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12. Dezember 2017 | 02:11 Uhr

Tod in Hamburg : Trauer um misshandeltes Kleinkind

vom

Der zwölf Monate alte Tayler kommt in eine Klinik, eine Woche später ist der Junge tot. Das Kleinkind soll schwer misshandelt worden sein. Der Fall hat die Politik erreicht, da die Familie den Behörden bekannt war.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2015 | 17:59 Uhr

Hamburg | Ein schwarz-weißer Plüschhund liegt am Tag danach vor dem siebenstöckigen Gelbklinkerbau, dazu mehrere rote Kerzen. In der Mitte ein Schild mit „Ruhe infrieden kleiner Engel“ und dem Zusatz „R.I.P. Tayler“. Der Tod des zwölf Monate alten Jungen aus dem Stadtteil Altona-Nord, der schwer misshandelt worden sein soll, hat in Hamburg Entsetzen ausgelöst. „Als ich das gehört habe, war ich geschockt. Aber was kann man dazu sagen? Eigentlich gar nix“, fasst eine Nachbarin die Stimmungslage am Sonntag zusammen.

Tayler war am Samstagabend im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Der schreckliche Verdacht: Seine 22-jährige Mutter oder ihr 26 Jahre alter Lebensgefährte sollen ihn so schwer geschüttelt haben, dass er eine Woche später im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) an den Folgen starb. Gegen beide werde ermittelt, sagt Oberstaatsanwalt Carsten Rinio. „Die Ermittlungen laufen jetzt auf Hochtouren.“ Die Frage, warum niemand Taylers Tod verhindert hat, wird wohl unbeantwortet bleiben. Doch der mutmaßliche Fall der schweren Kindesmisshandlung dürfte noch lange nachhallen - zumal die Familie den Behörden bekannt war.

Für viele unerklärlich: Einen Tag vor Taylers Einlieferung in die Klinik am 12. Dezember soll eine Sozialarbeiterin die Familie besucht und blaue Flecken im Gesicht des Babys gesehen und dokumentiert, aber nicht an den Allgemeinen Sozialen Dienst weitergemeldet haben.

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) kündigte an, die Causa mit externer Hilfe überprüfen zu lassen: „Wir brauchen Klarheit darüber, welche Maßnahmen der Allgemeine Soziale Dienst zum Kinderschutz ergriffen hat und warum es trotz der Hilfen zum Tod des Jungen kam.“ Taylers Tod ruft an der Elbe Erinnerungen an die Fälle Chantal und Yagmur hervor. Beide Mädchen starben, obwohl sie unter Aufsicht der Jugendämter standen. Der Sender NDR 90,3 berichtete, Tayler sei das sechste tote Kind in Hamburg in elf Jahren, das in staatlicher Obhut gewesen sei.

In derartigen Fällen - so nun auch bei Tayler - soll in Hamburg die Jugendhilfeinspektion eingeschaltet werden. Diese Kommission aus drei Mitarbeitern und einer Leiterin war nach dem Methadon-Tod der elfjährigen Chantal im Januar 2012 von Leonhards Vorgänger Detlef Scheele (SPD) eingerichtet worden. Sie soll Fehler der Behörden in der Betreuung von Kindern vermeiden helfen und aufklären. Die Bezirksamtsleitung werde alles dafür tun, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, sagte ein Sprecher des Bezirksamts Altona.

Dann dürfte auch erörtert werden, warum Tayler überhaupt noch bei seiner Mutter gelebt hat. Nach Medienberichten, die der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigt wurden, war der Junge bereits im Sommer wegen eines Schlüsselbeinbruchs im Krankenhaus. Das Jugendamt wurde demnach eingeschaltet und Tayler von seiner Mutter getrennt.

Nach wenigen Wochen wurde er aber der 22-Jährigen zurückgegeben. Damals ließ sich nach dpa-Informationen der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nicht erhärten. Jetzt ist Tayler tot.

Die CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft hat eine Sondersitzung des Familienausschuss beantragt. Eine der zentralen Fragen, die geklärt werden müssten, sei, wie es sein könne, „dass in Hamburg immer wieder Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung zu Tode kommen“, sagte der familienpolitische Fraktionssprecher Philipp Heißner am Sonntag.

Es mache tief betroffen, dass erneut ein Kind in Hamburg ein so schreckliches Schicksal erleiden musste. Die Nachricht vom Tod des Babys habe die Stadt nur wenige Stunden nach der Gedenkveranstaltung zum zweiten Todestag der kleinen Yagmur erreicht. Die Parallelen zwischen den beiden Fällen sind nach Ansicht der CDU-Fraktion frappierend.

Heißner verlangt eine schonungslose Aufklärung. Neben der geforderten Sitzung des Familienausschusses hat seine Fraktion eine Schriftliche Kleine Anfrage eingereicht, um Informationen zu erhalten.

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