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Brande : Als das Öl noch aus der Erde sprudelte

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Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Dea verzeichnete 1954 bei Brande einen großen Bohrerfolg. Pferdekopfpumpen prägten Jahrzehnte das Landschaftsbild.

shz.de von
erstellt am 25.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Lutzhorn/Bokel | Es war ein Donnerstag im Juni 1954: Mehr als ein Jahr hatten die Männer am Bohrloch in Brande-Hörnerkirchen geschuftet. An diesem Tag hatten sie endlich Erfolg: Aus einer Sechs-Millimeter-Düse strömte Erdöl mit etwa 40 Atmosphären Druck in die Tanks der Deutschen Erdöl AG – kurz Dea. Die Elmshorner Nachrichten sprachen kurz darauf in einer ihrer Ausgaben vom „sensationellen Bohrerfolg in Brande“. Werner Kock aus Lutzhorn kann sich an diesen Tag noch erinnern: „Zwischen Brande und Groß Offenseth sprudelte Öl aus dem Boden. Es kam mit eigenem Druck aus der Erde und wurde anfangs in Stahlwannen aufgefangen“, erzählt er. „Das war eine ölige, zähe Masse.“

Mittlerweile ist das Thema aktueller denn je. Eine Ölförderung nördlich von Barmstedt – wie es sie vor Jahrzehnten schon einmal gab – ist ein Stück näher gerückt. Gegenüber der Barmstedter Zeitung hatte die Förderfirma PRD Energy erklärt, sich bei der Suche nach Ressourcen auf die ehemaligen Ölfelder – wie das in Brande – zu konzentrieren. Aber es sei noch unklar, ob man die Förderung jemals wieder aufnehme. Würde das Unternehmen die Erdölfelder wieder erschließen wollen, dann mittels Horizontalbohrtechnik.

Auch Regionalhistoriker Helmut Trede hat sich in seiner Chronik über die Hörner-Dörfer mit der Ölförderung beschäftigt. Von ihm stammen die gesammelten Zeitungsausschnitte und Karten. Die Zeit des schwarzes Goldes hat er aber auch als Kind selbst miterlebt. „Ab 1953 ist im Bohrfeld Bramstedt von der Dea gebohrt worden“, berichtet er. 24 Bohrungen gab es, nur sechs waren nicht fündig. Die Funde in Brande sollen aus ölführenden Doggersandschichten stammen. Sie liegen in etwa 2000 Metern Tiefe und sind wahrscheinlich 170 Millionen Jahre alt. Besonders hochwertig sei das Öl aber nicht gewesen, sagt Trede. „Es war wohl viel Sand dazwischen.“

Eine Fläche von etwa 300 Hektar hatte das Erdölgewinnungsfeld Brande. Die schwarzen Punkte symbolisieren fündige Bohrungen, die weißen nicht-fündige.
Eine Fläche von etwa 300 Hektar hatte das Erdölgewinnungsfeld Brande. Die schwarzen Punkte symbolisieren fündige Bohrungen, die weißen nicht-fündige. (Quelle: Skizze aus Übersichtskarte der Dea, 1956)
 

Ein Dutzend Pferdekopfpumpen soll laut Trede in der Anfangszeit das Öl gefördert haben. Die letzte sei Ende der 80er-Jahre abgebaut worden sein. „In Dauenhof gab es einen Ölbahnhof“, so der Regionalhistoriker. „Von dort wurde es nach Heide gebracht und weiter verarbeitet.“ Weil die Bohrungen nicht direkt an den Hauptstraßen lagen, habe man damals Zufahrtswege über die Felder gebaut – die Ölfeldstraßen. „Die Straßen sind geblieben; heutzutage aber noch Zeitzeugen zu finden, ist schwierig“, sagt Trede. „Immerhin ist das 70 Jahre her.“ Die Bohrschlämme sind laut dem Regionalhistoriker in einer alten Mergelkuhle nahe Bokel gelagert worden. „Jahrzehnte war das Gelände eingezäunt und durfte nicht betreten werden. Man konnte da versacken“, sagt er. Mittlerweile werde das Areal wieder genutzt – als Buckelpiste für Motocross.

Trede kann sich auch noch an Bohrstellen im Lutzhorner Bereich erinnern – genau wie Werner Kock, ehemaliger Bürgermeister von Lutzhorn. „Es begann mit seismischen Bohrungen“, berichtet er. „Sie mussten ja feststellen, wo das Öl ist.“ Als er 20 Jahre alt gewesen sei, habe man auch auf dem Acker seiner Familie nach Öl gebohrt. „Auf dem Acker meines Nachbarn haben sie die Bohrstelle nicht mehr dicht bekommen“, erzählt er. „Es lief Wasser heraus.“ Der Landwirt hätte schließlich aus der Not eine Tugend gemacht und das Bohrloch als Tränke für sein Vieh genutzt.

Als 1954 in Brande das schwarze Gold an die Oberfläche sprudelte, habe eine gewisse Goldgräberstimmung geherrscht. „Man versprach sich einen Boom, wobei betroffene Landbesitzer wussten, dass sie keinen Anteil am Öl bekommen würden“, erzählt Kock.

Auch die Elmshorner Nachrichten berichteten 1954 davon, dass sich die Meldung vom Ölfund wie ein Lauffeuer im Bereich der Hörner-Dörfer herumgesprochen habe. „Die Bohrstelle mit dem fast 40 Meter hohen, weit sichtbaren Turm wurde zu einer Art Wallfahrtsstätte“, heißt es in dem Artikel. Bohrleiter Naehl und seinen drei Schichtführern sei die Freude ins Gesicht geschrieben gewesen. „In großer Zuvorkommenheit“ hätten sie der Bevölkerung Rede und Antwort gestanden auf die vielen hundert Fragen, die auf sie einstürmten. Widerstand habe es damals keinen gegeben, sagt Kock. Ein wesentlicher Faktor sei auch gewesen, dass viele Menschen aus der Region auf den Ölfeldern und an den Pumpen Arbeit fanden. „Es war eine harter Job, aber sie haben gutes Geld verdient.“

Umweltschutz sei damals nicht so wichtig gewesen, so der ehemalige Bürgermeister – und verweist ebenfalls auf die Bohrschlämme bei Bokel. „Fairerweise muss man sagen, dass man heute nichts mehr von der Förderung sieht. Es ist sehr sauber aufgeräumt worden“, meint er. Ende der 80er-Jahre habe er die letzten Pferdekopfpumpen in der Region gesehen. „Das Ganze ist letztlich aufgegeben worden, weil das Öl auf dem Weltmarkt billiger war.“

PRD Energy analysiert derzeit die Altdaten zu den Erlaubnisfeldern Bramstedt und Elmshorn. Ein bis zwei Jahre könne das laut Projektleiter Wigbert Freund in Anspruch nehmen. Die Planung einer anschließenden Seismik nimmt einen ähnlichen Zeitraum in Anspruch. Sei das Potenzial der Lagerstätten zu gering, sei es sogar möglich, dass PRD seine Erlaubnis zurückgebe.
Sie haben selbst auf den Ölfeldern in der Region gearbeitet, haben alte Fotos im Archiv oder können etwas über die Förderung im Norden Barmstedts erzählen? Die Barmstedter Zeitung sucht Zeitzeugen, die über ihre Erlebnisse berichten. Eine Kontaktaufnahme mit der Redaktion ist unter 04123-2032, cut@a-beig.de oder per Brief (Barmstedter Zeitung, Reichenstraße 17, 25355 Barmstedt) möglich.
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