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Vom Gläubigen zum Atheisten : Bernd Galeski aus Barmstedt kehrte seiner Glaubensgemeinschaft nach 36 Jahren den Rücken

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Kritik am früheren Papst. Das Ergebnis jahrelanger Recherchen ist ein 190-seitiges Buch.

Barmstedt | „Ich war ein 150-Prozentiger, ich habe das gelebt“, sagt Bernd Galeski. Der Barmstedter war Mitglied in einer ordensähnlichen Glaubensgemeinschaft – von Geburt an, 36 Jahre lang. 2002 trat er aus. Mit den Worten „Ich bin Atheist, denn ich glaube weder an die Bibel noch an Gott. So einfach ist das“ ließ der heute 50-Jährige sein gesamtes früheres Leben hinter sich. Manche lassen es damit auf sich beruhen. Galeski nicht: Er begann, sich mit dem damaligen Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) auseinanderzusetzen und dessen Aussagen in Frage zu stellen. Das Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen ist ein 190-seitiges Buch (siehe Info-Kasten), das kaum ein gutes Haar an Ratzinger lässt.

Wie kommt ein Atheist dazu, sich kritisch mit dem Papst auseinanderzusetzen? Diese Frage dränge sich förmlich auf, sagt Galeski – und beginnt zu erzählen. „Ich bin in einem sehr religiösen, christlich-fundamentalistischen Elternhaus aufgewachsen. Meine Mutter hat mir zum Beispiel mal gesagt, es habe ihr schon immer Spaß gemacht, sich Autoritäten zu unterwerfen.“ Kurz nach seiner Geburt in Marl (Nordrhein-Westfalen) war die Familie in den Westerwald gezogen, wo Galeski nach der Schule eine Lehre als Industriemechaniker begann. „Das war total verfehlt, es hat überhaupt nicht zu mir gepasst.“ Anschließend zog er nach Selters (Taunus) in die Zentrale der Glaubensgemeinschaft, für die er dann zehn Jahre lang arbeitete – „zu Gottes Lohn und Taschengeld“. Er sei in die Tage mit strengen Ritualen „ganz aktiv eingebunden gewesen“ und habe auch die Bibel mehrfach gelesen.

Irgendwann kamen Galeski erste Zweifel, ob das, was die Bibel und die Gemeinschaft lehrten, richtig war. „Nach und nach sind aus meinem Puzzle mit den vielen Mosaiksteinen immer mehr herausgebrochen.“ Er sei in Kontakt zu anderen gekommen, die gegen Vorgesetzt rebellierten, „und die mir sehr sympathisch waren“. Noch stärker wurden seine Zweifel, als er 2000 nach Barmstedt zog, weil seine Schwester dort lebte. Mit der hiesigen Gemeinde sei er „nicht so richtig warm“ geworden, sagt Galeski – Folge: „Hier bin ich ungläubig geworden.“ Doch zum endgültigen Absprung konnte er sich noch nicht entschließen. Bis zu den Terroranschlägen am 11. September 2001. „Da habe ich gesehen, wohin Gottgläubigkeit führen kann, und habe mir gesagt: Das willste nicht, das willste nicht.“ Es war der letzte Mosaikstein, der aus dem Puzzle fiel.

Das Buch „Die Welt des konservativen Katholizismus am Beispiel Joseph Ratzingers“ ist im Tectum-Verlag erschienen. Es kostet 19,95 Euro und ist im Buchhandel erhältlich. ISBN: 978-3-8288-3457-6.

Ein paar Monate später stand sein Entschluss fest. Er wandte sich an den Gemeindevorderen und erklärte seinen Austritt. Probleme habe er dadurch nicht bekommen, sagt Galeski. Es habe niemand versucht, ihn davon abzubringen. „Wieso auch? Ich hatte ja die schlimmste Sünde begangen: Ich habe Gott geleugnet.“

Die Abkehr vom Glauben habe sich über viele Jahre hingezogen. „Er ist allmählich verblasst.“ Anfangs habe er sich noch dagegen stemmen wollen, „aber dann habe ich eingesehen, dass das keinen Sinn hat“. Man müsse Veränderungen zulassen, meint er. „Denn was kann schon passieren?“ Ratzinger habe behauptet, Ungläubigen drohe „das Abgleiten ins Nichts. Aber das stimmt nicht.“ Sein Weg sei „eine Heimkehr zu sich selbst“ gewesen, sagt Galeski. Obwohl er den Kontakt zu seinen Eltern verlor, sei er seit dem Austritt viel glücklicher.

Für sein Buch habe er viel von Ratzinger gelesen und dessen Ansprachen gehört, so Galeski – unter anderem die Rede im Bundestag, „die alle so gelobt haben. Und ich habe mich gefragt: Wieso? Da  stimmen doch so viele Sachen nicht. Da musst du mal was dagegensetzen.“ Um sein Buch zu veröffentlichen, habe er sechs Verlage angeschrieben. „Der siebte wollte es dann.“ Er sei zwar ein theologischer Laie, habe der Verleger ihm gesagt – „aber schicken Sie mal trotzdem Ihr Manuskript“.

Im Herbst will Galeski ein zweites Buch in Angriff nehmen. „Es soll um Leute gehen, mit mit Inbrunst ihre früheren Freunde bekämpfen.“ Er wolle darin der Frage nachgehen, erklärt der Barmstedter, „warum der Mensch sich so sehr davor fürchtet, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden, dass er sich selbst verleugnet“.

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erstellt am 19.Sep.2015 | 10:00 Uhr

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