Yakov Hadas-Handelsman : "Wir müssen alle hinzulernen"

'Es gibt viel mehr, das uns verbindet, als uns trennt', sagt Yakov Hadas-Handelsman zum Verhältnis von Israelis und Deutschen. Foto: Staudt
"Es gibt viel mehr, das uns verbindet, als uns trennt", sagt Yakov Hadas-Handelsman zum Verhältnis von Israelis und Deutschen. Foto: Staudt

Yakov Hadas-Handelsman, Israels Botschafter in Berlin, äußert sich im Interview mit Helge Matthiesen zur Augstein-Schelte und deutscher Verantwortung.

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01. Februar 2013, 07:10 Uhr

Derzeit wird hierzulande wieder viel über Antisemitismus debattiert. Darf man in Deutschland Israel und die israelische Regierung und ihre Politik eigentlich nicht kritisieren?
Hadas-Handelsman: Selbstverständlich darf man Israel kritisieren. Deutschland und Israel sind demokratische Länder, in diesem Rahmen ist das natürlich erlaubt. Israel wird in Deutschland tagtäglich kritisiert: Das kann die Regierung sein oder etwas anderes. Deswegen ist auch noch niemand angegriffen worden, er sei ein Antisemit. Solche Vorwürfe kommen ja nicht so häufig vor. Wir empfinden manche Kritik auch als unfair, einseitig, nicht objektiv oder überzogen, aber niemand greift Journalisten oder andere Kritiker deswegen an.
Wie bewerten Sie die Debatte um Jacob Augstein?
Ich hätte in Deutschland immer erwartet, dass man ein wenig vorsichtiger ist. Der Grund liegt in unserer Vergangenheit. Das betrifft vor allem die Wortwahl, mit der man die Kritik übt. Wenn ein Engländer Gaza mit einem KZ vergleicht, dann kann man sagen, er weiß nicht so genau, was die Bedeutung eines KZs ist. Wenn ein Deutscher das schreibt, dann ist das etwas anderes. Wenn ein Deutscher diese Vergleiche macht, dann liegt darin die versteckte Aussage: Die sind nicht besser als wir. Und als Deutscher hier vorsichtig zu sein, ist Teil einer gemeinsamen Verantwortung.
Wo ist ganz allgemein gesprochen die Grenze überschritten?
Die Frage ist doch, was ist das für eine Kritik? Geht es darum, etwas zu verbessern oder geht es nur um die Kritik an sich? Die zweite wichtige Frage ist, wer diese Kritik schreibt. Kennt er das Land überhaupt? Definiert er sich selbst als Experte? Von jemandem wie Jacob Augstein, der sich selbst als Experte darstellt, hätte ich erwartet, dass er Israel besucht hat oder wenigstens dazu bereit ist. Da stellt sich doch die Frage, woher er den richtigen Weg für Israel so gut kennt.
Und an welchen Worten stören Sie sich?
Wenn die Dinge mit Nazivergleichen belegt werden - dabei ist der Mord an den Juden vor 1945 unvergleichbar. Es gibt immer diejenigen, die ihre private Tragödie versuchen mit dem Holocaust zu vergleichen. Wir lehnen diesen Vergleich ab. Nicht weil wir einzigartig wären - ich denke an Armenien oder an Ruanda - Deutschland ist jedoch der einzige Fall, in dem ein solcher Völkermord geplant war und im industriellen Maßstab ablief: Eine Industrie des Todes.
Wie erkennt man einen Antisemiten?
Das ist immer schwer zu sagen. Früher war das einfacher, denn die Stereotypen stimmten noch. Heute ist das komplizierter. Manchmal muss man bei einem Menschen, der sich selbst für links und liberal hält, nur ein wenig kratzen und unter der Oberfläche kommen die alten antisemitischen Muster hervor. Mancher fühlt sich vor diesem Vorwurf sicher, weil er eine besonders linke Position hat und daher glaubt, er könne ja gar kein Antisemit sein. Heute gibt es auch noch etwas Neues in Deutschland, den muslimischen Antisemitismus.
Kann man das noch genauer sagen?
Es gibt ein paar Kriterien: Der Wortschatz und der Ausdruck sind oft verräterisch. Manchmal gibt es Texte, wo nur das Wort Israel durch das Wort Juden ersetzt werden muss und man erkennt die Zielrichtung. Juden zu sagen, ist politisch nicht korrekt, aber Israel, das darf man sagen.
Ist Deutschland in Sachen Antisemitismus besonders auffällig?
Die Zahl von antisemitischen Vorkommnissen in Deutschland ist eher niedrig. Aber wenn so etwas in Deutschland passiert, dann ist das für die Medien und die Öffentlichkeit immer besonders interessant. Wird ein Rabbiner in Kopenhagen angegriffen, dann ist das nur eine Meldung, passiert so etwas in Deutschland, dann schauen alle hin. Aber das ist eben die Vergangenheit. Die können wir nicht weglassen. Die ist einfach da. Sie wird uns auch noch ewig begleiten, ob wir wollen oder nicht. Das gilt auch für die jungen Menschen. Es gibt die Debatte um die Beschneidung zum Beispiel auch in Norwegen oder Schweden, die findet aber nicht so viel Interesse wie die gleiche Debatte in Deutschland.
Haben Sie diese Diskussion in Deutschland als fair erlebt?
