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23. Oktober 2017 | 18:07 Uhr

Essay : Was guten Online-Journalismus ausmacht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Geschichten lassen sich im Internet ganz anders erzählen als in der Zeitung, im Fernsehen oder im Radio. So langsam erahnen wir die Möglichkeiten, die uns die neuen Formen des digitalen Erzählens bieten.

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 15:32 Uhr

Online-Journalisten erzählen ihre Geschichten anders als Journalisten, deren Geschichten auf Papier gedruckt werden. Auf Papier funktioniert eine Geschichte am besten als Text, verbunden mit einem oder mehreren Fotos. Starre Grafiken gehen auch. Das ist lange geübte Praxis, sowohl für Print-Journalisten, als auch für Print-Leser.

Die digitale Welt erweitert die Möglichkeiten, mit denen Journalisten Geschichten erzählen können. "Video" ist ein Stichwort, das den meisten einfällt. "Audio-Slideshow" mag der eine oder andere auch schon gehört haben. Eine Geschichte digital zu erzählen, kann also bedeuten, ein bereits vorhandenes Medium digital auf einer Website zu simulieren. In den beiden Beispielen die Medien "Fernsehen" und "Diaabend". Auch "Radio" kann simuliert werden, denn wo eine Internetverbindung vorhanden ist, ist ein Audiostream möglich, vorher aufgezeichnet, oder auch live. "Podcasting" wirkt allerdings im Jahr 2013 schon wieder wie ein Begriff aus einer fernen Vergangenheit.

Kein Fernseh- oder Radiojournalist für Arme!

"Simulieren" hört sich despektierlich an und ist auch so gemeint. Es ist völlig legitim, eine Geschichte, die sich über bewegte Bilder am besten erzählen lässt, als Video zu erzählen. Gibt es tolle Fotos, die aber einen roten Faden in Form eines (gesprochenen) Textes benötigen, mag eine Audioslideshow das Mittel der Wahl sein. Hält jemand eine bewegende Rede, ist es großartig, ein Tondokument davon veröffentlichen zu können.

Aber: Wir Onlinejournalisten sollten nicht versuchen, eine Art Fernseh- oder Radiojournalist für Arme zu sein. Allzu vielen Websites merkt man es negativ an, dass nach dem Motto verfahren wird: "Stell' doch ein Video dazu, dann wird es multimedialer."

"Neue Formen des digitalen Erzählens entwickeln."

"Multimedial" ist zwar, wenn wir über Onlinejournalismus sprechen, ein geflügeltes Wort geworden. Aber es führt in die falsche Ecke, in die der Simulation anderer Medien. Onlinejournalisten können aus der digitalen Welt mehr herausholen als die Simulation von Zeitung, Zeitschrift, Radio, Fernsehen oder Diaabend...

Wir können das, was das Netz bietet, intelligent miteinander verknüpfen und so neue Formen des digitalen Erzählens entwickeln.Timelines wie etwa timeline.verite.co sind so ein Beispiel. Geschichten in Chroniken zu erzählen ist ein alter Hut. Im Netz können wir aber viele bessere Antworten auf die Frage geben: "Was geschah bisher?" Wir können Fotos, Audios, Videos einbinden. Wir können direkt zu Wikipedia verlinken und müssen dort nicht mehr abschreiben. Wir können Originaldokumente zeigen. Wir können über Karten ohne großen Aufwand deutlich machen, wo etwas spielt. Auch ein Tool wie Storify (storify.com) bietet die Möglichkeit, im Netz vorhandene Elemente einzubinden. Hier lassen sich über Social Media Geschichten erzählen, die im Netz selbst stattfinden.

Kein Weg geht an Datenjournalismus vorbei

Live-Ticker erleben gerade eine Inflation auf deutschen Nachrichtenwebsites, die der Form nicht in jedem Fall guttut. Aber ein gut gemachter Liveticker nimmt den Leser unmittelbar mit ins Geschehen, lässt ihn eintauchen. Auch hier wieder: Jedes Element wird mit dem Mittel erzählt, das am besten passt: Vom Textschnippsel über den Tweet, die Karte bis zu Foto und Video. "Multimedialität" nicht, um das Buzzword zu bedienen, sondern um Geschichten auf die adäquateste Art zu erzählen.

Wer über Onlinejournalismus schreibt, kommt 2013 um das Thema Datenjournalismus nicht herum. Wobei: Kurioserweise findet Datenjournalismus derzeit seine aktivsten Anhänger unter Printlern, wie die Aufbereitung von "Offshore Leaks" in der Süddeutschen Zeitung zeigte, wobei die Onlineredaktion von sueddeutsche.de nicht der Treiber, sondern eher das Anhängsel war. Auch die "Panama-Datenbank", ebenfalls eine Datenjournalismus-Geschichte der "Süddeutschen", war Print-getrieben. Und sie war ein Beispiel für den fast immer vergeblichen Versuch, die Website einer Zeitung zur Förderung des Einzelverkaufs zu verwenden.

Leser teilhaben lassen

"Offshore Leaks" macht auch ein Dilemma des aktuellen Datenjournalismus deutlich. Allzu oft ist die Ausgangssituation, dass zunächst die Daten vorhanden sind, gerne von einer "anonymen Quelle", und erst dann kommt die Überlegung, was wir Journalisten eigentlich daraus machen wollen. Im Fall "Offshore Leaks" kamen dann aus vielen Gigabytes an Festplattenspeicher aus deutscher Sicht viel mediale Aufregung und ein Affärchen um den verstorbenen Gunter Sachs heraus.

Zu selten funktioniert Datenjournalismus anders herum: dass zunächst eine These im Raum steht und dann erst die Frage, wo die Daten herkommen könnten, mit der man die These überprüfen kann. Ein schönes Beispiel, bei dem eine journalistische Vermutung der Ausgangspunkt eines Projekts war, und dann die Frage geklärt wurde, wie man an die Daten kommt und sie auswertet, ist "Lobby-Plag" (http://lobbyplag.eu/), initiiert vom Journalisten Richard Gutjahr und den Programmierern von Open Data City. Hier werden Gesetzesvorlagen in Brüssel mit E-Mails von Unternehmen und Lobbygruppen an Abgeordnete verglichen mit dem Ergebnis, dass viele Formulierungen einfach per Copy & Paste Eingang in den Gesetzgebungsprozess finden.

Onlinejournalismus ist deswegen anders, weil er auf einer stetig veränderbaren Plattform stattfindet, weil er sich der Elemente des Netzes bedienen kann, weil er in der Lage ist, Transparenz zu schaffen, weil er zeitliche und räumliche Dimensionen wahrnehmbar machen und weil er seine Leser interaktiv teilhaben lassen kann. Aber am Ende wollen wir doch nur eins: gute Geschichten erzählen.

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