Vor der Gruppen-Auslosung in Lausanne : Vereins-Chefs kritisieren die Nations League: „Die Spieler sind körperlich absolut am Limit“

Am Mittwoch werden die Gruppen für das neue Fußball-Länderspiel-Turnier ausgelost. Die Meinungen sind zwiegespalten.

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23. Januar 2018, 11:31 Uhr

Lausanne | Am Mittwoch werden die Gruppen für die neue Nations League in Lausanne ausgelost. Die Meinungen über das neue Konzept für Fußball-Länderspiele gehen stark auseinander. Während DFB-Präsident Reinhard Grindel das Turnier unterstützt, fürchten Vereins-Chefs die hohe Belastung für die Sportler.

DFB-Präsident Reinhard Grindel unterstützt die Einführung der neuen Nations League.
Foto: Sven Hoppe/dpa

DFB-Präsident Reinhard Grindel unterstützt die Einführung der neuen Nations League.

 

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes ist von der Nations League überzeugt: „Es gibt kein einziges zusätzliches Spiel und es gibt damit auch keine zusätzliche Belastung für unsere Nationalspieler“, sagte der Verbandschef vor der Auslosung am Mittwoch in Lausanne. „Es wird ein zusätzlicher sportlicher Anreiz geschaffen. Statt Freundschaftsspiele, in denen es um nichts geht, sehen die Fans einen attraktiven Wettbewerb“, sagte DFB-Chef Reinhard Grindel und betonte die wirtschaftliche Bedeutung für kleinere Nationen.

Was ist die Nations League?

Ein neuer Titel, viel weniger Freundschaftsspiele: Die Nations League verändert die Zeit zwischen den großen Fußballturnieren massiv.

Erstmals seit der EM 1960 feiert wieder ein Wettbewerb für Fußball-Nationalmannschaften auf europäischer Ebene Premiere. Am Mittwoch wird in Lausanne die erste Auflage der Nations League ausgelost.

Wie funktioniert die Nations League?

Die Nations League ist in vier Ligen unterteilt, in Liga A treffen die best-platzierten Teams der europäischen Rangliste aufeinander, darunter auch Deutschland. Jede Liga ist noch einmal in vier Gruppen gesplittet. Die vier Gruppensieger der Liga A spielen den Nations-League-Titel aus. Die Gruppensieger der übrigen Ligen steigen in die nächsthöhere Liga auf, die schlechtesten Teams jeder Gruppe in den Ligen A bis C steigen ab.

Welchen Einfluss hat die Nations League auf die EM 2020?

Vier der insgesamt 24 Startplätze für die EM werden über den neuen Wettbewerb vergeben. Die vier Gruppensieger aus den vier Ligen spielen in Playoffs jeweils untereinander mit Halbfinals und Finale einen EM-Startplatz aus. Sollten die Gruppensieger sich bereits über die reguläre Qualifikation für die EM qualifiziert haben, rückt das jeweils nächstbeste Team in die Playoffs nach.

Wie sieht der zeitliche Fahrplan für die Länderspiele aus?

Die Gruppenspiele der Nations League finden im September, Oktober und November 2018 statt. Kurz vor der Sommerpause gibt es im Juni 2019 das Finalturnier der Liga A, in der der erste Titelträger der Nations League gekrönt wird. Von März bis November 2019 sind die Gruppenspiele der EM-Qualifikation geplant. Die Playoffspiele, in denen sich die vier letzten Mannschaften für die Euro qualifizieren, steigen im März 2020.

Die reinen Freundschaftsspiele werden nun deutlich weniger – aber nicht gänzlich verschwinden. Vor Europa- und Weltmeisterschaften wird es beispielsweise noch Platz zum Ausprobieren geben. Auch von September bis November 2018 ist bei sechs Länderspiel-Slots und vier Nations-League-Partien noch Platz für zwei Tests.

Wo sind die Spiele der Nations League zu sehen?

Im Gegensatz zu regulären EM-Qualifikationsspielen, die RTL überträgt, haben sich ARD und ZDF die Rechte für die deutschen Spiele der Nations League gesichert. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden von 2018 bis 2022 bis zu zwölf Partien der DFB-Auswahl in dem Wettbewerb zeigen. Das Finale wäre auch ohne deutsche Beteiligung zu sehen.

