Truckerin aus Leidenschaft

Wochenend-Arbeitsplatz: Nicole Karstens im Führerhaus des 40-Tonners, mit dem sie für ihre Eltern fährt. Foto: Ruff
Wochenend-Arbeitsplatz: Nicole Karstens im Führerhaus des 40-Tonners, mit dem sie für ihre Eltern fährt. Foto: Ruff

24-jährige Steuerfachangestellte liefert an Wochenenden Obst und Gemüse mit großem Lkw nach Berlin oder Dänemark

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29. Dezember 2011, 08:43 Uhr

Frestedt | "Was für andere der Sportwagen ist, ist für mich der Lkw - ich liebe es, damit unterwegs zu sein", sagt Nicole Karstens und ihre Stimme ist voller Begeisterung, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt. Von Montag bis Freitagmittag arbeitet die 24-Jährige als Steuerfachangestellte in einem Nortorfer Steuerbüro. Dann tauscht sie Bürooutfit gegen legere Kleidung, den Schreibtisch gegen den Platz hinterm Lenkrad ihres 40-Tonners: Von Freitagnachmittag bis Sonnabend fährt sie für die Frestedter Spedition ihrer Eltern Vera und Klaus-Detlef Karstens Dithmarscher Kohl, Obst oder Gemüse nach Berlin oder Dänemark.

Viereinhalb Stunden fahren, dann eine dreiviertel Stunde Pause, dann wieder viereinhalb Stunden fahren. An diese Zeiten muss sich Nicole Karstens halten. "Wer die Ruhezeiten nicht einhält, muss Strafe zahlen", weiß sie. Einmal wurde sie bisher kontrolliert, eine Routinekontrolle des Fahrtenschreibers, der Papiere, der Ladung - "alles in Ordnung." Nach maximal 15 Stunden Schichtzeit muss jeder Lkw-Fahrer neun Stunden Pause einlegen. "Das heißt für mich, dass ich vor der Fahrt alles genau berechnen muss, damit ich die Tour schaffe, aber auch die Ruhezeiten einhalten kann", erzählt die Frestedterin. Die Erfahrung kommt ihr da zugute. Seit Frühjahr 2009 besitzt die junge Frau den Lkw-Führerschein, weiß, wie lange sie zu welchem Kunden braucht, kann so ihren Fahrplan einrichten. Nur wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt, wie ein Stau oder starkes Glatteis, könne es schon mal eng werden. Doch bis jetzt, freut sich Nicole Karstens, habe alles immer recht gut geklappt.

Ihre Tour legt sie so, dass sie vor den neun Stunden "Zwangspause" beim jeweiligen Kunden angekommen ist. Dann kann sie die Zeit nutzen, um zu schlafen. Zwei Betten befinden sich in ihrem 40-Tonner, direkt hinter den Sitzen. Viel Platz, sich zu bewegen, ist da nicht. "Auf Rastplätzen parke ich meistens so weit wie möglich vom Rasthaus entfernt, damit ich dahin zumindest etwas laufen muss", erzählt sie schmunzelnd. Die Nachtruhe in ihrem Lkw verbringt sie aber lieber auf dem Gelände des jeweiligen Kunden, bei dem sie auch die Ware entlädt. "Das ist mir lieber, da sind die Waschräume sauberer und der Platz ist einfach ruhiger, so dass man besser schlafen kann."

Angst, dass mal etwas passiert, hat sie nicht. Nur einmal gab es eine Situation, bei der sie im Nachhinein vielleicht hätte anders handeln sollen. "Ich hatte schon geschlafen, als es mitten in der Nacht an meine Tür klopfte. Als ich sie öffnete, stand da ein Kollege, der mir nur sagen wollte, dass mein Licht noch an ist. Alles harmlos also - aber jetzt denke ich, dass ich nächstes Mal nicht einfach so die Tür öffne, man weiß ja nie, wer davor steht."

Und was ist mit dem Klischee des großen, kräftigen - männlichen - Brummi-Fahrers, dem sie als junge schlanke Frau so rein gar nicht entspricht? "Ich habe mir noch nie dumme Sprüche anhören müssen", sagt Nicole Karstens. "Die Kollegen sind alle sehr nett und interessiert, fragen, wo man herkommt, welche Touren man fährt." Niemand schaut argwöhnisch, ob sie es denn auch schafft, den 40-Tonner zu bugsieren oder die Ware, oft frühmorgens zwischen 3 und 6 Uhr, mit der sogenannten "Ameise" abzuladen. "Auch wenn ich privat erzähle, dass ich am Wochenende Lkw fahre, finden das alle eher spannend als ungewöhnlich. Ich denke, dass es das auch nicht mehr ist, denn es fahren immer Frauen als Berufskraftfahrer."

In ein paar Jahren könnte sie sich auch vorstellen, die "Vera Karstens-Transporte", die Spedition ihrer Eltern, zu übernehmen. Einen Vorgeschmack hat sie auch schon bekommen. "Ich habe einmal den Betrieb für eine Woche geleitet, als meine Eltern nicht da waren. Eine tolle Erfahrung, aber auch sehr anspruchsvoll, alle Touren genau aufeinander abzustimmen." Doch bis es so weit ist, frönt sie am Wochenende ihrer großen Leidenschaft. Und den Sonntag, so Nicole Karstens, habe ich dann frei. Denn ein bisschen Freizeit, die brauche sie schon.

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