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Kieler Woche 2015 : Warum Johannes Oerding am liebsten im Hotel arbeitet

vom

Der "Alles Brennt"-Sänger im Interview mit sh:z.de über Haartrimmer, Hotels und norddeutsche Gelassenheit.

shz.de von
erstellt am 28.Jun.2015 | 20:24 Uhr

Zum wievielten Mal bist du hier auf der Kieler Woche?

Schon zum fünften Mal, glaube ich. Ich habe mich hart hochgearbeitet. Ich habe vor sieben Jahren auf der kleinsten Bühne angefangen. Und dann ging's von Jahr zu Jahr weiter. Bis dahin, dass man schon auf der NDR-Bühne spielen durfte, also auf der größten. Dann erstmal nachmittags und das letzte Mal waren wir quasi die Vorband. Und jetzt dürfen wir den Hauptact spielen.

 

Was ist typisch für die Kieler Woche?

In der Regel regnet es immer zur Kieler Woche. Ich glaube auch, heute Abend, wenn wir auf die Bühne gehen, wird es pünktlich anfangen zu regnen. Da ist Verlass drauf in Kiel. Das ist aber nicht schlimm, weil das Schöne ist, es gibt keine andere Stadt in Deutschland, wo man sich so auf die Leute verlassen kann, weil denen ist der Regen scheißegal. Die Kieler kommen auch bei Regen.

 

Ist das charakteristisch für Norddeutsche?

Ja, Gelassenheit, das so hinzunehmen, dass es so ist. Und nicht lang rumzulamentieren und zu jammern, wie es vielleicht ein Rheinländer machen würde. Da wo ich her komme, würde die Welt untergehen. Hier zieht man sich einfach eine Regenjacke an und steht dann trotzdem da.

 

Dein letztes Album hast du in einem Hotel an der Nordsee aufgenommen. Du lebst inzwischen in Hamburg, spielst heute auf der Kieler Woche. Was verbindet Dich mit der See?

Eigentlich gar nichts, sondern das ist genau das, was mich immer hier hergezogen hat. Weil man das eben als Kind nie hatte. Ich komme vom Niederrhein, also sogar noch weiter daher, wo kein Wasser ist. Ich bin direkt an der holländischen Grenze groß geworden, und da gibt's auch nur Wiesen und Wald. Deswegen haben mich eigentlich immer sowohl Wasser als auch Berge total fasziniert. Und ich war total glücklich als ich nach Hamburg gezogen bin. Auch wenn das noch eine Ecke entfernt vom eigentlichen Wasser ist: aber da kriegst du halt auch das Flair so mit - das Norddeutsche, das Maritime. Und gerade hier: Kieler Woche ist immer geil. Sowieso die Festivals hier im Norden, ob das nun Timmendorf oder Warnemünde ist: ich feiere das total ab. Ich mag gern Strand, Wasser, Wind. Deswegen habe ich auch die Platte in so einem Umfeld gemacht, weil es mich dann wohl doch im Unterbewusstsein so ganz subtil inspiriert. Da hat man auch mehr Ruhe. Ich brauche eigentlich immer einen Ort, wo ich mich zurückziehen kann. Wenn ich bei mir zuhause in St. Pauli bleibe, dann schreit die Straße immer nach einem.

 

Warum habt ihr im Hotel aufgenommen?

Ich bin total gern in Hotelzimmern, das glauben mir die meisten Leute nicht, aber ich bin super gern auf Tour. Ich mag es, in Hotelzimmer reinzukommen und die Sachen hinzuschmeißen. Man ist so anonym, kann Unordnung schaffen und geht am nächsten Tag wieder. Ich liebe das total. Es ist nicht so eine gewollte Atmosphäre wie im Studio. So von wegen, oh jetzt geht die rote Lampe an, jetzt muss man arbeiten. Sondern man ist halt da, kann mal zwischendurch Pause machen. Vor allen Dingen muss man sich um nichts kümmern, man kann unten anrufen und sagen: "Entschuldigung, kann ich ein Stück Kuchen haben und einen Kaffee" und dann kommt das aufs Zimmer. Man muss nicht die Betten machen, nicht aufräumen, man muss gar nichts machen. Kann sich einfach betüddeln lassen. Man wird nicht abgelenkt von Problemen, die man vielleicht zuhause in seiner Wohnung hat. Ich fühle mich einfach wohl da. Ich weiß, das welche von meiner Band Hotelzimmer und das Unterwegssein hassen, aber ich bin schon immer ein Reisender gewesen. Ich kann das natürlich auch leicht sein, ich habe ja keine Familie, keine Kinder und von daher keine großen Verpflichtungen.

 

Wie lange haben die Aufnahmen gedauert?

Viele Wochen. Wir waren immer so eine Woche da, dann wieder eine Woche zuhause. Dann nochmal gegengehört. Und dann wieder zum Arbeiten dahin. Wir haben immer alles mitgeschleppt. Bis auf das Schlagzeug haben wir auch alles dort aufgenommen.

 

Du schreibst deine Songs selber. Was inspiriert dich? Ist Songschreiben so etwas wie ein Tagebuch?

