Ein Artikel der Redaktion

Stormarner Tageblatt Höhen und Tiefen in der Kreisstadt

Von Heinz Longerich | 27.10.2009, 07:26 Uhr

Im Sommer 1960 findet in Itzehoe das größte Volksfest der Nachkriegszeit statt.

Die glanzvoll aufgezogene 1150-Jahr-Feier erinnert an den Bau der Esesfeldburg, Itzehoes vermeintlicher Keimzelle, 810 durch Karl den Großen. "Das Stadtjubiläum hat begonnen", meldet die Rundschau am 16. Juni und berichtet täglich in großer Aufmachung über das Programm, das am 26. Juni mit einem drei Kilometer langen Festumzug endet. Es gibt Festgottesdienste, Festkonzerte, eine Festsitzung der Ratsversammlung, einen Festvortrag und den "Festlichen Ausklang" der Gesang- und Turnvereine. Riesenfeuerwerk, Großer Zapfenstreich, der Tag der Schulen und vieles andere mehr lockt Besucher von nah und fern in die Stadt, allein 30 000 sehen den Festumzug mit seinen 68 Trachtengruppen. Das Jubiläum findet weit über Itzehoe hinaus Beachtung. Bundespräsident Lübke schickt ein langes Glückwunschtelegramm, und sogar US-Präsident Eisenhower gratuliert.

Eine Fortsetzung - 2010 wäre die 1200-Jahr-Feier fällig - wird es wohl nicht mehr geben. Mit der Esesfeldburg beginnt Itzehoes Geschichte nicht. Die Stadt, weiß man mittlerweile, ist 200 Jahre jünger. Über die spärlichen Reste der Karolingerburg braust der Verkehr der Autobahnabfahrt Itzehoe-West.

Die Sturmflut vom 16./17. Februar 1962 trifft Itzehoe hart. Die tiefer gelegenen Stadtteile sind - bis in die Innenstadt hinein - überflutet, vor dem Delftor breitet sich ein riesiger See aus, Wellenkamp ist abgeschnitten. In der Neustadt kommt ein Einwohner ums Leben. Über 100 Häuser und rund 300 Wohnungen sind, teils erheblich, beschädigt, Gesamtschaden: 15 Millionen DM. Der Ruf nach besserem Hochwasserschutz wird lauter.

Für Schlagzeilen, nicht nur der Rundschau, sorgen 1965 die 75. Deutschen Schwimm- und Springmeisterschaften, über die Presse, Rundfunk und Fernsehen bundesweit berichten. Austragungsort ist das zwei Jahre zuvor eröffnete, eigens mit einer Erwärmungsanlage ausgerüstete Freibad Klosterbrunnen. Hier messen vom 12. bis 15. August Deutschlands beste Schwimmer ihre Kräfte. Über 15 000 Besucher verfolgen die Wettkämpfe, 137 Schwimmvereine haben sich gemeldet. Strahlendes Wetter begünstigt die seit langem größte Itzehoer Sportveranstaltung. Es gibt hohes Lob. "Itzehoe wird in den Annalen der Deutschen Meisterschaften stets einen besonderen Platz einnehmen", schreibt DSV-Präsident Leyerzapf in einem Dankesbrief. Und im "Deutschen Schwimmsport", Amtsblatt des Deutschen Schwimm-Verbands, heißt es: "Sindelfingen wird sich im kommenden Jahr anstrengen müssen, würdiger Nachfolger von Itzehoe zu werden…"

Kahlschlag in der Neustadt. Der bis dahin von der Stör umflossene Stadtteil - seit 1238 mit Lübschem Stadtrecht ausgestattet - wird "saniert", ein Haus nach dem anderen abgerissen, nur wenig bleibt erhalten. Ab 1973 regt sich Widerspruch. "Rettet den Rest", mahnt eine Bürgerinitiative. Geplant ist ein Wiederaufbau mit Betonbau ten. Dazu kommt es nicht: Ein Umdenken setzt ein. Die neue Neustadt präsentiert sich mit durchaus schmucker Architektur. Aber das einstmals geschäftige Leben ist dahin.

Die größte Katastrophe seit 1657", meinen nicht wenige, wenn von der Zuschüttung der Störschleife die Rede ist, mit der 1975 ein jahrhundertealtes Charakteristikum des Stadtbilds verschwindet. Eine Autostraße, ein paar kümmerliche Tümpel und ein vom Volksmund nicht ganz stubenrein benanntes Rinnsal ersetzen den Wasserlauf. Überschwemmungen wären auch so nicht mehr zu befürchten gewesen: Schon ein Jahr später geht das Störsperrwerk in Betrieb. Am 5. Januar 1976 schreibt die Rundschau: "In Itzehoe gab es viel Sturm, aber keine Sturmflut."

