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Barmstedter Zeitung

15. Dezember 2017 | 03:33 Uhr

Historie : Als ein Mundraub tödlich endete

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Heimatforscher rekonstruiert dramatische Ereignisse von 1922: Schlägerei in der Reichenstraße eskaliert

shz.de von
erstellt am 29.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Barmstedt | Eine Schlägerei wegen Mundraubs, die mit zwei Toten endet: Diesen Vorfall, der sich vor 94 Jahren in Barmstedt ereignete, hat der Bokeler Heimatforscher Helmut Trede vor Kurzem beim Aufbau des Gemeinschaftsarchivs Barmstedt/Hörnerkirchen entdeckt. „Was hier ganz plötzlich ans Tageslicht gespült wurde, war nicht einfach nur ein tödlicher Streit. Vielmehr war der tiefere Hintergrund für die dramatischen Ereignisse eine seit Jahrhunderten unterschwellig vorhandene, teilweise auch offen gezeigte Abneigung und Verachtung gegen eine Bevölkerungsgruppe, die man heute Sinti und Roma nennt, die damals aber fast ausschließlich unter dem Begriff Zigeuner bekannt war“, so Trede.

Es war die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die junge Weimarer Republik befand sich in einer Krise, und eine galoppierende Inflation strebte ihrem Höhepunkt entgegen. Auch in Barmstedt und Umgebung litt die Bevölkerung unter den Kriegsfolgen, und „Fremdländische“ waren nicht gern gesehen. In Barmstedt campierten die „Zigeuner“ meist im sogenannten „Ackerlock“ am südlichen Teil der Feldstraße. Am 13. August 1922, dem Stoppelmarkt-Sonntag, sei die bis dato relativ friedliche Situation „plötzlich eskaliert“, so Trede.

Seit einigen Tagen hatte eine „starke Zigeunertruppe“ mit zahlreichen Wagen ihr Lager in der Nähe der Präparandenanstalt aufgeschlagen. Als ein Zigeunerkind beim wiederholten Diebstahl von Gartenfrüchten auf dem Grundstück der Witwe Federling erwischt wurde, verpasste ihm ihr Sohn Wilhelm offenbar einige Ohrfeigen. Darüber erbost, fielen die Zigeuner über ihn her und misshandelten nicht nur ihn, sondern auch zwei in der Nähe wohnende, zu Hilfe eilende Arbeiter aufs Schwerste. Als der Tumult immer größer wurde und die zum Teil angetrunkenen Zigeuner die Misshandelten immer stärker schikanierten und auch das Federlingsche Gebäude zu demolieren begannen, versuchte der nebenan wohnende Kaufmann H. Mohnssen den Streit zu schlichten. Er geriet dabei aber selbst in arge Bedrängnis. Um die Zigeuner einzuschüchtern und seinem Vater Luft zu verschaffen, gab Mohnssens Sohn einige Warnschüsse ab. Nun richtete sich die ganze Wut gegen ihn, woraufhin er mit seinem Vater ins Haus – ein Kaufhaus an der Ecke Reichenstraße/ Feldstraße – flüchtete. Als die Zigeuner es zu stürmen begannen, gab der junge Mohnssen an der Hintertür in höchster Not zwei weitere Schüsse ab, durch die ein Zigeuner (24) getötet und dessen Vater (55) schwer verwundet wurde.

Selbstjustiz auf dem Marktplatz

Daraufhin seien ein „gewaltiger Auflauf und ein beängstigender Tumult“ entstanden, so Trede. Die Polizei musste sogar die Feuerwehr zur Aufrechterhaltung der Ordnung alarmieren. Der Schütze wurde nach Elmshorn ins Untersuchungsgefängnis überführt. Bei seinem Abtransport spielten sich geradezu unglaubliche Szenen ab: Völlig unbeteiligte junge Leute fesselten ihn in einer Art Selbstjustiz, misshandelten ihn und zogen ihn auf dem Markt von einer Bude zur anderen, wobei der Arbeiter Otto Ralfs rief: „Hier ist ein reaktionärer Massenmörder!“ Später wurden drei von ihnen verhaftet, „Die politische Ausrichtung von Teilen der Bevölkerung war unverkennbar zu spüren“, so Trede.

Den 24-jährigen Toten nahmen die Zigeuner mit in ihre Wagenburg, der verwundete 55-Jährige starb im Laufe des Abends im Barmstedter Krankenhaus. Zwei Tage später gab die Staatsanwaltschaft die Leichname zur Beerdigung frei. Die Angehörigen kleideten sie neu ein und bahrten sie dann in kostbaren Eichensärgen in der Wagenburg an der Feldstraße offen auf. Einen Tag später wurden die Särge mit dem Zug nach Altona zur Beisetzung befördert. Die Familie der Toten und die gesamte „Zigeunerbande“ (Barmstedter Zeitung) forderten in ihren Reden von Mohnssen ebenso wie von der Stadt eine finanzielle Entschädigung und eine Erstattung der Beerdigungskosten und kündigten an, auf dem Wege der Zivilklage ihr Recht zu suchen.

Am 18. August 1922 zog die Zigeunertruppe, die eine Woche lang die ganze Stadt in Aufregung versetzt hatte, unter Aufsicht von fünf Landjägern wieder ab. Sie wurden zunächst nach Hörnerkirchen gebracht und sollten von dort in den Kreis Steinburg abgeschoben werden, von wo aus sie von den dortigen Landjägern weitergeleitet werden sollten. Der verhaftete Zigeunerhauptmann und seine Landsleute konnten das Untersuchungsgefängnis gegen eine Sicherheitsleistung von 140.000 Mark und die Stellung einer Bürgschaft von weiteren 100.000 Mark (Inflationzeit!) wieder verlassen.

Der zunächst verhaftete junge Mohnssen war bereits nach einem Tag wieder auf freiem Fuß, da die Ermittlungen ergeben hatten, dass er in Notwehr gehandelt hatte. Die Untersuchungen zur Aufklärung des ganzen Sachverhaltes sollten jedoch fortgesetzt werden, hieß es amtlicherseits. „Damit enden die aufgefundenen Nachrichten zu diesem aufsehenerregenden Thema“, so Trede. Ob es eine Gerichtsverhandlung und ein Urteil gegeben habe, sei bis jetzt nicht geklärt. Auch über die mündlich geäußerten Drohungen von „Blutrache“ seitens der Zigeuner gebe es bis dato keine gesicherten Erkenntnisse.

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