Es ist mit Sicherheit Tagebuch, aber auch ein bisschen Therapie. Ich glaube, dass geht allen Songwritern so. Was ich immer zuerst mache: ich versuche zu hören, was ist denn bei mir so drin und was muss raus? Und was beeindruckt oder bedrückt mich? In der Regel sind das dann aber extremere Gefühle. Nicht: Oh, heute geht's mir aber schlecht, sondern das muss schon was sein, wo es sich lohnt, drüber zu schreiben. Der zweite Schritt ist eigentlich, mit offenen Augen rumzuflitzen. Und einfach zu gucken und zu hören, was sagen denn die Menschen im Freundeskreis, der Familie und im direkten Umfeld. Aber auch wenn ich im Cafe sitze oder auf der Autobahn fahre: du siehst immer irgendwas. Das Allerwichtigste ist allerdings, dass ich das Gefühl nachvollziehen kann. Ich muss das selber irgendwie kennen, sonst kann ich das nicht beschrieben. Ich könnte zum Beispiel nicht drüber schreiben, wie es ist, junger Vater zu sein. Weil ich es nicht kenne und bin.

 

Wahrscheinlich könntest du es am Ende dann auch nicht singen?

Klar kann man es aufführen, aber ich stehe eben schon dafür, das, was ich mache und singe, ehrlich zu meinen. Und glaubwürdig zu sein. Deshalb bleibe ich eigentlich bei meinen Geschichten in der Hoffnung, dass sie mir nie ausgehen. Deshalb bin ich auch viel unterwegs, auf Reisen, auf Tour. Denn da erlebt man natürlich die Geschichten die aufschreibenswert sind.

 

Du hast in den letzten zwei Jahren 250 Auftritte gehabt. Was darf für dich auf Tour auf keinen Fall fehlen? Was ist immer im Koffer oder in der Tasche?

Es gibt mehrere Sachen, die haben sich so eingebürgert. Das fängt bei Haarwachs an und hört bei Gitarre auf. (Lacht) Ich brauch zu jeder Tageszeit ein Instrument. Ansonsten versuche ich im Moment, weil wir gerade auch so eine Riesentour hatten, möglichst wenig mitzunehmen. Auf Tour kauft man sich mal hier mal da was. Dann kommt man am Ende mit einem doppelt so vollen Koffer zurück. Aber so etwas wie einen Glücksbringer habe ich gar nicht. Also, ich mag, wenn meine lieben Menschen mit dabei sind, meine Familie. Meine Band und mein ganzes Team sind so etwas wie meine Familie. Wir sind schon seit Jahren zusammen unterwegs. Wenn die dabei sind, ist das schon einmal die halbe Miete - das ist immer wie eine geile Klassenfahrt. Was ich auf jeden Fall immer mit dabei habe - und immer gut aufgeladen- das ist so ein Longhair-Trimmer. So dass ich mir den Bart stutzen kann. Das ist ganz wichtig für mich. Für Männer, für eitle Männer sage ich mal.

 

Also bist du eitel, wenn es um den Bart geht?

Ja doch, da muss man immer aufpassen. Das darf ein bisschen verwegen aussehen aber nicht zu assig, finde ich.

 

Du spielst so viel vor Publikum, was ist der Reiz daran?

Ich glaube ja grundsätzlich, dass die meisten Menschen auf dieser Erde gemocht werden wollen. Und das mögen, wenn ihnen was Positives entgegen schlägt. So ein Harmoniebedürfnis hat ja jeder von uns in der Regel. Das ist, glaube ich, der Ursprung des Ganzen. Ich mag es, wenn Leute es gut finden, was ich mache. Und dann kommst du halt raus, und sie singen deine Songs mit und kennen die und klatschen. Das ist ein Riesenkompliment, das man sieht, dass die Arbeit, die man macht, irgendwie einen Sinn hat, und ich nicht einfach für mich ins Blaue hinein Songs schreibe und die zuhause auf der Couch spiele. Es ist schön, dass es so einen Sinn hat für viele Menschen. Dass sie damit glücklicher sind oder für kurze Zeit nachdenklich sein können oder motiviert werden. Das schafft halt nur Musik. Es ist schön zu sehen, dass man das Privileg hat, auch auf einer Tour vor 7000 Leuten zu stehen und die finden das gut. Das wünscht sich jeder Politiker.

 

Wenn man dich online sucht, findet man ganz viele Einträge, in denen es um Johannes Oerding und Ina Müller geht. Nervt dich, dass du so oft darauf reduziert wirst?

Nein, nervt mich gar nicht. Hat mich auch nie genervt. Aber es stimmt - natürlich - wenn du in einer Beziehung bist, wo der eine noch bekannter ist, dann wird man so ein bisschen darauf reduziert. Das ist aber relativ natürlich glaube ich, dass Menschen einfach immer irgendwie einen Anker oder ein bisschen Feenstaub brauchen, um zu wissen "ach, der ist das", wenn sie den nicht kennen. Und es hat mich nie gestört. Und uns nicht. Aber wir versuchen dennoch, möglichst wenig davon preiszugeben. Und das ist schon schwierig genug, weil manchmal Leute einfach was schreiben. Das hast du eben nicht immer in der Hand. Aber wir fahren da ganz gut mit, es ist ja auch nicht so, dass wir immer zusammen über den roten Teppich laufen. Das war auch nie unsere Art.

 

 

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