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Hamburg-Farmsen : Tornado hinterlässt Schneise der Verwüstung

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Bäume knickten um, Dächer wurden abgedeckt - und mehr als 1000 Helfer waren seit dem Abend im Einsatz.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2016 | 08:45 Uhr

Hamburg | Erst gab es Tornados in Schleswig-Holstein, am Dienstagabend dann mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Hamburg - dort setzen die Hilfskräfte nach dem schweren Unwetter am Mittwochmorgen ihre Aufräumarbeiten fort. Die Einsatzkräfte räumen in den betroffenen Stadtteilen im Nordosten vor allem umgeknickte Bäume und abgebrochene Äste fort, sagte ein Sprecher der Feuerwehr am Morgen. Die Rettungskräfte waren seinen Angaben zufolge seit Dienstagabend zu mehr als 250 Einsätzen ausgerückt. Über 1000 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Verletzte gab es nach Angaben des Sprechers trotz der Verwüstungen nicht.

Dieser Baum kippte auf ein Grundstück.
Dieser Baum kippte auf ein Grundstück. Foto: dpa

Die Unwetterbilanz: Dutzende Bäume stürzten um, bei etlichen Häusern wurden die Dächer abgedeckt, Keller liefen mit Wasser voll. Das stark beschädigte Dach eines neungeschossigen Hochhauses habe gerade noch vor dem Absturz gesichert werden können, berichtete der Sprecher. Ein Gesamtbild des entstandenen Schadens habe sich die Feuerwehr noch nicht machen können, ergänzte der Sprecher. Eine kurze Bilanz fasste die Feuerwehr am Mittwochmorgen bei Twitter zusammen:

 

Sicher ist: Das Unwetter hat im Hamburger Osten eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. „Auf Hunderten Metern Länge gibt es massive Schäden“, sagte ein Feuerwehrsprecher am späten Dienstagabend. Die Einsatzleitung hatte am Abend zunächst den Ausnahmezustand erklärt.

Schuld an der Zerstörung ist „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ein Tornado, sagte eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Angesichts der Bilder und Berichte über entwurzelte Bäume, Hagel mit mehr als drei Zentimetern Größe und Starkregen, könne dies angenommen werden.

Dächer wurden abgedeckt.
Dächer wurden abgedeckt. Foto: dpa
 

Die Einsatzkräfte vor Ort hatten mit zahlreichen Widrigkeiten zu kämpfen. „Wir müssen uns den Weg freikämpfen“, sagte der Feuerwehr-Sprecher. Überall liegen Bäume auf der Straße, die Sägen der mehr als 1000 Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und anderen Einrichtungen dröhnten durch die Nacht. Dutzende umgestürzte Bäume lägen allein auf einer vierspurigen Straße, sagte der Feuerwehr-Sprecher. Das stark beschädigte Dach eines neungeschossigen Hochhauses habe gerade noch vor dem Absturz gesichert werden können.

Am Dienstagabend wurde in Hoisbüttel eine mächtige Eiche gespalten und die Krone quer über einen beliebten Wanderweg gelegt - auch hier mussten die Einsatzkräfte ran.
Am Dienstagabend wurde in Hoisbüttel eine mächtige Eiche gespalten und die Krone quer über einen beliebten Wanderweg gelegt - auch hier mussten die Einsatzkräfte ran. Foto: Peter Wüst

Am späten Abend, kurz vor Mitternacht, gab die Feuerwehr Entwarnung:

Zahlreiche Häuser wurden abgedeckt, Keller liefen voll. Eine Kleingartenanlage im Stadtteil Farmsen gleicht einem Trümmerfeld. Gartengeräte und Rohre liegen durcheinander, eine Laube ist völlig weggerissen, nur ein Sofa steht noch im Freien. Nicole Greve wollte mit ihrem 13-jährigen Sohn gerade Würstchen grillen, als über der Kleingartenanlage in Hamburg-Farmsen plötzlich das Unwetter hereinbrach. Erst habe kräftiger Regen eingesetzt, dann fielen Hagelkörner fast so groß wie Tischtennisbälle und plötzlich war der Tornado da. „Die Veranda fing an zu dröhnen, das Dach flog weg und der Apfelbaum fiel direkt auf die Laube drauf“, sagt die 47 Jahre alte Chemielaborantin, während sie am Dienstagabend noch immer fassungslos vor ihrem schwer beschädigten Gartenhäuschen steht.

