Region Barmstedt : Alles ist knochentrocken

<p>Landwirt Matthias Gülck aus Bilsen macht sich Sorgen um seine Ernte.</p>
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Landwirt Matthias Gülck aus Bilsen macht sich Sorgen um seine Ernte.

Es ist ein extremes Anbaujahr für die Landwirte: Erst war es viel zu nass, seit Mai hat es hingegen viel zu wenig geregnet. Bauern wie Matthias Gülck aus Bilsen rechnen mit hohen Ernteeinbußen.

shz.de von
08. Juli 2018, 16:00 Uhr

Bilsen | Kaum Regen, dafür viele Sonnenstunden: Die Landwirte im Kreis Pinneberg machen sich Sorgen um ihre Pflanzen. Die Ernteaussichten seien aktuell sehr unterdurchschnittlich, berichtet Peer Jensen-Nissen, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Pinneberg. Laut Niederschlagsmessungen, die das Wetterportal kachelmannwetter.com zeigt, hat es in diesem Monat im Kreis Pinneberg bislang kaum einen Tropfen geregnet. Im Juni waren es durchschnittlich um die 40 Millimeter, die Werte nördlich von Barmstedt lagen noch darunter. Die Konsequenzen: Der erste Silo-Schnitt sei unterdurchschnittlich gewesen, der zweite und dritte teilweise gar nicht vorhanden gewesen.

Langsam rückt auch der Mais in den Fokus. „Der Mais braucht jetzt Wasser, um den Kolben auszubilden“, so Jensen-Nissen weiter. „Wir freuen uns über jeden Regentropfen. Ideal wären ein paar Tage Landregen.“ Doch der ist laut Deutschem Wetterdienst (DWD) nicht in Sicht: Das Wochenende soll sonnig und warm werden. Erst Anfang der kommenden  Woche seien einzelne Schauer möglich, so der DWD.

Der Mais braucht jetzt Wasser

Im vergangenen Jahr hatten die Landwirte in der Region rund um Barmstedt mit dem vielen Wasser auf den Feldern zu kämpfen. In diesem Jahr sind sie mit dem anderen Extrem konfrontiert. Landwirt Matthias Gülck aus Bilsen schaut sich derzeit immer wieder besorgt die Wetterkarten an. „Es sieht nicht gut aus. Wenn es in den nächsten zehn Tagen nicht kräftig regnet, habe ich ein Problem mit dem Mais“, sagt er.

Jetzt beginnt die Maisblüte, die Pflanze bildet die Kolben. „Dafür braucht sie Wasser, sonst werden die Kolben extrem klein und notreif“, erklärt Gülck, der 70 Hektar Mais besitzt. Wegen der anhaltenden Trockenheit sehe es mit der Grassilage nicht besser aus. „2017 mussten wir sie zu feucht fahren, weil es zu nass war, und pampiges Gras ist für Kühe als Wiederkäuer nicht gut“, so Gülck. Jetzt stehe das Gras zu trocken auf dem Halm. Es müsse nach dem Breitliegen schnell zusammengeschwadert werden, damit es kein Heu werde, weil es schnell anwelke.

Zwei Schnitte habe er jetzt gemacht, sagt Gülck. „Eigentlich sollte das Gras kniehoch stehen, doch dem war nicht so. Wir haben jetzt 30 Prozent weniger Ertrag als normal.“ Vier bis fünf Schnitte im Jahr seien Durchschnitt, jetzt wachse das Gras kaum. Auf einer Teilfläche sät Gülck Rotklee aus. „Das ist eiweißhaltiges Futter für die Kühe, und außerdem bindet der Klee Stickstoft, ist guter Dünger und bienenfreundlich“, zählt der Landwirt auf.

Um die Sommergerste steht es nicht gut

Auch um seine Sommergerste auf 20 Hektar stehe es nicht gut, sagt Gülck. Er reißt eine Pflanze heraus, zeigt auf die Wurzel und zerbröselt die anhaftende Erde. „Knochentrocken“, stellt er fest. Am Bestockungsknoten über der Wurzel hätte sich der Stängel weit weniger verzweigt als üblich. Dadurch gebe es weniger ährentragende Halme. Es müsse jetzt regnen und zwar kräftig. Fünf bis sechs Tonnen pro Hektar seien der normale Ertrag. „Ich rechne mit 50 Prozent Verlust“, sagt Gülck. Er habe das Getreide auch erst spät säen können, weil das Frühjahr zu nass gewesen sei. Aus der Sommergerste wird Bier gebraut. Wenn weniger Gerste gedroschen werde, gebe es auch weniger Stroh. „Das muss ich dann zukaufen“, so Gülck.