Bundesligavereine sind skeptisch

Vor allem von den deutschen Fußball-Clubs hagelt es Kritik. „Jetzt haben sie eine neue Idee entwickelt. Das alles tut den Vereinen nicht gut. Deswegen halte ich von dem Wettbewerb nichts, weil er zu Lasten der Vereine und zu Lasten der Spieler geht“, sagte Hannovers Manager Horst Heldt, der im neuen Konzept eine größere Belastung für die Spieler sieht. „Am Ende ist es ein Wettbewerb mit einer Auslosung und es hat alleine mit dem Namen Nations League eine andere Wertigkeit als ein Freundschaftsspiel. Ich halte das in der Belastung für zu viel.“

Hannovers Manager Horst Heldt fürchtet durch die Nations League eine höhere Belastung für die Fußballer.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Hannovers Manager Horst Heldt fürchtet durch die Nations League eine höhere Belastung für die Fußballer.

Auch Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge warnt: „Wir brauchen nicht mehr Länderspiele, sondern weniger Länderspiele, denn die Spieler sind körperlich absolut am Limit.“ Er sehe die inflationäre Entwicklung von Wettbewerben der Nationalmannschaften grundsätzlich kritisch: „Wenn es keine Nations League geben würde, dann würde sie wohl auch niemand vermissen.“ Michael Zorc, Manager von Borussia Dortmund, sprach von einer „Überfrachtung an Wettbewerben“.

Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fordert eher weniger Länderspiele für die Fußballer.
Foto: Matthias Balk/dpa

Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fordert eher weniger Länderspiele für die Fußballer.

Ein Konflikt mit den Vereinen will DFB-Chef Grindel weiterhin vermeiden. „Schon beim Confed Cup haben wir vielen stark beanspruchten Nationalspielern einen Sommer der Regeneration ermöglicht. Jogi Löw hat die Belastung der Spieler in seinen langfristigen Planungen immer im Blick und zeigt damit, wie wichtig uns die gute Zusammenarbeit mit den Clubs ist“, sagte er.

Alexander Rosen von 1899 Hoffenheim sieht das Thema ebenfalls eher kritisch, obwohl sich durch die Nations League die Zahl der Länderspiele nicht erhöht. „Auch wenn die Möglichkeit besteht, sich über Umwege noch für die EM zu qualifizieren, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein weiterer Wettbewerb der Nationalmannschaften einen positiven sportlichen Effekt oder eine besondere Bedeutung haben wird“, ist der Sportchef überzeugt. Die dahintersteckenden Interessen der UEFA seien „in erster Linie finanzieller Natur.“

Bundestrainer und Teammanager sehen auch Positives

Auch Bundestrainer Joachim Löw sieht das neue Fußball-Länderspiel-Turnier zwiespaltig.
Foto: Christian Charisius/dpa

Auch Bundestrainer Joachim Löw sieht das neue Fußball-Länderspiel-Turnier zwiespaltig.

 

Die sportliche Führung um Bundestrainer Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sieht den Wettbewerb ebenfalls zwiespältig, da die Möglichkeiten zum risikofreien Testen von jungen Spielern abseits des Titeldrucks geringer werden. Der Teammanager Bierhoff sieht aber auch Chancen, personell experimentieren zu können: „Sicherlich wird das ein oder andere Spiel auch hilfreich sein, neue, junge Spieler unter Wettbewerbsbedingungen gegen andere große Fußballnationen zu testen und in die Mannschaft einzubinden“, sagte er.

 

Löw und Bierhoff sind am Mittwoch bei der Auslosung in Lausanne dabei. Intensiv beschäftigen wollen sie sich mit dem neuen Wettbewerb aber erst nach der WM kommenden Sommer in Russland. „Sportlich wollen wir uns immer mit den Top-Teams messen, insofern hätte ich nichts dagegen, wenn wir bei der Auslosung zur Nations League starke Gegner zugelost bekommen“, sagte Löw.

Wer sind die möglichen deutschen Gegner?

Deutschland wird nach der WM von September bis November mit zwei weiteren Teams in der Staffel A der besten Mannschaften spielen. Möglich sind dabei Duelle mit Italien, England, Frankreich oder den Niederlanden. Der Nations-League-Sieger wird bei einem Finalturnier im Juni 2019 gekürt.

In Liga A gibt es vier Gruppen mit jeweils drei Mannschaften. Als topgesetztes Team geht die Löw-Auswahl in der Gruppenphase Spanien, Belgien und Portugal aus dem Weg. Gegner für das Löw-Team sind einerseits Frankreich, England, Schweiz oder Italien sowie eine Mannschaft auf dem Topf mit Polen, Island, Kroatien und den Niederlanden.

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