"Treibjagd" auf dem Friedhof?

Gute Deckung: Das Tier ist sehr vorsichtig, nur wenige Friedhofsbesucher haben den Rehbock bisher gesehen. Foto: Euler (2)
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Gute Deckung: Das Tier ist sehr vorsichtig, nur wenige Friedhofsbesucher haben den Rehbock bisher gesehen. Foto: Euler (2)

Kuriosum in Rendsburg: Was tun gegen einen Rehbock, der Grün von Gräbern abfrisst? / Schuss-Szenen oder Einkreisen per Menschenkette?

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08. August 2011, 08:41 Uhr

rendsburg | Gundi Gerlach ist verärgert. Seit Jahren pflegt sie das Grab ihrer Eltern auf dem Klinter Friedhof in Rendsburg. Sie sieht nach dem Rechten, pflanzt Blumen und genießt die Ruhe. "Dieser Friedhof ist der größte und schönste in der Stadt", sagt sie und schwärmt von der parkähnlichen Atmosphäre. Doch seit Mai vergangenen Jahres wird die Idylle gestört: "Immer wieder finden wir seitdem die Gräber kahl gefressen vor", empört sich die 54-Jährige. Dazu sei die Erde mit verräterischen Spuren übersät. "Wer oder was sich da zu schaffen machte, war anfangs nicht klar", erinnert sich Gundi Gerlach.

Doch dann wurden die "Bösewichte" auf frischer Tat ertappt: Ein Rehbock und eine Ricke waren vom angrenzenden Wald durch eine Pforte zum Friedhof geschlendert, machten es sich es dort fortan gemütlich - und damit den Trauernden schwer. Die beiden Tiere hätten aus ihren Verstecken genau mitbekommen, wenn jemand wieder schmackhafte Rosen pflanzte. "Keine Stunde später war dann nichts mehr davon übrig", sagt die Rendsburgerin. Die Hoffnung, dass die beiden aus freien Stücken das Areal wieder verlassen, schwand mit den Monaten. Zu üppig war die Tafel für die beiden gedeckt. "Das konnte so nicht weitergehen", erklärt Gundi Gerlach. Nicht nur die Ruhe des Friedhofs sei gestört, durch die Kosten für die Bepflanzung würden viele Menschen ganz auf Blumenschmuck verzichten und nur noch Tannenzweige auf die Gräber legen.

Für den städtischen Friedhof Klint ist das Rathaus zuständig. Gundi Gerlach wandte sich also an die Stadt. Die Verwaltung zögerte nicht lange und gab die Tiere zum Abschuss frei. "Wir engagierten einen Jäger, er sollte die Tiere stellen", so der Leiter des Umwelt- und Technikhofes, Nils Faust. Auch für einen Jäger sei das aber keine leichte Aufgabe. "Der Friedhof bietet naturgemäß viel Deckung", erinnert der Leiter. Gleichzeitig sei das Risiko einer solchen Aktion nicht zu unterschätzen: "Man kann nie ausschließen, dass doch Menschen in der Nähe sind, die gefährdet werden könnten." Doch der Jäger erlaubte sich keinen Fehler. Die Ricke wurde inzwischen erlegt. "Den Bock haben wir allerdings nicht erwischt", so Nils Faust.

Für die Trauernden bedeutet das: Sie haben weiterhin keine Gewissheit, ob die Gräber bis zum nächsten Besuch verschont bleiben. "Ein unhaltbarer Zustand", findet Gundi Gerlach. Bauhof-Leiter Faust hat Verständnis für die Betroffenen: "Wir können nachvollziehen, dass dies eine Belastung ist. Auch uns ist es wichtig, das Problem zu lösen."

Nur dürfe das eben nicht mit einem untrollierten Schießerei auf dem Friedhof geschehen. "Zurzeit versuchen wir, den Bock mit Rosen anzufüttern, um besser an ihn ranzukommen", erklärt er. Mit erstem Erfolg: Abends nähert sich das Tier und beginnt zu fressen. Nun müsse es nur noch zum Schuss kommen.

Wesentlich lieber wäre Nils Faust eine ganz andere Lösung: "Eine weitere Überlegung ist es, das Tier mit einer Menschenkette einzukreisen und so zur Pforte zu zwingen, damit es wieder in die freie Natur entkommt." Ein Vorschlag, mit dem auch Gundi Gerlach einverstanden ist: "Nach dem Schaden, den der Bock hier angerichtet hat, wäre eine Art Treibjagd noch das kleinere Übel." In einer Woche will die Verwaltung darüber entscheieden.

Die Rehe sind zurzeit inmitten der Brunftzeit. Vielleicht sehnt sich der Bock ja doch nach einer neuen Partnerin und verlässt sein Refugium freiwillig. Viel Zeit bleibt ihm nicht.

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