Prozess in Lübeck : Amtsgericht gibt Sylvia Zenz Recht: Tortendesign ist Kunst

Sylvia Zenz mit einer Design-Torte.
Sylvia Zenz mit einer Design-Torte.

Ist das Verzieren von Torten ein Handwerk? Nein, sagt das Amtsgericht. Der Vorwurf der Schwarzarbeit ist vom Tisch.

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17. Juni 2015, 15:35 Uhr

Lübeck | Die Lübecker Tortendesignerin Sylvia Zenz hat im Streit um die Frage, ob sie Handwerkerin oder Künstlerin ist, einen klaren Sieg errungen. Das Amtsgericht Lübeck sprach die 47-Jährige am Mittwoch vom Vorwurf der Schwarzarbeit und der unerlaubten Handwerksausübung frei. „Der Gestaltung individueller Motivtorten liegt eine eigenständige kreative Leistung zugrunde, die über das im Konditorhandwerk übliche Maß hinausgeht“, begründete Amtsrichter Thomas Weidental seine Entscheidung.

Die Abgrenzung zwischen Kunst und Handwerk sei oft schwer, sagte der Richter. „Schließlich steckt in jeder künstlerischen Arbeit auch immer ein Stück Handwerk und umgekehrt. Doch in diesem Fall überwiegt die Kunst“, sagte er.

Die Handwerkskammer Lübeck hatte von der Tortendesignerin verlangt, dass sie sich in die Handwerksrolle eintragen lässt. Weil sie sich weigerte, hatte das Lübecker Ordnungsamt ein Bußgeld verhängt. Zenz wehrte sich, der Streit landete vor dem Amtsgericht Lübeck. „Ich backe die Torten nicht selbst, sondern gestalte und verziere sie nur. Also bin ich keine Konditorin, sondern freie Künstlerin“, hatte die 47-Jährige ihre Weigerung im Vorfeld begründet. Ulf Grünke, Sprecher der Handwerkskammer Lübeck, hatte dagegen gesagt: „Das Verzieren von Torten gehört ganz klar zum Aufgabenbereich eines Konditors.“ Die Handwerkskammer war in dem Prozess nur als Zeugin geladen. 

Auf das Urteil reagierte Zenz mit Erleichterung. „Mir fällt ein Stein vom Herzen. Endlich habe ich nicht mehr das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun“, sagte sie nach der Verhandlung. „Hoffentlich finden jetzt auch andere Tortendesigner den Mut, sich offen zu ihrem Beruf zu bekennen.“

Wegen des großen Publikums- und Medienandrangs wurde die Verhandlung in den Schwurgerichtssaal verlegt. „Hier geht es normalerweise um Mord oder Raub, nicht um Ordnungswidrigkeiten“, sagte Gerichtssprecherin Corinna Wiggers leicht amüsiert.  Für den Sprecher der Handwerkskammer, Ulf Grünke, stellt das Urteil keinen Präzedenzfall dar. „Wir haben jetzt in diesem speziellen Fall Klarheit, das begrüßen wir. Bislang hatte Frau Zenz nur behauptet, dass sie Künstlerin sei. Jetzt hat der Richter festgestellt, dass sie Künstlerin ist“, sagte er. Doch auch in Zukunft werde jeder Fall ganz individuell zu prüfen sein, sagte Grünke. 

Unterstützung erhielt Zenz von zahlreichen Kolleginnen, die am Mittwoch nach Lübeck gekommen waren. Einige trugen schwarze T-Shirts, auf denen in rosa Buchstaben Sprüche wie „Cakedesign is not a crime“ („Tortendesign ist kein Verbrechen“) prangten.

Vor rund zehn Jahren begann Zenz damit, für Freunde und Verwandte essbare Trolle, Feen, Tiere und Brautpaare zu formen. Vor fünf Jahren eröffnete sie in der Hansestadt „Sugar Heart“, einen Laden für Backzubehör, in dem sie auch auf Bestellung Motivtorten gestaltet und Kurse in Tortendesign gibt.

Seinen Ursprung hat das Tortendesign laut Zenz in Großbritannien, wo man schon immer eine Vorliebe für künstlerisch gestaltete Hochzeitstorten gehabt habe. Auf einem Umweg über die USA kam der Trend nach ihrer Darstellung vor einigen Jahren auch nach Deutschland. Inzwischen gibt es auch hierzulande große Wettbewerbe mit internationaler Beteiligung. „In vielen Ländern ist ‚Tortendesignerin‘ eine offizielle Berufsbezeichnung, nur in Deutschland nicht“, sagt Zenz.

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