Bundeswehr-Reform : "Wir haben noch einmal Glück gehabt"

Ehemaligen-Treffen am Kasernenzaun: Stadums Bürgermeister Werner Klingebiel (links) und Schriftsteller Jochen Missfeldt dienten früher in der Bundeswehr. Foto: Marcus Dewanger
Ehemaligen-Treffen am Kasernenzaun: Stadums Bürgermeister Werner Klingebiel (links) und Schriftsteller Jochen Missfeldt dienten früher in der Bundeswehr. Foto: Marcus Dewanger

Schleswig-Holstein ist von der Bundeswehr-Reform stark betroffen. Manche Gemeinden leiden ganz besonders: Stadum etwa existiert - zumindest teilweise - nur dank der Bundeswehr.

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30. Dezember 2011, 09:15 Uhr

Stadum | Wenn Bürgermeister Werner Klingebiel vor die Tür seines Holzhauses tritt, sieht er in der Ferne einen hohen Schornstein und einen ebenso hohen Funkmast. Zur General-Thomsen-Kaserne sind es zu Fuß fünf Minuten. Den Straßenrand säumen in dieser Gegend nicht gerade heimische Bäume, darunter eine Himalaja-Birke, eine amerikanische Roteiche, eine Platane. Die Jugendfeuerwehr hat den Baumpfad angelegt. Die beiden mächtigen Maisfelder zur Rechten und zur Linken können die exotischen Gewächse ebenso wenig verbergen wie die nahen Windmühlen. 120 Bürger des Ortes haben sich an den beiden Windparks beteiligt. Ein dritter ist als Ausgleich für Einnahmeverluste durch den Abzug der Bundeswehr geplant. Proteste gegen die auch in den Nachbargemeinden heftig sprießenden Mühlen gibt es nicht. Eher geduldet als begrüßt werden dagegen die beiden großen Biogasanlagen.
Für die Kaserne am Ortsrand hat der Verteidigungsminister im abgelaufenen Jahr drei Millionen Euro ausgegeben. Örtliche Unternehmen profitierten davon. Die Unterkünfte wurden renoviert, ein Kilometer langer Zaun entstand. 1.600 Soldaten leben in den flachen Bauten mit dem Charme der frühen 1960er Jahre. Zu sehen aber ist keine Menschenseele. Nur die vielen Pkw weisen darauf hin, dass der Abzug noch nicht stattgefunden hat.
500 Soldaten weniger in Stadum
"Wir haben noch einmal Glück gehabt", sagt der Bürgermeister, und diese Aussage verwundert, denn die Zahl der in Stadum stationierten Soldaten soll um mehr als 500 Mann reduziert werden. Doch viele von ihnen wohnen nicht im Ort, außerdem gibt es auch Neuzugänge. Bürgermeister Klingebiel geht daher davon aus, dass sich die Einwohnerzahl des Ortes nur um 100 auf dann etwa 900 verringert. Auswirkungen auf die Finanzen wird dies dennoch haben. Zum einen geht Kaufkraft verloren, zum anderen wird der vom Land gezahlte Finanzausgleich nach Kopfzahl berechnet. 68.400 Euro flossen bei 1029 Einwohnern im vergangenen Jahr, nach dem vorgesehenen Abzug der Flugabwehrgruppe 25 wird sich die Zahlung aus der Landeskasse deutlich verringern.
Und vielleicht noch kräftiger als bisher angenommen, denn der Bürgermeister wagt die Prognose: Auf Dauer werde sich die Kaserne im Ort nicht halten lassen. Und der Hauptmann im Ruhestand weiß wovon er redet. Ein Großteil der in Stadum stationierten Soldaten "arbeitet" auf dem "Horchposten" im 25 Kilometer entfernten Bramstedtlund. Von dort lässt sich die ganze Welt belauschen. Auf das Mithören will die Bundeswehr zwar nicht verzichten, die moderne Satellitentechnik aber macht verbunkerte Bodenstationen überflüssig.
Seit 20 Jahren starten in Leck keine Düsenjäger mehr

