Atomstudie : Ursachen für Krebs bleiben im Dunkeln

Fast schon idyllisch steht ein Reetdachhaus vor dem Kernkraftwerk in Brokdorf. Foto: dpa
Fast schon idyllisch steht ein Reetdachhaus vor dem Kernkraftwerk in Brokdorf. Foto: dpa

Neuer Wirbel um die Atomkraft: Laut einer Studie ist die Krebsgefahr für Kinder größer, je näher sie an einem Atomkraftwerk aufwachsen. Statistisch. Doch zu den Gründen sagt die Studie nichts. Politiker und Wissenschaftler streiten sich nun auf der Suche nach den Ursachen.

Avatar_shz von
10. Dezember 2007, 05:59 Uhr

Nach der Studie über mehr Krebsfälle bei Kleinkindern in der Nähe von Atomkraftwerken suchen Forscher nach der Ursache. "Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge, aber keine Beweise", sagte der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, in Berlin. "Gleichwohl haben wir ein Risiko, das eindeutig beschrieben ist und dem wir nachgehen müssen." Daraus müssten Schlussfolgerungen gezogen werden.
Eine Studie des Kinderkrebsregisters Mainz hatte ergeben, dass das Blutkrebsrisiko für Kinder unter fünf Jahren größer wird, je näher sie an einem Atomkraftwerk wohnen. Eine Expertengruppe im Auftrag des BfS schließt einen Zusammenhang nicht aus, während andere Forscher auch einen Zufall für möglich halten.
Eine Statistik ohne Ursachenforschung
Kleinkinder haben der Studie zufolge ein um 60 Prozent größeres Risiko, in der Nähe von Kernkraftwerken an Blutkrebs (Leukämie) zu erkranken als Altersgenossen in anderen Regionen. "Das Besondere ist, dass wir eine Entfernungsabhängigkeit erstmals feststellen konnten", sagte König. Während die Strahlung nach Ansicht der Autoren grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann, will eine Expertengruppe im Auftrag des BfS dies "keinesfalls" ausschließen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte eine genaue Prüfung durch die Strahlenschutzkommission angekündigt.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hält einen Zusammenhang zwischen der Strahlung von Atommeilern und Krebs bei Kindern durch die Studie für erwiesen. Der Befund, dass der Grund für die Häufung die Meiler selbst seien, lasse sich nicht mehr wegdrücken, sagte Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital dem Berliner "Tagesspiegel". Der Essener Strahlenbiologe Wolfgang-Ulrich Müller sagte der dpa dagegen: "Meine Vermutung ist: Der Effekt hat eine andere Ursache als die Strahlung." Die Strahlung sei in der Umgebung von Kernkraftwerken zu niedrig. Es gebe weltweit Fälle einer Häufung von Leukämie- Erkrankungen unabhängig von Kernkraftwerkstandorten. Müller ist Vorsitzender der Strahlenschutzkommission.
Ergebnisse der Studie reiner "Zufall"?
Das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz hält auch einen Zufall für denkbar. Die Strahlung normal arbeitender Atomkraftwerke könne nicht als Erklärung vermehrter Krebsfälle bei Kindern in der Umgebung der Meiler dienen. "Denkbar wäre, dass bis jetzt noch unbekannte Faktoren beteiligt sind oder dass es sich doch um Zufall handelt."
Die Grünen-Bundestagsfraktion sieht in der Untersuchung ein Plädoyer gegen die Forderung nach längeren Laufzeiten der Kernkraftwerke. "Die weitere Diskussion über die Verlängerung von Laufzeiten oder sogar den Neubau von Reaktoren dürften sich mit den vorliegenden Erkenntnissen vorerst erledigt haben", sagte Grünen- Fraktionsvize Bärbel Höhn. "In Ländern wie England, Kanada und Japan sind Studien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie jetzt in Deutschland."
Expertengremium bemängelt falsche Berechnungen
Die Untersuchung zwischen 1980 und 2003 ergab, dass im Umkreis von fünf Kilometern rund um 16 westdeutsche Atommeiler 77 statt 48 Krebsfälle bei Kleinkindern auftraten - 1,2 zusätzliche Fälle pro Jahr. An Leukämie traten 37 statt 17 Fälle auf - 0,8 zusätzlich pro Jahr. Das Expertengremium im Auftrag des BfS bemängelte, dass die Berechnungen in der Studie nicht korrekt seien. Statt 29 zusätzlicher Krebsfälle im Fünf-Kilometer-Umkreis müsse mit bis zu 275 weiteren neuen Fällen im 50-Kilometer-Abstand gerechnet werden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen