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Barmstedter Zeitung

17. Dezember 2017 | 17:24 Uhr

350 Bürger, vier Bewerber und sechs Fragen

vom

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erstellt am 02.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Barmstedt | Zur Entscheidungsfindung hat der Abend offenbar nicht viel beigetragen. Auf die Frage "Wissen Sie jetzt, wen Sie wählen werden?" schüttelten die meisten den Kopf. Zwei Stunden lang hatten sich zuvor die vier Barmstedter Bürgermeisterkandidaten in der neuen Sporthalle etwa 350 Bürgern vorgestellt. Heike Döpke, Jörg Dittmer und Ortwin Schmidt hatten das bereits im März auf Einladung von Haus & Grund im "Heeder Damm" getan. Diesmal hatte die Stadt den Abend organisiert, und als Vierter in der Runde gesellte sich Stefan Haupt dazu, der seine Bewerbung als Letzter abgegeben hatte - und mit seinem unorthodoxen Auftreten für frischen Wind sorgte.

"Ich muss erstmal mit dem Vorurteil aufräumen, dass ein Bürgermeister viel bewegen kann", sagte Haupt. Es würde "den Wählern zum Teil suggeriert: ,Der Bürgermeister nimmt das Problem in die Hand und löst es. Aber das ist Quatsch." Ein Verwaltungschef sollte sich nicht in politische Belange einmischen, sondern sich um die Verwaltung kümmern "und ansonsten nicht groß in Erscheinung treten". Wegen seiner Bewerbung sei er nach 33 Jahren aus der SPD ausgetreten, sagte Haupt. "Denn eine Parteizugehörigkeit könnte für Bürgermeister ein Hemmschuh sein."

Damit dürfte sich vor allem Schmidt angesprochen gefühlt haben, der seit 1980 politisch aktiv ist und von der CDU als Bürgermeisterkandidat aufgestellt wurde. Er konnte sich denn auch während der Vorstellungsrunde nicht ganz von seiner Rolle als Politiker lösen. "Wir müssen uns stärker auf den Haushalt konzentrieren, kürzertreten und beginnen, die Schulden abzubauen", sagte er. Außerdem müsse Barmstedt die Kinderbetreuung und die Kooperation zwischen den Schulen ausbauen, Handel und Gewerbe fördern und stärker mit den Umlandgemeinden kooperieren. Marode Straßen müssten "saniert und besser gepflegt werden, da liegt einiges im Argen". Der Nelkenweg, die Düsterlohe und die Kampstraße etwa wiesen "so gravierende Mängel auf, dass man sie eigentlich sperren müsste". Schließlich müsse der Verkehr beruhigt werden, so Schmidt. "Der belastet die Bürger immens."

Döpke, die von der SPD nominiert wurde, aber parteilos ist, würde ihre Schwerpunkte auf ein "pädagogisches Gesamtkonzept vom Krippenplatz bis zum Schulabschluss für jeden Jugendlichen", auf die Stärkung des gesellschaftlichen Lebens und die Verbesserung der Wohnsituation legen. "Barmstedt wird weitere Neubaugebiete für alle Altersgruppen und jeden Geldbeutel ausweisen müssen, um seine Attraktivität zu sichern." Wichtig sei ihr auch der direkte Draht zu den Bürgern, sagte Döpke. "Ich werde Ihre Bürger-Bürgermeisterin sein." Sie stehe für "Offenheit und Dialog" und werde sich "auch vor schwierigen Entscheidungen nicht wegducken", betonte sie.

Dittmer führte für sich unter anderem ins Feld, Netzwerke pflegen zu können. "Das halte ich für eine wichtige Aufgabe als Bürgermeister." Da er seit 2008 als bürgerliches Mitglied für die FWB kommunalpolitisch aktiv ist - für die er aber nicht kandidiert -, kenne er zudem "die Themen, die auf der Naht liegen". So wolle er als Bürgermeister unter anderem ein Stadtmarketing aufbauen, Barmstedt als Sportstadt und Wohnort für alle Generationen stärken sowie die Sicherheit erhöhen. "Das gilt sowohl für die Verkehrssituation in der Innenstadt als auch in Bezug auf Kriminalität", sagte er. Der Anstieg der Einbruchsdelikte sei "dramatisch", und nahe Aldi habe sich eine "Subkultur" entwickelt. Auch ein Radwegekonzept für Barmstedt sei sinnvoll, so Dittmer.

Nach den vier jeweils zwölfminütigen Vorträgen der Bewerber kamen die Zuhörer zu Wort. Viele meldeten sich allerdings nicht, und die Frauenquote war gleich null: Nur fünf Männer traten ans Mikrofon. Als erster wollte Ingo Jepsen von den Kandidaten wissen, wie aus ihrer Sicht in Sachen der rechtswidrig erhobenen Infrastrukturabgabe weiter zu verfahren sei. Alle äußerten Verständnis für die Betroffenen, wiesen jedoch darauf hin, dass die Ansprüche verjährt seien. Haupt ergänzte, die Betroffenen könnten eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen. "Aber in Anbetracht der finanziellen Situation der Stadt kann man sich an fünf Fingern abzählen, wie das ausgehen würde."

