Zweite Heimat Brasilien : WM-Fieber zwischen Weiche und Rio

Heimatbesuch: Mit seiner Tochter Giovanna besucht Robert Kühn (Mitte) seinen Schwager Ilidio Pastor Santos in Flensburg.
Heimatbesuch: Mit seiner Tochter Giovanna besucht Robert Kühn (Mitte) seinen Schwager Ilidio Pastor Santos in Flensburg.

Der Flensburger Robert Kühn, Leiter der deutschen Grundschule in Rio, ist mit seiner Tochter in der Fördestadt auf Verwandtenbesuch. Das fußballverrückte Brasilien hat was, wie er sagt.

shz.de von
08. Juli 2014, 07:00 Uhr

Es gibt sicher nicht wenige, die Robert Kühn  derzeit beneiden – und ihn gleichzeitig für verrückt erklären.  Der 47-Jährige  wohnt in Rio de Janeiro, einem der zwölf Spielorte der Fußball-WM – mittendrin im  Spektakel also. „Die Brasilianer sind total fußballverrückt, die Stimmung reißt einen richtig mit.“  Trotzdem reiste Kühn ausgerechnet während des Turniers für einen Heimaturlaub nach Flensburg. „Meine Tochter Giovanna ließ nicht locker, weil sie ihren Opa mal wieder sehen wollte.“

Verwandtschaftsbesuche in Deutschland sind rar geworden, seit Kühn 2009 seiner brasilianischen Ehefrau zuliebe nach Rio auswanderte. Bei einem Besuch seines Bruders fünf Jahre zuvor hatte er Delaine kennen gelernt. Sie konnte den jüngsten Abstecher nach Deutschland nicht mit antreten, da sie keinen Urlaub erhielt.

Dieses Problem hatten Kühn, Leiter der deutschen Grundschule in Rio, und die gemeinsame sechsjährige Tochter nicht, da in Brasilien derzeit Winterferien sind. „Die dauern normalerweise drei Wochen, wurden wegen der Weltmeisterschaft aber um eine Woche verlängert.“ Keine schlechte Idee, findet Kühn. Denn die ohnehin  verstopften Straßen Rios seien durch den zusätzlichen WM-Verkehr noch voller. „Da würden die Schulbusse ständig im Stau feststecken.“

Kein Zweifel, in dem  südamerikanischen Staat herrscht derzeit der Ausnahmezustand. Das spiegeln  auch die Preissteigerungen wider. „Autos sind ungefähr dreimal so teuer wie in Deutschland, obwohl die Ausstattung schlechter ist.“ Ähnlich sieht es auf dem Immobilienmarkt aus.  Selbst Häuser in den   Favelas, den Armenvierteln, im Süden Rios seien zum Teil nur noch für Spitzenverdiener erschwinglich. „Da hat ein Haus  mehr Wert als das meines Vaters in Mürwik“, berichtet Kühn.

Da die Olympischen Spiele in zwei Jahren auch in der Sechs-Millionen-Metropole an der Copacabana stattfinden, rechne er nicht mit einem raschen Sinken der Preise. Aber auch nicht mit einem Platzen der Spekulationsblase. „In Brasilien gibt es strenge Auflagen bei der Kreditvergabe, ein hoher Eigenkapitalanteil  muss bei der Hausfinanzierung immer gegeben sein.“

So rational die Brasilianer bei diesem Thema sind, so emotionsgeladen sind sie in puncto Fußball. „Wenn die brasilianische Nationalmannschaft ausscheiden sollte, könnte es im Land wieder mehr wütende Proteste geben.“

 Die gab es im Vorfeld der WM zuhauf – als Kritik an sozialen Missständen und Korruption im Land. Dafür hat Kühn vollstes Verständnis. „Das öffentliche Schulsystem ist leider oft grottenschlecht.“  Lehrer seien unterbezahlt, müssten Zweitjobs annehmen, und Unterricht falle  häufig aus. Der Unmut richtete sich auch gegen den Fußballweltverband Fifa, dessen Auflagen für die WM-Stadien Brasiliens Steuerzahler mehrere Milliarden Euro kostete. Kühn: „Es galt daher als politisch unkorrekt, sich auf die WM zu freuen.“ Doch spätestens mit Anpfiff des Eröffnungsspiels habe sich die Stimmung im Lande komplett gewandelt. Darüber ist Kühn sehr froh. „Endlich tragen die Medien auch mal die andere, die schönere Seite von Brasilien in die Welt und zeigen lachende Menschen und die traumhafte Landschaft.“

Diese werden der Lehrer und seine Tochter bald wiedersehen, schließlich liegt ihre Wohnung nur rund einen Kilometer Luftlinie vom Copacabana-Strand entfernt. Es ist für Kühn jedes Mal aufs Neue eine Reise wie in eine andere Welt, ein regelrechter Kulturschock. Das Lebensgefühl in Brasilien sei ein ganz anderes: „Die Menschen sind viel gelassener, aufgeschlossener und freundlicher.“ Eile ein Fremdwort in Brasilien. „Es ist nicht ungewöhnlich, an der Supermarktkasse bis zu einer Stunde lang anzustehen.“

Daran habe er sich als Norddeutscher erst einmal gewöhnen müssen. „Mittlerweile schlägt mein Herz für Brasilien, auch wenn ich weiterhin durch und durch ein Flensburger bin.“ In seine Heimatstadt will der 47-Jährige, einst zehn Jahre lang Lehrer an der Unesco-Schule in Weiche, Anfang 2017 wieder zurückkehren. „Dann läuft mein Vertrag in Brasilien aus.“

Zumindest heute Abend stellt ihn seine Verbundenheit zu beiden Ländern vor einige Probleme.  Dann trifft Brasilien im WM-Halbfinale auf Deutschland. „Ich würde es beiden Teams gönnen, den Titel zu holen und leide mit der unterlegenen Mannschaft.“ Das muss Kühns brasilianischer Schwager Ilidio Pastor Santos, der bei ETSV Weiche kickt, nicht tun. „Mit den Fans im Rücken wird Brasilien  Weltmeister“, sagt Ilidio voller Überzeugung. Ob seine Prognose zutrifft, wird Kühn mit seiner Familie hautnah miterleben können. Das Finale am Sonntag wird in Rio de Janeiro ausgetragen.

Auf dem Blog www.wmrio.de berichten Robert Kühn und seine Ehefrau Delaine über ihre Erlebnisse und Eindrücke während der Fußball-WM.

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