Das Elend der Straßentiere Leben in Müll und Dreck

Von Heike Wells | 24.06.2013, 10:21 Uhr

In Länder Süd- und Osteuropas, wird man als Urlauber häufig mit dem Elend der Straßentiere konfrontiert. Kann und soll man helfen?

Endlich Ferien! Viele Schleswig-Holsteiner zieht es jetzt in die südliche Sonne. In ihren Urlaubsländern aber werden sie oft unvorbereitet mit großem Elend konfrontiert: dem Elend der Hunde und Katzen, die herren- und heimatlos auf den Straßen, an Stränden und in Hotelanlagen herumstreunen, viele von ihnen struppig, mager und krank; ein Leben im Schatten, in Müll und Dreck. Tierfreunden lässt ein solcher Anblick das Herz bluten und löst den Impuls aus, einzugreifen und zu helfen. Aber wie?

Nicht einfach mitnehmen

"Einfach mitnehmen geht auf keinen Fall", sagt die Vorsitzende des Bundes gegen Missbrauch der Tiere (bmt) Petra Zipp. Schon aus rechtlichen Gründen. Denn für einen Grenzübertritt mit Hund oder Katze ist in Europa ein EU-Heimtierpass mit Nachweis der notwendigen Impfungen Pflicht. Allein nach einer Tollwutimpfung beträgt die Wartezeit jedoch 21 Tage - das lässt sich in der Regel mit dem befristeten eigenen Urlaub kaum vereinbaren.
Außerdem sollte die Aufnahme eines vierbeinigen Lebensbegleiters stets wohl überlegt sein, Mitleid ist da selten ein guter Ratgeber. "Retten allein genügt nicht", schreibt die Hundetrainerin Martina Nau in einem Beitrag über "Südenhunde" in der Fachzeitschrift "Partner Hund": Der neue Besitzer übernehme die Verantwortung dafür, dass es dem Hund hinterher besser gehe als in seiner jetzigen Situation. Einen an ein (wenn auch entbehrungsreiches) Leben am Strand gewohnten Vierbeiner in eine Großstadtwohnung zu verpflanzen, mit wenig Bewegung und Beschäftigung: Das hört sich nicht nach einem guten Tausch für das Tier an.
Veterinäre warnen zudem vor dem Einschleppen von gefährlichen Krankheiten wie Leishmaniose durch Straßentiere nach Deutschland und raten zu einem gründlichen Gesundheitscheck vor Ort. Deutsche Tierschutzorganisationen, die in Ländern wie Spanien, Griechenland und Italien, in Rumänien und Bulgarien aktiv sind, geben zudem eines zu bedenken: Zur wirklichen Lösung des Streunerproblems trägt man mit der Aufnahme eines Hundes oder einer Katze nicht bei.

Die Ursachen bekämpfen

Nachhaltige Hilfe bedeutet, die Ursachen zu bekämpfen. Die liegen vor allem in der unkontrollierten Vermehrung der Hunde und Katzen - und der ist durch konsequente Kastration beizukommen, sind Tierschutzorganiationen wie bmt, Vier Pfoten, Deutscher Tierschutzbund und viele andere überzeugt. An vielen Standorten im Süden sind sie in diesem Sinne mit Aufklärungsaktionen, mobilen Ärzteteams und medizinischen Einrichtungen aktiv. Denn die Behörden, so Tierschutzbundsprecher Marius Tünte, tun in den meisten der betroffenen Länder wenig bis nichts gegen das Streunerproblem. "Fangen, medizinisch versorgen, kastrieren, freilassen", fasst Tünte die Tierschutzstrategie in kurze Worte. "Nur so können Straßentierbestände nachhaltig und tierschutzkonform reduziert werden.
"Die Zusammenarbeit mit Verwaltungen, Organisationen und Tierschützern vor Ort sei dabei unverzichtbar, betont Melitta Töller von Vier Pfoten. Die Tierschutzstiftung ist unter dem Stichwort "Stray Animal Care - Hilfe für Streunertiere" mit mobilen Tierkliniken zu Kastrationsaktionen in Osteuropa unterwegs. Aufklärung sei ebenfalls ein wichtiges Standbein. Nur so könne sich langfristig etwas ändern in den Köpfen der Verantwortlichen.
Denn in vielen Ländern werde eine Kastration "als etwas Widernatürliches" gesehen und darum abgelehnt, hat der Tierschutzbund beobachtet, Armut und dadurch bedingt fehlende finanzielle Mittel, um Haustiere angemessen zu versorgen, sowie eine generell oft andere Haltung dem Wesen Tier gegenüber dürften in einigen Gesellschaften ebenfalls eine Rolle spielen.

Asyl in Deutschland

Bei allem Bemühen um eine nachhaltige Lösung sei es aber allzu verständlich, wenn ein Mensch sein Herz an ein einzelnes Tier verliert, an einen Hund, der sich ihm angeschlossen hat, einer Katze aus der Hotelanlage. "Warum sollen nur Zweibeiner bei uns in Deutschland Asyl finden und nicht auch Vierbeiner?", fragt Petra Zipp (siehe Interview). So vermittelt der bmt auch ehemalige Streunertiere aus Rumänien und Ungarn nach Deutschland.
Ein Beispiel, wie es anders gehen kann, gibt die deutsche Tierärztin Dorothea Friz deren Organisation Lega Pro Animale im süditalienischen Castel Volturno nahe Neapel ein Sterilisationszentrum unterhält. Auch sie verhilft Streunern aus der Region zu einem neuen Zuhause - in der Region. Denn wer dort einen Straßenhund findet und behalten möchte, kann diesen bei Dorothea Friz kostenlos untersuchen, registrieren und kastrieren lassen. 626 ehemalige Streuner haben so allein im vergangenen Jahr Familienanschluss gefunden.Und dann gibt es noch Organisationen, die sich allein der Tiervermittlung verschrieben haben. Wer ein Streunertier über diesen Weg adoptieren möchte, für den heißt es, genau hinzuschauen, mahnen Tierschützer. "Der Grad zwischen Tierschutz und Geschäftmacherei ist schmal", weiß Marius Tünte.
Gerade in Zeiten, in denen Tiere vielfach über das Internet angeboten werden, seien die Strukturen der dahinter stehenden Organisationen manchmal schwer zu durchschauen. Betrug, gefälschte Papiere - all das gibt es, ist aber meist schwer zu beweisen. Für Tierfreunde kann das nur heißen: Bei der Entscheidung für ein Tier von der Straße sollte man nicht nur das Herz, sondern auch den kritischen Verstand sprechen lassen.