Radebeul Weingenuss am sächsischen Elbufer

Von Hans-Joachim Schlichtholz | 04.09.2010, 03:59 Uhr

Am Elbbogen nördlich von Meißen kommt der Frühling etwas eher, und der Herbst bleibt ein wenig länger.

"Sächsische Riviera" wird der liebliche Landstrich um Diesbar-Seußlitz deshalb und auch seiner hier auf frucht baren Lößböden gedeihenden Weine wegen genannt. Die sind seit der Wende wieder buchstäblich in aller Munde und mischten sogar in der hohen Politik mit. Zur Erinnerung: Den Ostwinzern sollte einst per Bundestagsbeschluss das Recht verweigert werden, ihre Ware "Sachsenwein" zu nennen. Der Name sei schon durch einen rheinischen Erzeuger besetzt. Dieses seltsame Anliegen scheiterte, und der Sachsenwein ist längst wieder ein Erfolgsprodukt.

Zu Füßen des Bösen Bruders, einem Felsen am Elbufer von Diesbar-Seußlitz, der seinen Namen einer sächsischen Sage verdankt, liegt das kleine Weingut der Familie Lehmann. Ihre gleichnamige Weinstube lädt mit einem riesigen Fass und schmucken Hinweisschild zur Einkehr ein. Hier gibt es den Wein von eigener Lese. Die meister lichen Gewächse reichen vom trockenen Weißburgunder, Schieler und Bacchus über den halbtrockenen Müller Thurgau bis zum lieblichen Traminer. Selbstverständlich gibt es von jedem auch einen Schoppen im zünftigen Römer. An warmen Tagen ist die Terrasse vor dem weiß getünchten, alten Bauernhaus der beste Platz. Man sitzt unter uralten Kastanien und genießt den herrlichen Blick auf die Elbe. Drinnen geben antike Weinkrüge, originale Urkunden und rustikales Mobiliar der Schankstube die Patina der Tradition.

Schon Mitte des 16. Jahrhunderts gestattete Kurfürst August I. von Sachsen den Winzern, im Frühjahr und Herbst Wein in Kannen im eigenen Haus "zum Ausschank zu bringen", die selbst über genügend Weinwuchs verfügten. Die heutigen Weinstuben waren somit die erste Wirtschaft entlang der Elbe, der man die Konzession erteilte und in der seit 1880 eigener Rebensaft verkostet wird. In gemütlichen Fremdenzimmern können Gäste, die dem touristischen Geheimtipp "Sächsische Weinstraße" nachgehen wollen, gut übernachten.

Der Lehmann`sche Wein gedeiht auf nur 1,2 Hektar Steillage, und einiges an Trauben muss der Inhaber des traditionsreichen Familienbetriebes hinzukaufen, um so viel zu keltern, dass der Vorrat von einer Lese zur anderen reicht. Joachim Lehmann, der Seniorchef, war der erste Ostdeutsche Winzer, der sich seit 1991 bei der Deutschen Weinsiegel GmbH, mit mehreren seiner Produkte um die Auszeichnung "Deutsches Weinsiegel" bewarb - und erfolgreich war. So erhielten alle sechs von ihm zur Prüfung eingereichten Tropfen jene Auszeichnung, die einen deutlichen Qualitätsvorsprung gegenüber der obligatorischen amtlichen Weinprüfung dokumentiert. Da sein charaktervoller Spitzenwein den kleinen, steilen Hanglagen regelrecht abgerungen werden muss und die erzeugte Menge so gering ist, dass ein Vertrieb nicht in Frage kommt, gehören seine Gewächse nicht zu den preiswertesten. Trotzdem darf man sich auch genug mit nach Hause nehmen.

Zuvor sollte man sich einen Abstecher in das nur etwa zwölf Kilometer entfernte Meißen nicht entgehen lassen. Schon der Weg dahin, vorbei an Wein bewachsenen Steilhängen auf der einen und der Elbe mit ihrem bizarren Flusslauf auf der anderen Seite, ist ein Erlebnis. Neben dem mittelalterlichen Stadtkern, dem imposanten Meißner Dom, der berühmten Porzellanmanufaktur lohnt unbedingt der Besuch der Albrechtsburg. Hier erfährt man alles über die Wettiner, aber vor allem wird das Leben des "weißen Goldmachers" Böttcher anhand einer Videovorführung wieder lebendig.