Überflüssig wird nun auch bald der sieben Kilometer entfernt liegende Flugplatz Leck. Jochen Missfeldt, der mit seinem einstigen Kameraden Werner Klingebiel am neuen Zaun der alten Kaserne steht, hat von Leck aus noch reichlich mit Aufklärungselektronik bestückte Phantom-Maschinen Richtung "Zonengrenze" geflogen, um einen 120 Kilometer langen Blick ins gegnerische Lager zu werfen. In der Kaserne hat er nur kurze Zeit gelebt und sich dann, wie andere Offiziere, in Stadum ein Haus gebaut. Das ist über 40 Jahre her, und seit 20 Jahren starten in Leck auch keine Düsenjäger mehr. Stattdessen wird die Anlage als Park- und Übungsplatz für die in Stadum untergebrachte Flugabwehrgruppe genutzt. Wenn die demnächst abgezogen wird, ist das für Leck ein herber Verlust, den Bürgermeister Klingebiel dramatischer einschätzt als die Nachteile für den eigenen Ort.
Also seien die reichlich gehörten Klagen über die schlimmen Folgen der Standortverringerung übertrieben? Es hätten eben nicht alle so viel Glück gehabt wie Stadum, sagt der Bürgermeister noch einmal und äußert die Hoffnung, dass es keinen "Nachschlag" gibt. Der könnte Auswirkungen auf die Schule haben, die außerordentlich wichtig für Stadum sei. 40 Kinder besuchen derzeit die Grundschule, davon stammen zehn aus Bundeswehr-Familien. Bei drei Lehrern ist die Klassengröße ideal, 31 Plätze bietet der Kindergarten. Um die Schule zu erhalten, wurde sie zur Außenstelle der Schule im nahen Schafflund gemacht. Die jetzigen Zahlen lassen das zu, aber deutlich sinken dürfen sie nicht. Fast könnte man meinen, der Verlust der Schule würde in Stadum mehr bedauert als die Schließung der Kaserne.
Die Schule fürchtet um ihre Existenz
Manfred Hopf, einst ebenfalls Phantom-Flieger und jetzt Leiter des Stadumer Ortskulturrings, sieht Turbulenzen über der Schule. Elf Abgänge soll es im nächsten Jahr geben, dagegen nur sechs neue ABC-Schützen. Ein Verlust der Schule wäre nach den Worten von Manfred Hopf sehr schlimm für den Ort.
Das kulturelle Leben im weitesten Sinn wirkt auf den Besucher dagegen geradezu perfekt. Die Liste der Vereine und Organisationen ist stattlich, selbst bei Sturm und Regen drängten sich reichlich Dorfbewohner beim Anzünden der Adventskranzkerzen vor dem Kirchhaus, an dessen Fassade eine Plakette daran erinnert, dass der Fliegeroffizier Gerd Ciganek nicht nur den örtlichen Verschönerungsverein geleitet hat, sondern auch den Bau des kirchlichen Hauses nebst Glockenturm befördert hat. Und das Schwimmbad, in dem Bürgermeister Klingebiel jedes Jahr als Erster die Badesaison eröffnet, hat ebenfalls der Verteidigungsminister bezahlt.
Gäbe es ohne die Bundeswehr Stadum gar nicht?
Der Verdacht liegt also nahe, ohne die Bundeswehr gäbe es Stadum gar nicht, und wenn in absehbarer Zukunft der neue Zaun nur noch eine leere Kaserne schützt, würde der Ort seine offenkundige Lebensqualität verlieren. Doch die Befürchtungen sind fehl am Platz. Wenn Jochen Missfeldt, der vom Offizier zum Literaten geworden ist, vor der Schautafel am Ortseingang wie einst aus der Pilotenkanzel auf das Gebiet der Doppelgemeinde Stadum-Holzacker blickt, erkennt auch der Besucher, dass es nicht schwerfallen wird, die Kasernenanlage in das 900 Hektar große Naherholungsgebiet Langenberger Forst zu integrieren. Es ist eine malerische Naturlandschaft, die schon der Märchendichter Hans Christian Andersen auf dem angrenzenden Ochsenweg passierte, als er im August 1844 zum dänischen König nach Föhr reiste, sich im Tagebuch allerdings über den merkwürdigen Dialekt der Bewohner mokierte.
Und ob es denn wirklich gar keinen Protest im Ort gebe? Doch, sagt Bürgermeister Klingebiel. Er richtet sich aber nicht so sehr gegen den Abzug der Bundeswehr, sondern vorwiegend gegen eine "Ausgleichsmaßnahme", die man auf keinen Fall haben will: Am Ortsrand soll eine Pumpstation entstehen, die das konzentrierte CO2 in unterirdische Lagerstätten presst. Wortführer und zugleich erster Vorsitzender der landesweiten Protestbewegung ist natürlich ein ehemaliger Bundeswehrangehöriger.



Zur Reform der Bundeswehr gab Ministerpräsident Peter Harry Carstensen am 26. Oktober eine Erklärung ab:
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