Handy-Werkschließung : Verzweifeltes Ringen um Nokia

Eine Nokia-Mitarbeiterin wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Die Werkschließung ist ein Desaster für die Beschäftigten - und für das Ruhrgebiet. Foto: dpa
Eine Nokia-Mitarbeiterin wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Die Werkschließung ist ein Desaster für die Beschäftigten - und für das Ruhrgebiet. Foto: dpa

Der Schock, den die angekündigte Schließung des Bochumer Nokia-Werks ausgelöst hat, sitzt tief. Dabei zeugen die Reaktionen der Politik von Hilflosigkeit. Der Handy-Konzern zeigt den demokratischen Instanzen die kalte Schulter - er ist nicht für das Gemeinwohl zuständig. Ein Kommentar von Stephan Richter.

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19. Januar 2008, 11:10 Uhr

Jenseits des Schicksals der 2300 Beschäftigten scheint der Vorgang bei Nokia auch aktuelle Thesen vom "Superkapitalismus" zu bestätigen. Soeben hat der frühere Arbeitsminister in der US-Regierung Clinton und Ökonomie-Professor Robert Reich ein gleichnamiges Buch veröffentlicht, das Wellen schlägt. "Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt", heißt der Untertitel des Werkes. Kernthese von Reich: Die Wucht der Globalisierung lässt zwar Kunden profitieren, weil Waren immer schneller und billiger verfügbar werden. Zugleich steigen aber Arbeitsplatzrisiken und Umverteilung, hat sich das Privatleben dem Arbeitsleben unterzuordnen, wird die Verantwortung und Steuerungsgewalt der Politik ausgehebelt. Ob am Ende gar die demokratische Ordnung in Gefahr gerät, wie es Reich befürchtet, muss sich zeigen.
Was beim Fall Nokia sichtbar wird, ist dies: Ein Bundesminister (Horst Seehofer) weiß sich nicht anders zu helfen, als sein Nokia-Handy abzuschalten. Die Kanzlerin erwartet von dem finnischen Konzern noch "Informationen" zur Schließung; ihr Wirtschaftsminister indes meint schon jetzt, dass die Bundesregierung wohl keine Möglichkeiten hat, einzugreifen. Seine Düsseldorfer Ressortkollegin Christa Toben schließlich prüft, ob das Land nicht die letzten Subventionen zurückfordern kann. Das klingt für einen Global Player vermutlich richtig niedlich. So etwas wird im Zweifelsfall aus der Portokasse bezahlt.
Tatsache ist, dass sich der Nokia-Konzern ebenso wie seinerzeit die Motorola-Zentrale bei der Schließung des Flensburger Werkes nicht von der Politik beeindrucken lässt. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und sein Wirtschaftsminister blitzten in Illinois ebenso ab wie jetzt die NRW-Regierung. - Hat Clintons Ex-Minister und Buchautor Reich womöglich mit seinen Thesen recht?

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