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Nach Tod während Zahn-OP : Was Sie über Vollnarkosen wissen sollten

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Der Tod eines 18-Jährigen in Hamburg während einer Vollnarkose beim Zahnarzt wirft viele Fragen auf: svz.de beantwortet die wichtigsten im Interview mit einem Anästhesisten.

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2016 | 08:24 Uhr

Hamburg/Kiel | Herzversagen – so lautet das vorläufige Ergebnis der Obduktion des 18-jährigen Hamburgers, der am vergangenen Freitag während der Vollnarkose bei einer Zahn-OP zu Tode kam. Laut Aussagen der Staatsanwaltschaft sollen eine Vorerkrankung und die Belastungen der mehrstündigen Operation die Auslöser gewesen sein. 24 Füllungen, sechs Kronen und vier Wurzelbehandlungen sollten in einem Eingriff behandelt werden. Für den jungen Mann der Grund, sich für eine Vollnarkose zu entscheiden. shz.de beantwortet im Interview mit Anästhesist die wichtigsten Fragen zum Thema Vollnarkose. Dr. Klaus Gerlach, Dr. Götz Serocki, und Dr. Björn Buttgereit (allesamt Mitglieder des Vorstands der Niedergelassenen Anästhesisten Schleswig-Holstein e.V.) haben die Fragen beantwortet.

Wann wird jemand üblicherweise narkotisiert?

Eine Vollnarkose bezeichnet die zeitweilige medikamentöse Auschaltung des Bewusstseins, der Schmerzempfindung sowie körpereigener Reflexe. Diese wird üblicherweise erforderlich, wenn eine schmerzhafte Untersuchung oder eine Operation durchgeführt werden soll, und die Operationen nicht in einer örtlichen oder regionalen Betäubung durchgeführt werden kann. Auch wenn der Patient eine örtliche oder regionale Betäubung ablehnt, kann der Eingriff in einer Vollnarkose durchgeführt werden. Wichtige Voraussetzung für die Durchführung einer Vollnarkose sind eine rechtfertigende Indikation sowie die Einwilligung des aufgeklärten Patienten.

Welche Gefahren bergen Vollnarkosen?

Vollnarkosen greifen in verschiedene Körperfunktionen, wie beispielsweise Atmung, Herz-Kreislauf-System und Schutzreflexe ein. Sie dürfen daher nur von einem speziell ausgebildeten Facharzt für Anästhesie unter Beachtung der von den Fachgesellschaften vorgeschriebenen Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt werden.

Generell sind Narkosen über die letzten Jahrzehnte durch erhebliche Fortschritte im Bereich der Überwachungsmöglichkeiten unter der Narkose, die sehr gute Verträglichkeit und Steuerbarkeit der Medikamente und den hohen Standard bei Aus- und Weiterbildung noch sicherer geworden. Durch Einhalten der üblichen Sicherheitskriterien, wie Nüchternheit vor der Narkose und Einnahme etwaiger eigener Medikamente wie mit dem Narkosearzt besprochen, können „klassische“ Komplikationen wie das Verschlucken von Mageninhalt, stärkere Kreislaufschwankungen etc. mit hoher Wahrscheinlichkeit vermieden werden. Komplikationen durch Erkrankungen, die sich in der vorhergehenden Untersuchung nicht zeigen und Patient und Arzt nicht bekannt sind, sind sehr selten. Risiken ergeben sich im Wesentlichen aus dem Zusammenspiel zwischen etwaiger schwerwiegender Vorerkrankungen des Patienten sowie spezifischer Operationsrisiken. Hierbei ist weniger die Operationsdauer als das Ausmaß der Operation entscheidend.

Wie werden Vorerkrankungen im Vorfeld abgeklärt?

Alle Patienten, die sich einer Narkose für eine geplante Operation unterziehen wollen, müssen sich im Vorfeld bei einem Narkosearzt vorstellen. Dabei bespricht der Anästhesist in einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten den Ablauf und die Risiken einer Vollnarkose. Der Gesundheitszustand des Patienten wird zumeist anhand eines Fragebogens sowie durch gezieltes Nachfragen und körperliche Untersuchung durch den Anästhesisten abgeklärt. Besteht der Verdacht auf das Vorliegen körperlicher Erkrankungen, werden weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel Blutuntersuchungen und ein EKG veranlasst. Letztere Untersuchungen werden bei der Mehrzahl der Patienten routinemäßig veranlasst, obgleich die aktuellen Empfehlungen der Fachgesellschaften weitergehende Diagnostik nur dann vorsehen, wenn die Krankengeschichte des Patienten Anhalt für das Vorliegen einer Erkrankung bietet.

Was müssen Patienten beachten?

Jeder Patient sollte sowohl im Fragebogen als auch im persönlichen Gespräch vorbestehende Erkrankungen vollumfänglich dem Anästhesisten mitteilen. Gegebenenfalls vorliegende Fremdbefunde durch andere Untersucher sollten zum Vorgespräch mitgebracht werden. Darüber hinaus sollte die Medikamenteneinnahme am Operationstag und die Einhaltung von Nüchternheitsgrenzen mit dem Anästhesisten besprochen werden.

Sind Vollnarkosen bei Zahn-OPs überhaupt üblich?

In der Regel können zahnärztliche Eingriffe in örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Bei komplexen Eingriffen sowie bei speziellen Patientengruppen, zum Beispiel Kindern oder Patienten mit Angststörungen sind oftmals Vollnarkosen notwendig und üblich. Darüber hinaus gibt es Patienten, die sich einer Operation nicht unter örtlicher Betäubung unterziehen wollen und daher eine Vollnarkose wünschen.

Wie lange sollten Patienten maximal narkotisiert sein?

Die Operationsdauer und die daraus resultierende Narkosedauer richten sich nach der Operationsindikation, die durch den verantwortlichen Operateur gestellt wird. In der wissenschaftlichen Literatur finden sich keine Angaben über zulässige Höchstdauern von Narkosen. Eine fachgerecht durchgeführte Vollnarkose kann problemlos auch über mehrere Stunden durchgeführt werden. Auch die immer wieder von Patienten vorgebrachte Befürchtung, ein Mensch könne nur eine bestimmte Anzahl von Narkosen vertragen, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Ist eine zehnstündige Vollnarkose bei einer Zahn-OP, wie es bei dem verstorbenen 18-Jährigen in Hamburg der Fall gewesen ist, überhaupt zumutbar?

Die Informationslage über diesen konkreten tragischen Fall gestattet uns keine Bewertung der dortigen Situation. Grundsätzlich können bei gesunden Patienten auch mehrstündige Operationen sicher durchgeführt werden. 

Wie würden Alternativen zu einer Vollnarkose aussehen?

Als Alternativen wären die Durchführung der Operation in reiner örtlicher Betäubung oder in Kombination aus örtlicher Betäubung und einem sogenannten „Dämmerschlaf“ zu nennen. Auch diese Verfahren haben spezifische Vor- und Nachteile, daher ist immer eine individuelle  Beratung erforderlich.

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