Trauer-Gottesdienst : "Vertrieben waren ihre Schutzengel"

Mehrere hundert Menschen kamen zum Gottesdienst in die Michaeliskirche in Lütjenburg. Foto: dpa
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Mehrere hundert Menschen kamen zum Gottesdienst in die Michaeliskirche in Lütjenburg. Foto: dpa

Hunderte haben am Sonntag in einem Gottesdienst der fünf getöteten Kinder von Darry gedacht. Zu der Trauerfeier waren auch ranghohe Landespolitiker erschienen.

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10. Dezember 2007, 04:46 Uhr

Ein Lichtermeer aus kleinen weißen Kerzen, rote Rosen und ein heller Plüschdelfin: Sie alle sind zum Gedenken an den Tod von fünf kleinen Menschen vor dem Altar platziert worden. Milde blickt eine Christusgestalt von einer Ikone auf die Ansammlung. Die Michaeliskirche in Lütjenburg ist am Sonntag Anlaufpunkt für hunderte Erwachsene und Kinder, die angesichts der grausigen Familientragödie im schleswig-holsteinischen Darry gemeinsam beten und erinnern wollen. In der vergangenen Woche hat dort eine psychisch kranke Mutter ihre fünf Söhne getötet. Das jüngste Opfer war drei Jahre alt.
Auf den Kirchenbänken sitzen auch ranghohe Politiker. Sichtlich ergriffen wirkt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU). Wie viele Trauergäste stellt auch Carstensen eine kleine Kerze am Altar ab und verharrt dort mehrere Augenblicke schweigend. Der Ministerpräsident äußert sich nur knapp zu dem Geschehen. "Ich empfinde tiefe Trauer und tiefes Ergriffensein." Er verweist auf das Lied zu Beginn des Gottesdienstes - "Seid stille dem Herrn" - und sagt: "Ich glaube, das sollten wir machen." Auch Sozialministerin Gitta Trauernicht und Innenminister Ralf Stegner (beide SPD) sind in der mehr als 800 Jahre alten Backsteinkirche.
Aufruf für mehr Mitmenschlichkeit
"Das Wort "Mutter" steht doch für Vertrauen. Das Wort "Kind" für Unschuld", benennt die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter das unfassbare Geschehen. Und sie fragt wie die meisten Nachbarn, Bekannten und Freunde der Familie: "Vor welchem Abgrund muss die Mutter gestanden haben, als sie dies tat? Vertrieben waren ihre Schutzengel, verlassen war sie von allen guten Geistern." Mitten in die Adventszeit sei dieser Schrecken gefallen, sagt die Bischöfin. Sie spricht vielen Trauernden aus dem Herzen: "Dieses schreckliche Ereignis soll sich nicht vergeblich abgespielt haben." Jeder könne die Konsequenz aus der Tat ziehen und "zum Schutzengel werden".

An diesem Adventssonntag ist die Debatte über die Familientragödie von Darry damit zu einem Aufruf für mehr Mitmenschlichkeit geworden. "Vielleicht gibt es für uns einen Zuwachs an Menschlichkeit durch dieses furchtbare Geschehen", hofft die Bischöfin. "Wir leben in einer zu distanzierten, individualisierten Kultur", beklagt sie.

Zur Beerdigung Halbmast in Schleswig-Holstein

Eine 58 Jahre alte Nachbarin der ausgelöschten Familie weint. Der Gottesdienst habe sie berührt und nachdenklich gemacht. "Wir sind kein Ort und keine Straße, wo wir nicht hingucken, und trotzdem konnte die Tragödie geschehen." Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit haben die vergangenen Tage in dem kleinen Dorf geprägt. Nun wolle man ­ das sei auch ausdrücklich Wunsch der Kinder - langsam wieder zur Normalität zurückkehren ­ "mit einem neuen Verständnis".
Alle spenden am Ende der einstündigen Feier für die Familie und die Beerdigung der fünf toten Brüder. Ein Termin für die Beisetzung in aller Stille steht noch nicht fest. Das Land hat dazu Trauerbeflaggung angeordnet. Die Eigentümerin des kleinen Einfamilienhauses, in dem die Tragödie geschah, ist ratlos: "Da traut sich sicher keiner mehr, einzuziehen", sagt die alte Dame. Sie erinnert sich unter Tränen, wie lebhaft die Kinder und wie "normal, freundlich und sympathisch" die Mutter gewesen seien.

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