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Bundeswehr-Dolmetscher aus Harrislee : Als die russischen Streitkräfte Deutschland verließen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor genau 20 Jahren endete der Abzug der russischen Streitkräfte aus Deutschland. Für Dolmetscher Bernhard Mroß aus Harrislee war das der Höhepunkt seiner Karriere.

Harrislee | Von 1990 bis 1994 war der heute 71-jährige Marineoffizier, Kapitänleutnant a.D. Mroß Dolmetscher für den Befehlshaber Bundeswehrkommando Ost, Generalleutnant Jörg Schönbohm, sowie für den Beauftragten der Bundesregierung für den zeitweiligen Aufenthalt und planmäßigen Abzug der Westgruppe der Truppen (WGT) Generalmajor Hartmut Foertsch und begleitete in diesen Funktionen den Abzug der WGT.

Den 31. August 1994, dem Tag ihrer letzten Parade im Treptower Park in Berlin vor Bundeskanzler Helmut Kohl und Russlands Präsidenten Boris Jelzin, hat Mroß frisch im Gedächtnis. „Das war ein ganz anstrengender Tag für mich“, sagt er. Morgens habe auf dem Gendarmenmarkt vor dem Schauspielhaus die offizielle Verabschiedung stattgefunden, da habe der 16. und letzte Oberbefehlhaber der WGT, Generaloberst Matwej Burlakow, die Meldung über den erfolgreichen Abzug an Jelzin und Kohl erstattet. Danach gab es einen offiziellen Akt in der Philharmonie. Dann folgte eine große Abschiedsparade mit ungefähr 1000 russischen Soldaten der Berlin-Brigade aus Karlshorst und mit Bundeswehrsoldaten. Die Russen sangen in beiden Sprachen „Deutschland, wir reichen Dir die Hand und kehr’n zurück ins Vaterland“. „Das war ein ganz bewegender Augenblick“, erinnert sich Bernhard Mroß.

Ein ganz eigenartiges Ereignis hat sich ihm ins Gedächtnis eingegraben. Nach der Kranzniederlegung in der Zentralen Gedenkstätte „Neue Wache“ in Berlin kamen Jelzin und Kohl heraus, da sah der russische Präsident die Demonstranten, die mit verschiedenen Transparenten gegenüber dem Opernplatz standen. „Jelzin riß sich los aus unserer Gruppe und rannte über die Unter-den-Linden herüber mit den Worten ’Ich will zu meinen Deutschen’“, erzählt der Dolmetscher. Der Chef von Jelzins Sicherheitsdienst rannte neben ihm mit und wollte ihn einfangen. Daneben lief auch ein Kapitän zur See mit einem schwarzen Diplomatenkoffer. „Ich habe gedacht: Marine gehört zur Marine, du rennst mit dem Marineoffizier mit. Unterwegs habe ich zu ihm gesagt: ’Sie haben vielleicht eine schwierige Aufgabe – sie rennen immer wieder mit ihm mit’. Da sagte er: ’Ich darf nicht weiter als drei Meter sein, denn das ist der Koffer mit dem Atomcode’“.

Die Geschichte des Abzugs der russischen Truppen aus Deutschland begann am 25. Oktober 1990 in ihrem Hauptquartier in Wünsdorf. Mroß dolmetschte das erste Zusammentreffen des Generalleutnants Schönbohm mit dem Oberbefehlshaber der sowjetischen Streitkräfte Armeegeneral Boris Snetkow. Ein unbezahlbares Foto von jenem Tag bewahrt der Dolmetscher sorgsam in seinem riesigen Privatarchiv auf. „Damals habe ich nicht an die geschichtliche Dimension meiner Aufgabe gedacht. Aber mich hat sehr gereizt, dass das Objekt, das du früher aufgeklärt hast, jetzt dir leibhaft am Tisch gegenüber sitzt und du mit richtigen Menschen zu tun hast“, sagt Mroß.

„Wir haben gemeinsam ein großes Werk geschaffen – den friedlichen Abzug der Westgruppe der Truppen der russischen Armee“, so der Marineoffizier. Er weist darauf hin, dass der Abzug der Truppen die Grundlage für die Wiedervereinigung Deutschlands gewesen wäre. „Das war eine riesige Operation: Zum Tag der deutschen Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, hatten wir auf unserem Territorium über 540 Tausend sowjetische Menschen stationiert gehabt, darunter Familienangehörige und Zivilarbeiter, auch Waffen und Munition. Wir haben das alles friedlich gemeinsam bewältigt“, so Mroß.

Der Dolmetscher sei stolz darauf, dass er an dieser großen politischen Aktion teilnehmen durfte. Für ihn sei das der Höhepunkt der militärischen und bürgerlichen Karriere gewesen.

Wegen der Ukraine-Krise überschattet die Feierlichkeiten zum runden Jahrestag des Abzugs der WGT die erhebliche Abkühlung zwischen Berlin und Moskau. Hitzköpfe in Russland fordern sogar den Rückkehr nach Europa. Das bewegt im Herzen den Dolmetscher, der enge Kontakte mit den ehemaligen sowjetischen Generälen und Offizieren seit mehr als 20 Jahren pflegt. „Damals gingen die Russen als Freunde, und heute steht die Grundlage unserer langjährigen Versöhnungsarbeit und Verbindung durch die vielen Sanktionen auf dem Spiel“, bedauert Mroß.

Die Geschichte, fügt er hinzu, könne nicht zurückgedreht werden, daraus müsse man die entsprechenden Lehren ziehen, um keinen neuen Kalten Krieg zu bekommen. „Die Rückkehr der russischen Truppen ist unrealistisch, solche militaristischen Äußerungen sind keine allgemeine Strömung in Russland“, bemerkt Mroß und zitiert die Worte des Reichskanzlers Otto von Bismarck: „Wenn Deutsche und Russen in Europa friedlich zusammenleben, lebt der Rest Europas auch friedlich“.

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erstellt am 31.Aug.2014 | 15:41 Uhr

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