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„Wetten, dass..?“ : „Das Ende begann vor Markus Lanz“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Journalist und Autor Philip Alsen aus Brande-Hörnerkirchen hat 2010 das offizielle Buch über „Wetten, dass..?“ geschrieben.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2014 | 22:00 Uhr

Brande-Hörnerkirchen | 42 Sendungen von „Wetten, dass..?“ hat der Journalist und Autor Philip Alsen aus Brande-Hörnerkirchen live im Studio verfolgt. Zum 30-jährigen Bestehen der Samstagabend-Show schrieb der heute 49-Jährige das offizielle Buch zur Sendung, das im Jahr 2010 erschien. Im Gespräch mit der Barmstedter Zeitung gibt Alsen einen Blick hinter die Kulissen – und berichtet, warum seiner Meinung nach das Ende von „Wetten, dass..?“ schon vor Markus Lanz begann. Das Gespräch führte Christian Uthoff.

Am vergangenen Sonnabend kündigte Moderator Markus Lanz plötzlich, aber nicht überraschend, das Ende von Wetten, dass..? für dieses Jahr an. Hat das Aus der Show Sie überrascht?
Überrascht hat es mich nicht. Man muss an so an einer Sendung nicht festhängen, wenn sie nicht zu retten ist. Die Nachricht allerdings in einem Nebensatz abzuhandeln, das fand ich ein wenig stillos – und das hat ein Format mit so einer Geschichte und Beliebtheit auch nicht verdient.

Warum ist „Wetten, dass..?“ Ihrer Meinung nach letztlich abgesetzt worden?
Die Quote, das Gefühl, den Untergang nicht mehr aufhalten zu können, eine gewisse Ideen- und Fantasielosigkeit… Da spielen sicher viele Gründe mit. Ganz ehrlich glaube ich, dass die Verantwortlichen beim ZDF im Grunde nie wirklich gewusst und geschätzt haben, was sie da für ein Format hatten. Mehr als 30 Jahre hat „Wetten, dass..?“ sechs bis sieben Mal im Jahr ein Millionen-Publikum an die Bildschirme gelockt – und das nicht nur in Zeiten, in denen es nur drei Programme gab, sondern auch heute, wo man sich vor Unterhaltung im Fernsehen kaum noch retten kann. Da saßen Alt und Jung beieinander, jeder hatte was beizutragen. Wie wenig das ZDF ein Gefühl fürs Besondere hat, merkte man zum Beispiel immer bei Jubiläen. Als Gottschalk seine 150. Sendung moderierte, wurde das mit keinem Wort erwähnt, und das 30-jährige Jubiläum der Show – der Anlass, zu dem man mich bat, das Buch zu schreiben – wurde in Zeitungen und Zeitschriften stärker gefeiert als vom ZDF. In der Show selber wurde es kaum erwähnt. Andere hätten da Themen-Sendungen draus gemacht.

Wie haben Sie den Moderatoren-Wechsel erlebt?
Ich fand’s beschämend. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit war meiner Meinung nach erreicht, als sie Hape Kerkeling – jemanden, der schon vorher abgelehnt hatte – als Gast einluden und ihn in der Show fragten, ob er die Show nicht doch moderieren wolle. Sowas macht man einfach nicht. Das ist peinlich, und so eine Behandlung hat eine alte Dame wie „Wetten, dass..?“ auch nicht verdient.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Thomas Gottschalk zurückkommt?
Versuche, ihn zu dazu zu bewegen, wird es sicher geben. Und dass er annimmt, würde ich mir zwar wünschen – glaube es es aber nicht.

Aber er wäre der richtige Moderator?
Ganz bestimmt: Als Moderator ist er eine Bombe. Nicht, weil er so unglaublich fleißig ist, sondern weil er Talent hat und zudem gern auf der Bühne steht. Der war nie jemand, der sich Samstagabend für drei Stunden ein Moderatoren-Kostüm angezogen und ein Lächeln aufgesetzt hat, um beim Publikum gut dazustehen. Der war auf der Bühne nie anders als im Backstage-Bereich. Spontan, authentisch, sehr nahbar. Der steht einfach gern auf der Bühne, und die unterhaltsamsten Momente bei „Wetten, dass..?“ waren damals meist die Generalproben. Teilweise waren die Gäste schon da, teilweise wurden sie durch Lichtdoubles gemimt, immer aber hat Gottschalk frei nach Schnauze geredet, alle durch den Kakao gezogen, sich wirklich sehr herzlich um die Kandidaten gekümmert und jede Menge Witze und dumme Sprüche gemacht, die er später in der Show mit Rücksicht auf eine gewisse Etikette selbstverständlich nicht wiederholt hat. Bei der Generalprobe dabei sein zu können, das war für viele ein wirkliches Highlight. Und  die Generalproben, die öffentlich waren, waren grundsätzlich auch voll besetzt.

Worin besteht aus Ihrer Sicht der Unterschied zwischen Thomas Gottschalk und Markus Lanz?
Lanz ist spröder. Gottschalk war von einer enormen Selbstironie. Der ist Weihnachten in Wien in ein Bordell gegangen, um eine verlorene Wette zu begleichen. Das würde der Lanz niemals tun. 2007 sprang Gottschalk in einer Borat-Badehose in den nur sieben Grad kalten Bodensee. Lanz wettet, dass er strippt wie einer der Chippendales, öffnet kurz das Hemd und dreht sich schnell weg. Gottschalk war da eine andere Klasse Moderator und immer mittendrin.

Wie bewerten Sie Gottschalks Nachfolger?
Er bemüht sich, die Fußstapfen aber sind sehr groß. Das musste daneben gehen. Was mich allerdings ärgert ist, dass jetzt alle auf ihm herum klopfen und so tun, als sei er die Wurzel allen Übels. Was die Zuschauer nämlich nicht wissen und was viele Journalisten vergessen: Hinter „Wetten, dass..?“ steckt nicht nur eine enorme Logistik, sondern auch eine große Redaktion, die die Show bis ins Kleinste vorbereitet. Wenn sich also alle darüber mokieren, dass sich Gerard Butler auf Mallorca Eiswürfel in den Schritt gießt, muss man sagen: Das hat sich nicht der Lanz, sondern die Redaktion ausgedacht.

Warum ist es so weit gekommen, dass „Wetten, dass..?“ jetzt eingestellt wurde?
Ich glaube, das Ende von „Wetten, dass..?“ hat schon vor Markus Lanz begonnen. Und zwar, als sie Michelle Hunziker geholt haben, die ich sehr gern mag. Sie war präsent, irre sympathisch und strahlte wie eine Elfe. Gleichzeitig aber verlor Gottschalk. Plötzlich saß er wie ein alter Mann auf dem Sofa, beschränkte sich auf Smalltalk mit den Gästen und tat so, als wüsste er nicht, was für ein Kandidat gerade auftrat. Das war weder glaubwürdig, noch schillernd. Ich glaube, dass das Konzept da nicht gegriffen hat. Vielleicht hatte er aber auch tatsächlich keine Lust mehr. Bei seinen schlechtesten Shows waren immerhin noch elf Millionen Zuschauer dabei, aber er wurde behandelt, als hätte er die Sendung heruntergewirtschaftet. Da kann man schon den Spaß verlieren.

Philip Alsen (49) aus Brande-Hörnerkirchen hat das offizielle Buch zur Sendung geschrieben, das 2011 im Riva-Verlag anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Sendung erschien. Alsen hat unter anderem für Gruner+Jahr, den Axel-Springer- und den Bauer-Verlag gearbeitet. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er als selbstständiger Journalist und Autor.
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