen aussah“, sagt Rittner. Er beschwerte sich beim Bund – und wurde mit THW-Mitgliedern aus allen Landesverbänden zur Modenschau nach Bonn eingeladen. Für seine Verdienste um das Hilfswerk erhielt er später das Bundes-THW-Ehrenabzeichen in Silber.

Rittner hat zwei Kinder, drei Enkel und drei Urenkel. Sein Herz schlägt fürs Segeln und Motorrad fahren. Gemeinsam mit Hamburger Pastoren führte er einmal 39.000 Biker auf der Fahrt zum Motorradgottesdienst an.

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