Beschneidung ist nicht unser Problem, sondern eines der deutschen Gesellschaft. Deutschland ist eine Demokratie und ist eine liberale Gesellschaft. Wenn aber irgendetwas anders ist - Beschneidung oder koscheres Schlachten zum Beispiel, dann wird es schwierig. Die Menschen, die anders sind, haben deutsche Pässe, sind Teil der deutschen Gesellschaft, sie leben aber nach eigenen Regeln. Daher ist Beschneidung letztlich eine Frage, die in Deutschland geklärt werden muss. Man kann ja mit der gleichen Berechtigung darüber streiten, ob katholische Babys getauft werden dürfen, weil sie nach dem Verständnis der Kirche ja immer katholisch bleiben, auch, wenn sie die Kirche irgendwann verlassen.
Muss Deutschland sich an diese Situation mit verschiedenen religiösen Kulturen erst noch gewöhnen?
Wir müssen alle hinzulernen. Die Beschneidung ist Jahrtausende alt. Wie sie Menschen individuell beeinflusst, ist nicht klar. Es gibt Forschungen, die besagen, dass es aus medizinischen Gründen für Mann und Frau besser ist, wenn der Mann beschnitten ist. In Nordamerika werden beinahe alle Jungen aus diesem Grund beschnitten. Jetzt muss sich die deutsche Gesellschaft fragen, was sie will. Wer Kinder hat weiß, wie viele schwere Entscheidungen jeder treffen muss. Beschneidung ist noch eine der kleineren Fragen.
Sie sprachen vorhin von der Verantwortung, die jeder trägt, der einen deutschen Pass hat. Ist das nicht ein wenig ungerecht gegenüber den jüngeren Menschen?
In Deutschland gibt es eine Unklarheit in der jungen Generation: Viele meinen, dass man sie für schuldig hält. Das ist nicht richtig. Niemand kann schuldig sein für etwas, das er nicht getan hat. Niemand trägt Schuld, nur weil er mit Verbrechern verwandt ist. Es geht hier um Verantwortung, die Verantwortung als Deutscher.
Fehlt es an Verständnis zwischen Deutschen und Israelis?
Das ist der Grund, warum ich hierher komme. Die gemeinsame Verantwortung existiert und sie wird weiter existieren. Die Bundeskanzlerin hat neulich einmal gesagt, es gebe die Vorstellung, wenn man sich verzeihe, dann sei das schon vorbei, dann könnte man eine neue Seite aufschlagen. Aber sie sagte auch, dass es so einfach nicht geht. Die Verantwortung wird uns bleiben. Durch den Holocaust sind unsere Schicksale miteinander verbunden, ob wir das wollen oder nicht. Man darf diese Tatsachen nicht unter den Teppich kehren. Deutschland ist so schnell in die Familie der Nationen zurückgekehrt, weil man sich der Vergangenheit gestellt hat.
Belastet die Vergangenheit die Beziehungen zwischen beiden Ländern immer noch so stark?
Die Beziehungen sind ja auch mit dieser besonderen Situation sehr gut. Es gibt enge Handelsbeziehungen - Deutschland ist unser drittwichtigster Handelspartner. Es gibt wissenschaftliche Kontakte, gemeinsame Forschung, eine gemeinsame Entwicklungspolitik in Afrika und bald auch in Moldawien, es gibt enge Verbindungen in der Kultur - überall arbeiten Israelis in deutschen Theatern oder Orchestern. Das funktioniert alles ohne Auftrag und Verabredung.
Es gibt sehr viel Normalität zwischen den Ländern.
Genauso ist es. Leider stehen immer die im Vordergrund, die versuchen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu trennen, die sagen, die Beziehungen können nur gut sein, ohne die historische Last auf den Schultern. Dabei ist es anders. Ein Dirigent oder ein Musiker arbeitet hier nicht weil er in Israel geboren wurde, sondern weil er ein anerkannter Künstler ist. Es geht ja nicht um Wiedergutmachung.
Sind da Debatten um die Vergangenheit am Ende nicht doch ein wenig lästig?
Ich möchte diese einzigartige Form der Beziehung, diese historische Situation nicht verwässern, sondern ich finde es besser, sie den Menschen zu erklären. Die Leute wissen ja nicht so viel über Israel. Sie hören in den Medien etwas über die Siedlungspolitik, den Konflikt mit den arabischen Nachbarn, den Konflikt mit den Palästinensern. Es gibt all diese Probleme, daran will ich nicht vorbeireden, aber parallel dazu gibt es viele andere Dinge, die nicht im Mittelpunkt stehen, aber für beide Länder sehr wichtig sind. Es gibt viel mehr, das uns verbindet, als uns trennt. Und daraus muss man etwas machen. Die Normalität ist wichtig; die Besonderheit der Normalität.
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Yakov Hadas-Handelsman (55) ist seit 1983 im diplomatischen Dienst Israels. 2006 wurde er als stellvertretender Generaldirektor und Leiter der Abteilung Naher Osten und Friedensprozess im israelischen Außenministerium berufen. Seit August 2011 war Hadas-Handelsman als Botschafter bei der EU und der Nato in Brüssel. Seit Januar 2012 ist er Botschafter Israels in Deutschland.

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