„Ich dachte, ich müsste hier sterben“ : 70 Jahre nach Kriegsende - ein Zeitzeuge berichtet

Fotos, Zeichnungen, Bücher, Karten: Die Dokumente geben einen Einblick in das Leben von Heinz Schümann aus Lutzhorn. Als 16-Jähriger musste er während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs für die Wehrmacht kämpfen und wurde dabei schwer verwundet.
Fotos, Zeichnungen, Bücher, Karten: Die Dokumente geben einen Einblick in das Leben von Heinz Schümann aus Lutzhorn. Als 16-Jähriger musste er während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs für die Wehrmacht kämpfen und wurde dabei schwer verwundet.

Als Jugendlicher wurde Heinz Schümann wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs zwangseinberufen und schwer verwundet.

shz.de von
20. Mai 2015, 12:00 Uhr

Lutzhorn | „Ich dachte, ich müsste hier sterben“, sagt Heinz Schümann (86) und tippt auf ein Foto. Vor dem Lutzhorner liegen zahlreiche Bilder aus Gemünden am Main, etwa 40 Kilometer nördlich von Würzburg. Während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs geriet der damals 16-Jährige in ein Feuergefecht mit den Amerikanern. Es war sein erstes und letztes Gefecht, sagt der Lutzhorner. Zwei Mal wurde er an diesem 4. April 1945 getroffen und dabei schwer verwundet. Doch Schümann überlebte. Die Amerikaner nahmen ihn gefangen, brachten ihn in ein Feldlazarett und pflegten ihn gesund. Im September 1945 – nur wenige Monate nach seiner schweren Verwundung – konnte er nach Lutzhorn zurückkehren.

Schümann war gerade 16 Jahre alt – ein Teenager –, als er das erste Mal mit dem Krieg in Kontakt kam. „Ende 1944 bin ich zum Notdienst verpflichtet worden“, erzählt er. „Man ging davon aus, dass die Engländer nahe Husum landen würden. Also mussten wir dort Gräben schaufeln“, erzählt er. Zehn Pfund habe er während dieser Zeit abgenommen. „Es war eine Plackerei“, sagt er.

Es folgten weitere Dienste, anschließend wurde er am 14. Februar 1945 zur Wehrmacht zwangseinberufen. Der Lutzhorner war kein Kriegsfreiwilliger. „Es kam ein Schreiben“, erinnert sich Schümann. „Der Krieg ist verrückt, habe ich in diesem Augenblick gedacht. In meinen Augen war er schon verloren.“ Aber gegen die Einberufung habe man nichts tun können. „Wenn man nicht erscheint, wird man gesucht und im schlimmsten Fall sogar erschossen, wenn man gefunden wird.“ Da er kein Kriegsfreiwilliger war, sei einer einmal von einem Ausbilder gefragt worden: „Haben Sie Angst, für Hitler zu sterben?“ „Ich wusste nicht, was ich darauf sagen soll.“

Über Lüneburg ging es für Schümann Ende Februar 1945 nach Bamberg, am 27. März begann die Bahnfahrt nach Westen. Ihr Ziel: Gemünden am Main. „Unser Schwadronchef hielt eine Rede“, so der Lutzhorner. „Wir Jungs seien Männer geworden, mancher von uns werde noch fallen, aber wir werden siegen“, erinnert er sich. Zwischen dem 27. März und dem 4. April sei seine Einheit marschiert, um die amerikanischen Panzerspitzen zu sichten und zu stoppen. „Ich hatte Blasen an den Füßen“, so Schümann.

Plötzlich sahen sie amerikanische Panzer

Am 4. April gingen die Soldaten an einem Berg, auf dem die Burg Rieneck steht, in Stellung. Plötzlich hörten und sahen sie die amerikanischen Panzer. „Da lagen wir, nur wir Infanteristen“, berichtet Schümann. „Dann kam das Feuer. Man weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Gefühlsmäßig waren es mehrere Stunden“, beschreibt er die Zeit, während der er in Deckung lag. Einmal sei eine Granate dicht neben ihm eingeschlagen, sodass Sand aufgewirbelt wurde und ihm auf den Kopf fiel. „Dann war Ruhe“, sagt Schümann.

Schließlich seien amerikanische Infanteristen den Berg hinauf gekommen. „Wir hatten Angst, dass die Panzer wieder feuern. Aber dann grölten die Infanteristen los und schossen. Im Kugelhagel wurde der damals 16-Jährige zweimal getroffen – jedes Mal von zwei Kugeln. „Zwei sind wie eine Kugel“, erklärt der Lutzhorner. Auf dem Bauch liegend bekam er einen Lungensteckschuss und einen Streifschuss am Rücken. Als er sich wieder aufgerichtet habe, wurde er in den Kopf getroffen. Dabei wurde sein rechtes Auge zerstört. „Ich dachte, ich müsste hier sterben“, so der Lutzhorner.

Ein Amerikaner habe ihn schließlich mit seinem Maschinengewehr angestupst und ihn angeschaut. „Was er gedacht hat , weiß ich nicht“, so Schümann. „Aber auch ich habe ihn angeschaut. Dass mein Auge kaputt war, habe ich gar nicht gemerkt.“ Der Soldat hielt mit der Waffe auf Schümanns Bauch. Aber er feuerte nicht. Stattdessen sei er zur Straße transportiert und in ein Feldlazarett gebracht worden. Dort wurde er operiert. „Ich wachte wieder auf und dachte immer, ich muss gleich sterben, aber nach einer Woche war ich transportfähig.“

Über Reims wurde Schümann nach Le Mans gebracht, wo Schümann – ohne Betäubung – am Auge operiert wurde. Dort bekam er auch seine erste Augen-Prothese. Nach weiteren Stationen in Frankreich und Belgien wurde der Lutzhorner im September 1945 wieder freigelassen. Mit dem Rad fuhr er die letzten Kilometer von Barmstedt nach Lutzhorn zurück. „Keiner wusste, dass ich komme. Alle haben sich sehr gefreut“, erinnert er sich. Jahrzehnte danach war Schümann noch einmal in Unterfranken. „Ich konnte alles wiederfinden“, erzählt er. Auch den Graben, in dem er fast gestorben wäre.

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