Seinem Vater, von dem er den Hof übernommen hat, sei besonders das Jahr 1976 in Erinnerung geblieben, sagt der Landwirt. „Er erzählte mir, dass es in dem Jahr von Mai bis September kaum geregnet hatte und die Weiden braun waren.“ Sein Vater sei dann mit dem Trecker losgefahren, um Stroh aus der Gegend um Bad Segeberg zu holen. „Das Wetter ist für uns Bauern sehr wichtig“, betont Gülck. Und welches Wetter wünscht sich der Landwirt? „Wärme und alle paar Tage ein kräftiger Schauer, das wäre ideal“, sagt er lachend,

Nebenher mache auch die Bürokratie den Landwirten das Leben schwer: Gülck hatte 2017 etwas für die Insektenvielfalt tun wollen und daher Blühstreifen an den Ackerrändern vorgesehen. „Wir müssen Grundanträge stellen, um Fördermittel von der EU zu kriegen“, sagt er. Die Kontrolleure stellten dann fest, dass er wegen einer falschen Bezeichnung eine größere Fläche als angegeben insektenfreundlich besät hatte. „Mir wurden deswegen Sanktionen angedroht. Die konnte ich zwar abwenden, aber diesen bürokratischen Irrsinn mache ich nicht noch einmal“, so sein Fazit.

Schwierige Zeit für Lohnunternehmer

Auch für den Bilsener Landwirt und Lohnunternehmer Björn Thießen ist die Situation derzeit schwierig. Thießen hat Mastbullen und baut auf 80 Hektar Mais, Raps, Weizen und Gerste an. Zudem hat er 40 Hektar Grünland. Er bestätigt Gülcks Aussagen. „Die Lage ist nach dem schon schweren Start im Frühjahr, als es zu nass war, jetzt katastrophal.“ Der hohen Winterfeuchtigkeit sei es geschuldet, dass das Getreide erst schwer in den Boden zu bekommen war. „Es hat sich zu wenig Wurzelmasse gebildet, die wenig Wasser ziehen kann“, so Thießen. Der Raps sei kurz vor der Ernte, er sei zu schnell und mit 30 Prozent weniger Nebentriebe gewachsen. Bei Weizen rechne er mit 30 Prozent Einbußen. Die jetzt geerntete Wintergerste bringe üblicherweise bis zu 8,5 Tonnen pro Hektar, in diesem Jahr seien es zwischen drei und sechseinhalb Tonnen pro Hektar. Der Mais stehe bis jetzt gut, für die Blütenbildung benötige er aber nun viel Wasser. „Die Grasnarbe muss jetzt 50 bis 80 Liter Regen haben. Viele Betriebe werden sonst Futternot bekommen“, so Thießen. Die Grünflächen hätten bis jetzt erst den halben Ertrag gebracht.

Und auch, wenn es an die Ernte geht, ist Wachsamkeit gefragt. Aufgrund der Trockenheit reicht schon ein Funken beim Schneidmesser einer Erntemaschine, um einen Flächenbrand auszulösen – wie kürzlich in der Region Hannover. Auch Thießen ist sich der Gefahr bewusst. „Wir reinigen unsere Erntemaschinen mehrfach und häufiger, um dem vorzubeugen, und haben Feuerlöscher dabei – aber verhindern können wir einen Brand nicht unbedingt“, sagt er. Passanten bittet er eindringlich darum, keine Flaschen und Zigarettenstummel in die Feldmark zu werfen – die Brandgefahr sei hoch.

Verbraucher eher nicht betroffen

Die aktuelle Situation bereite Sorgen, sagt auch Peer Jensen-Nissen, Geschäftsführer vom Kreisbauernverband Pinneberg. Die Ernteaussichten seien unterdurchschnittlich. Wie die Erträge aber tatsächlich insgesamt ausfallen werden, sehe man erst am Ende. „Die Bedenken werden aber größer“, sagt Jensen-Nissen. Bewässerungsanlagen, wie es sie häufig bei Sonderkulturen wie beim Obstanbau gebe, seien bei den großen Flächen der Landwirte nicht abbildbar. Da eine Einheit 25 bis 30 Hektar abdecke, bräuchte ein normaler Betrieb bis zu drei Einheiten – ein nicht unwesentlicher Kostenfaktor. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein spricht von einem „extremen Anbaujahr“. Im Herbst und Frühjahr sei es zu nass und ab Mai viel zu trocken gewesen. „Die Ackerbauern in Schleswig-Holstein müssen mit Ertragseinbußen rechnen“, heißt es. Der Verbraucher sei davon aber eher nicht betroffen. „Brot und Brötchen werden nicht teurer, denn weltweit gibt es zum einen reichlich Getreide am Markt, und zum anderen macht der Rohstoffanteil am Brötchen gerade mal einen Euro-Cent aus“, heißt es.

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