Besuch in Gedenkstätte : Bewegendes Treffen für GSS-Schüler

Geschichtsunterricht aus nächster Nähe: Marian Turski erzählt den Schülern, wie er den Holocaust im Konzentrationslager Auschwitz überlebte.
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Geschichtsunterricht aus nächster Nähe: Marian Turski erzählt den Schülern, wie er den Holocaust im Konzentrationslager Auschwitz überlebte.

Barmstedter sprechen in der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen mit dem Holocaust-Überlebenden Marian Turski.

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02. März 2018, 16:00 Uhr

Barmstedt/Nützen | Es ist eine Handbewegung, die über Leben und Tod entscheidet. „Meine Mutter ging in die eine Richtung, mein Vater und mein jüngerer Bruder wurden direkt ins Gas geschickt.“ Marian Turski schildert diesen vielleicht entscheidendsten Moment seines fast 92-jährigen Lebens in nüchternen Worten – den Tag im August 1944 als er mit seiner Familie an der Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz steht – und vom Rest seiner Familie getrennt wird. Nun ist der jüdische Pole zurück an einem Ort des Terrors in Schleswig-Holstein, der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen (Kreis Segeberg), wo gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Hunderte Zwangsarbeiter beim Ausbau eines Militärflughafens ums Leben gekommen sind. Turski erzählt seine Geschichte Schülern der Barmstedter Gottfried-Semper-Schule (GSS) und der Gemeinschaftsschule Kellinghusen (Kreis Steinburg).

Die Barmstedter und ihre Lehrerin Maike Schröder erlebten eine äußerst eindrückliche Begegnung mit einem Zeitzeugen der Nazigräuel. „Die Schüler waren schon einmal hier, kennen die Gedenkstätte, aber die Möglichkeiten, einen Zeitzeugen zu hören, werden immer seltener. Deshalb sind wir gern und voller Erwartungen hier“, berichtete die Weltkundelehrerin Schröder. „Von so einem Menschen selbst einmal zu hören, was er wie erlebt hat, das finde ich spannend“, schilderte Schülerin Jessica ihre Motivation. Dina wollte wissen, wie Turski sich damals gefühlt habe und was er heute für Gefühle habe. Nico wollte ihn fragen, ob er kleine Dinge erlebt habe, die ihn bei all dem Grauen ein bisschen Freude gemacht hätten.

Todesmarsch: "Wer anhielt, wurde erschossen"

Zuerst schaute sich Turski, Vorsitzender des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, die Gedenkstätte an. Als eines von 86 Außenlagern des KZs Neuengamme mit über 100.000 Gefangenen wurden bei Kaltenkirchen bis zu 560 Menschen zu Arbeitseinsätzen untergebracht. Dann erzählt er von dem Todesmarsch aus Auschwitz, den er mitgemacht hat. „Wer anhielt, wurde erschossen.“ Turski erzählt von dem Viehwaggon, in dem er mit über 100 anderen Häftlingen zusammengepfercht war. „Das einzige, was wir bei minus 20 Grad zu essen hatten, war der Schnee der durchs offene Dach in den Waggon fiel.“ Als er nach Tagen aus dem Waggon darf, sind 36 Mithäftlinge tot. „Minus 36“, sagt Turski.

„Krass“, sagt der 17-jährige Ansgar dazu. Er geht in die elfte Klasse der Gemeinschaftsschule Kellinghusen, hat das Geschichtsprofil belegt. „Mein Problem beim Geschichtsunterricht war immer, dass alles so weit in der Vergangenheit liegt – das ändert sich natürlich, wenn man hier jemanden hat, der das alles miterlebt hat.“

Turski redet nicht zum ersten Mal vor Schülern. Der Kontakt ist ihm wichtig, für den Besuch in Schleswig-Holstein hat er einen Vortrag in New York verschoben. Was ihn den Horror von Verfolgung und KZ-Haft überleben ließ, wird er gefragt. Turski holt wie immer bei seinen Antworten weit aus, erzählt von einer Widerstandsorganisation, der er schon im Ghetto von Lodz angehörte. Und von zehn jungen Leuten, die mit ihm in Auschwitz eingesperrt waren. „Wir haben uns Halt gegeben“, sagt Turski. Jeden Tag hätten sie eine halbe Stunde lang Sprachen gelernt, um nicht abzustumpfen. Und als ihm ein Aufseher die Brille zerschlägt, geben sie ihm alle ein Drittel ihrer ohnehin knappen Brotration, damit er Mithäftlingen die Brille eines Ermordeten abkaufen kann. „Kurzsichtig und ohne Brille – ich wäre im KZ verloren gewesen“, sagt Turski und antwortet dann auf die Frage: „Solidarität und Empathie – das ist es, was mich überleben ließ.“

"Ich dachte, ich muss noch sterben"

Bei der Befreiung wiegt Turski nur noch 30 Kilo, er hat Läuse, erkrankt an Typhus. „Ich dachte, ich muss doch noch sterben.“ Aber in einem Lazarett kommt er wieder zu Kräften, freundet sich mit einem anderen Polen an, der in Deutschland Verfolgte zur Rückkehr in ihr Heimatland motivieren will. Zum Andenken an Turski nimmt er ein Foto von ihm mit. Zufällig landet das unter Aufnahmen, die Ex-Häftlinge sehen. „Darunter war meine Mutter und sie hat mich sofort erkannt“, sagt Turski. Am nächsten Tag sieht er sie wieder – eineinhalb Jahre nach der Trennung an der Rampe in Auschwitz. Selbst heute kann er die Tränen nicht zurückhalten, wenn er die glückliche Wiedervereinigung beschreibt. Durch eine Amnesie sei es ihm 20 Jahre nicht möglich gewesen, sein Erle-ben zu schildern. Erst später, ab dem 8. Mai 1965, konnte er das Grauen des Holocausts in Worte fassen. Seit dem ist er in der ganzen Welt unterwegs, um gegen das Vergessen zu arbeiten.

Sichtlich beeindruckt waren die Barmstedter Schüler. „Wenn so ein Mann das persönlich schildert, ist das ganz anders, als wenn man die Ge-schichte liest. Seine Lebens-freude ist so spürbar“, schil-dert Jessica ihre Eindrücke. Nico berührte die Schilderung von kleinen Momenten der Freude in all dem Grauen. Dina bewunderte, dass Turski immer so stark geblieben sei und heute so frei darüber reden könne.

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