Ergänzt wird das reizvoll am Wald gelegene Freibad durch das 1976/77 errichtete großzügige Hallenbad, das die seit 1898 in der Bergstraße bestehende Badeanstalt ersetzt. Die Jugendstil-Anlage, eine historische Kostbarkeit ("elegantestes Bad in der Provinz Schleswig-Holstein"), verfällt, wie leider so manches andere auch, der Abrissbirne. Beschlossen wird der Neubau durch die Ratsversammlung am 3. Juni 1975, im April 1976 wird der Grundstein gelegt, im September ist Richtfest, am 28. Oktober 1977 Einweihung. Die Baukosten betragen zehn Millionen DM. Treibende Kraft ist der sportbegeisterte Bürgervorsteher Otto Eisenmann. Er favorisiert ein sportgerechtes Bad mit 50-m-Becken. Die SPD ist für zwei 25-m-Bäder, eins davon in Wellenkamp, der FDP würde ein 25-m-Becken genügen. Auch in seiner eigenen CDU-Fraktion hat Eisenmann nicht nur Befürworter. Man scheut die hohen Folgekosten. Außerdem reicht der Baugrund nicht; mit Kleingärtnern muss verhandelt werden. In der entscheidenden Sitzung trägt eine SPD-Stimme zur Mehrheits-Entscheidung bei. Eisenmanns große Stunde schlägt bei der Einweihung. Er hat eigens Schwimmen gelernt und eröffnet, flankiert von Bürgermeister Günter Hörnlein und Itzehoes Schwimm-Veteran Hans-Martin Dreeßen, das neue Hallenbad mit einem gekonnten "Köpper".

Nicht unbedingt eine Sternstunde des Parlamentarismus erlebt der Ständesaal im März 1978. Die Kommunalwahl beschert der CDU 15 Sitze, der SPD 14, der FDP 2. Nach der neuen Gemeindeordnung stellt die stärkste Fraktion den Bürgervorsteher. Nominiert wird Otto Eisenmann. SPD und FDP lehnen ab, diese mit dem Zusatz, "jeden anderen" wählen zu wollen. Mehrere Wahlgänge scheitern. Das Innenministerium schickt einen Kommissar. Ministerialdirigent a. D. Kujath hat Erfolg: Bürgervorsteher wird mit Hilfe einer FDP-Stimme Heinrich Thiessen (CDU) - zehn Wochen nach der Kommunalwahl.

Itzehoe bei Brokdorf", antworten manche, wenn sie nach ihrem Heimatort gefragt werden. Das Dorf an der Elbe ist in aller Munde, seit bekannt wird, dass hier ein Kernkraftwerk geplant ist. Itzehoe erlebt die größte Demonstration der Stadtgeschichte, als am 19. Februar 1977 rund 30 000 Menschen, teils mit Sonderzügen angereist, "gegen das Atomwerk hier im Land" friedlich protestieren. Noch mehr sind es bei der "Schlacht um Brokdorf" Ende Februar 1981. Am 14. Oktober 1986 geht das KKW ans Netz.

Gegründet, wie man Jahrhunderte lang annimmt, hat Karl der Große Itzehoe nicht - die 810 an der Stör ("super ripam Sturiae fluminis") in Auftrag gegebene Burg liegt kilometerweit weg. Gleichwohl ist der Frankenkaiser nach wie vor gegenwärtig, sein Standbild schmückt wie seit 1925 die Stirnwand im Ständesaal, Itzehoes "guter Stube". Die hohe, aus Eichenholz gefertigte und mit Nägeln beschlagene Figur (jeder Nagel symbolisiert eine Spende) dient im Ersten Weltkrieg der "Kriegshilfe": 24 000 Reichsmark kommen so zusammen. In den 80-er Jahren gibt es darüber einen heftigen Streit. Karl der Große soll aus dem Ständesaal verschwinden! In der Ratsversammlung wird beantragt, das "Kriegswahrzeichen" zu entfernen, meldet am 13. Juli 1983 die Norddeutsche Rundschau. Es sei "unzeitgemäß", heißt es zur Begründung, "weil es als Schmuckstück für den Tagungsraum einer demokratischen Vertretung nicht mehr passe". Der bizarre Bildersturm, der teilweise geradezu glaubenskriegartige Formen annimmt, endet wie der Streit um des Kaisers Bart. Der große Karl bleibt "standhaft".

Festliche Einweihung im theater itzehoe am 26. September 1992: Es spielt das Budapester Symphonieorchester. Das Werk des Kölner Architekten Prof. Gottfried Böhm ist Itzehoes bedeutendster Nachkriegs-Neubau. Lange wird geplant, seit 1987 gebaut. Das Projekt weite sich "zur Länge einer Wagner-Oper", heißt es in der Rundschau. Auch die Baukosten steigen. Rasch füllt sich das neue Theater mit Leben.

Schlagzeile der Rundschau: "Altes Stadttheater abgebrannt". Gründonnerstag 1994 steht der Musentempel an der Reichenstraße in Flammen. Der alte Kaisersaal versinkt in Schutt und Asche, mit ihm ein wichtiges Kapitel Itzehoer Kulturgeschichte. Was bleibt, sind Erinnerungen. Die Brandursache wird nie ungeklärt.