Auch diese Laube wurde völlig zerstört.
Auch diese Laube wurde völlig zerstört. Foto: dpa
 

Ihre Nachbarin traf es noch schwerer. Deren Laube ist komplett zerlegt. Das Ecksofa steht völlig frei, daneben die kleine Küche, ebenfalls unter freiem Himmel. Die Umgebung ist voller Trümmer: Bretter, Teile von Dächern und Wänden, Gartenmöbel ein orangefarbenes Bobbycar. Dazwischen umgestürzte Bäume, dicke Äste. Die Storchenfiguren am Goldfischteich haben Schlagseite. Wer das Trümmerfeld sieht, kann kaum glauben, dass die ebenfalls 47 Jahre alte Frau unverletzt blieb.

„Sie war völlig aufgelöst, hat gezittert“, sagt Greve. Sie habe sie in ihr noch stehendes Häuschen reingeholt, doch dann sei die Frau unter Schock weggelaufen. Ihr Sohn holte sie nach Hause. Er berichtet am Telefon, seine Mutter habe sich in dem Gartenhäuschen auf den Boden geworfen. Um sie herum seien Einrichtungsgegenstände und noch stromführende Kabel im Kreis herumgewirbelt. „Sie hat sich tierisch erschrocken“, sagt er.

Das Unwetter habe nur fünf oder sechs Minuten gedauert, erinnert sich Greve. Während der Tornado die Kleingärten verwüstete, habe es nicht einmal mehr geregnet. „Die Geräusche machten einem Angst, es war wie im Film“, sagt eine Anwohnerin in der Straße Rönk, wenige Schritte weiter. „Der Schuppen ist komplett zerstört, das Trampolin flog 20 Meter hoch“, ergänzt ihr Nachbar.

In der Parallelstraße Kiebitzhegen, direkt an der Kleingartenanlage, hat der Wirbelsturm fast alle Spitzdächer der kleinen Einfamilienhäuser beschädigt. Von einem der Häuser hat der Tornado einen Teil des Giebels weggerissen. Die Nachbarn helfen sich gegenseitig, die Schäden noch am Abend provisorisch zu reparieren. „Einige haben die Dachziegel von der Garage runtergenommen, um damit die Hausdächer zu reparieren“, sagt ein Anwohner.

Auch Tiefgaragen liefen mit Wasser voll.
Auch Tiefgaragen liefen mit Wasser voll. Foto: dpa
 

Frappierend ist, wie punktuell die Naturgewalt zugeschlagen hat. In der Straße Sandstücken stehen noch immer große prächtige Laubbäume in einer Reihe, offensichtlich ohne einen abgeknickten Zweig. Zehn Meter weiter ist ein Baum mit 80 Zentimeter dickem Stamm komplett zerlegt. Glück und Unglück sind an diesem Abend sehr ungleich verteilt.

Auch etwas abseits der Schneise, die der Sturm hinterlassen hat, kam es in der Hansestadt vereinzelt zu schweren Schäden. Im Stadtteil Rahlstedt fing laut Feuerwehr ein Dachstuhl nach einem Blitzeinschlag Feuer - in Sasel wurde eine Straße überschwemmt. Satellitenbildern zufolge seien örtlich teils mehr als 50 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen, sagte die DWD-Sprecherin.

Hamburg am Dienstagabend: Auch hier zeigt sich, mit welcher Wucht der Wind einzelne Häuser getroffen hat.
Hamburg am Dienstagabend: Auch hier zeigt sich, mit welcher Wucht der Wind einzelne Häuser getroffen hat. Foto: dpa
 

Auch in den sozialen Netzwerken werden Bilder und Videos geteilt - auch vom Tornado:

This evening in #hamburg    #tornado

Ein von Kung Fu AJ (@kungfu_aj) gepostetes Foto am

Wo es in diesem Jahr bereits Tornados in Deutschland gab und wo welche vermutet werden, sehen Sie auf dieser Karte:

Unsere Infografik zeigt die bisher größten Naturkatastrophen in Deutschland:

Infografik: Die größten Naturkatastrophen Deutschlands | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

 
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