Franz-Josef Sitta bat die Kandidaten um ihre "persönliche Meinung" zu einer möglichen Bebauung der Lillschen Wiese. "Ich habe eine, werde mich aber hüten, sie hier kundzutun", sagte Haupt. Sitta könne "höchstens versuchen, die Mehrheiten in der Politik zu ändern." Schmidt erklärte, die CDU hätte "mehrheitlich eine kleine Variante ohne Bebauung bevorzugt", was auch seine Meinung sei. Er müsse als Bürgermeister aber "umsetzen, was die Politik vorgibt". Letzterem schloss sich Döpke an. Dittmer stellte fest, die Politik habe "offenbar viele Bürger nicht mitgenommen und das Verfahren nicht transparent genug gestaltet". Er selbst präferiere die große Variante, "weil sie gut für Landschafts- und Naturschutz wäre".

Heye Heinsen sprach ein anderes Thema an. "Wie motivieren Sie sich für die Arbeit als Bürgermeister, und wie wollen Sie den Job sechs Jahre durchhalten?", fragte er. Döpke erklärte, ihr Job bei der Stadt Hannover mache ihr "nach mehr als 30 Jahren immer noch Spaß. Ich kenne aber bisher immer nur einen Verwaltungsbereich. In Barmstedt wäre es die ganze Bandbreite - das wäre eine interessante Herausforderung." Haupt gab zu bedenken: "Das Amt ist keine Spaßveranstaltung. Man wird sich nicht nur Freunde machen, sondern auch Bürger verprellen müssen." Ihn reize aber die Schnittstelle zwischen Politik und Ausführung der Beschlüsse. Dittmer sagte, er freue sich darauf, "im Dreiklang zwischen Bürger, Verwaltung und Politik zu wirken". Er bewerbe sich, "weil ich Lust auf den Job habe und mit Ihnen gemeinsam Barmstedt gestalten will". Schmidt erklärte kurz und knapp: "Ich liebe Barmstedt und möchte gern mit allen Bürgern zusammen zum Wohle unserer Stadt arbeiten."

Was sie tun würden, um die Schulden in den Griff zu bekommen, wollte Christian Baroy von den Bewerbern wissen. Während Schmidt und Dittmer vor allem auf Einsparungen setzen würden, würde Döpke versuchen, durch Neubaugebiete und die Ansiedlung von Betrieben zusätzliche Einnahmen zu generieren. Haupt sagte, er stehe zwar "von der Statur her nicht unbedingt für eine schlanke Verwaltung, aber ich würde schon gucken, wie dort gespart werden kann".

Claus-Peter Jessen sprach die Themen Bürgerbeteiligung ("Wie wollen Sie die stärken?") und Meierei ("Wie kann die Einhaltung der Auflagen besser kontrolliert werden?") an. Haupt vergaß Teil zwei, Schmidt und Döpke sagten, sie hielten Gespräche mit der Meierei für sinnvoll. Kleinigkeiten könne man "so sicher abstellen", sagte Schmidt. Dittmer meinte, die Verwaltung müsse "auf die unternehmerischen Entscheidungen der Meierei mehr Einfluss nehmen dürfen". Mehr Bürgerbeteiligung würden Dittmer und Schmidt dadurch schaffen, dass sie Jugendliche und Senioren stärker in die politischen Entscheidungen einbeziehen. "Und auch die Migranten müssen wir fragen, was sie wollen. Diese Chance haben wir bisher ausgelassen", sagte Dittmer. Haupt kann sich vorstellen, Vereine und Verbände in Bauprojekte einzubeziehen. Dass ein Bürgermeister zudem regelmäßige Sprechstunden anbieten solle, "das wird wohl jeder von uns hier so sehen". Darüber hinaus sollte ein Verwaltungschef "auch sonst in der Stadt präsent sein", meinte Schmidt. Döpke ging noch weiter und kündigte an, sie würde "Vereine und Verbände besuchen und mich eventuell ab und an mit einem Infostand auf den Marktplatz stellen".

Die letzte Frage des Abends stellte Bürgervorsteher und Moderator Christian Kahns (FWB). "Was würden Sie mit 100 000 Euro für Barmstedt machen?" Sie würde das Geld als Preisgeld für einen Ideenwettbewerb unter dem Motto ,So geht es mit Barmstedt voran einsetzen, an dem sich jeder Bürger beteiligen dürfte, sagte Döpke. Schmidt würde damit Maßnahmen zur Verringerung der Lärmbelastung - etwa schalldichte Fenster - finanzieren. Haupt würde "einen Kapitalstock bilden, sparen und das Geld später sinnvoll verwenden". Den meisten Applaus erntete Dittmer. "Ich würde einen Pachtvertrag für das alte ,Hotel Hamburg abschließen, dort ein Café einrichten und die Mittagspause nutzen, um mit Ihnen einen Porreeauflauf zu genießen", sagte er.

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