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Armut auf Sylt : Sylter Tafel: „Sehr viele kommen versteckt“

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Im Interview berichten die Sylter Tafel-Vorstände Dörte Lindner-Schmidt und Peter Nicken über ihre Arbeit mit Bedürftigen und warum es Armut auf Sylt früher offiziell gar nicht gab.

shz.de von
erstellt am 17.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Seit 15 Jahren versorgt die Sylter Tafel  Bedürftige auf  der Insel.   Mit 30 Helfern teilen die Ehrenamtler um die Vorsitzenden Dörte Lindner-Schmidt und    Peter Nicken zweimal pro Woche Nahrungsmittel an rund 60 Besucher aus.

Jetzt haben Sie fast heimlich ihr Jubiläum gefeiert – warum geht die Sylter Tafel damit nicht  an die Öffentlichkeit?

Dörte Lindner-Schmidt: Ja, wir haben das so gemacht, wie wir auch arbeiten – im Verborgenen. Aber mann muss sich auch die Frage stellen, was will man feiern? Etwa 15 Jahre Armut auf Sylt?

Wenn man es so sehen will, dann gibt  es keinen Grund zur Freude. 15 Jahre Sylter Tafel heißen aber auch, 15 Jahre Hilfe, Engagement und Lebenszeit, oder?

Lindner-Schmidt: Ja, natürlich. 15 Jahre Präsenz sind schon sehr gut – das stimmt. Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann hat es vor unserer Arbeit hier auf der Insel ja offiziell gar keine Armut gegeben. Das Thema  haben wir auf der Insel erst aus dem Abseits geholt. Viele haben den Bedarf damals nicht gesehen.

Wie hat alles angefangen?

Lindner-Schmidt: Wir sind zu Beginn etwa 15 Leute gewesen, die sich auf Sylt für die Tafel engagieren wollten. Als wir die Gründung des Vereins schließlich vor Augen hatten, kam  schnell viel Hilfe.  Unsere erste Ausgabestelle hatten wir dann im Jugendzentrum, das damals noch unrenoviert war.

Können Sie sich noch an die erste Ausgabe erinnern?

Lindner-Schmidt: Die Supermärkte waren dem Tafel-Konzept gegenüber ganz offen, die hatten auch etwas übrig. Im Prinzip helfen wir ihnen ja auch bei der Entsorgung.  Wir haben dann alles abgeholt und ins JUZ getragen und einfach gehofft, das Jemand kommt.

Wer kam damals als erstes zur Sylter Tafel – wie sah Armut also schon vor 15 Jahren auf der Insel aus?

Lindner-Schmidt: Das lässt sich  unter dem Stichwort Brennpunkt Wilhelmine zusammenfassen– jeder, der damals dort so herumsaß, kam zu uns. Im Prinzip waren es also die Suchtkranken, die unser Angebot als erste wahrgenommen haben. Da war die Hemmschwelle am niedrigsten.  Kurz darauf haben diese dann mal Bekannte mitgebracht, die dann wiederum auch mal etwas für ihre Mütter abgeholt haben. Das lief dann manchmal etwas versteckt. Aber so nach und nach kamen dann auch immer mehr Ältere dazu.

Hat Armut auf der „Reichen-Insel“ Sylt ein besonderes Gesicht?

Lindner-Schmidt: Ja – ich glaube, dass es hier noch etwas schwerer ist, seine Armut nach Außen zu transportieren, weil hier eben vieles mit Glamour und Glitzer verbunden ist.  Auch gibt es hier nicht den Zustand, dass man einfach den Stadtteil wechselt, und dann einer unter vielen ist. Hier ist man immer auf Sylt und sehr sichtbar. Das ist auch der Grund, warum wir dann sehr schnelle eine Schweigepflicht eingeführt haben und nicht über die Besucher sprechen.

Hat sich diese Schweigepflicht bewährt?

Lindner-Schmidt: Ich bin von vielen Menschen gefragt worden,  ob der oder jener zu uns kommen würde – da gibt man natürlich keine Auskunft. Oft täuschen sich die Leute aber auch über unsere Besucher. Sehr viele kommen versteckt und vermeiden sogar bestimmte Tüten, damit es so aussieht als kämen sie von Sky oder Famila.

Wie viele Besucher haben Sie im Schnitt pro Ausgabe?

Peter Nicken: Am Anfang des Monats kommen meist so 40  – am Ende des Monats können  es  auch über 65 Besucher sein. Mittlerweile hat sich das Angebot auch unter den Flüchtlingen herumgesprochen - das ist auch sehr gut.

Muss man bei der Sylter Tafel nachweisen, dass man zu wenig Geld für Essen hat?

Lindner-Schmidt: Nein – bei uns muss keiner einen Bedürftigkeitsnachweis erbringen.  Das wird von einigen Menschen kritisiert. Aber ich bitte Sie - wer, der sich Essen leisten könnte, stellt sich bei uns 30 Minuten in die Schlange?  Abgesehen davon, ist für alle genug da. Für uns ist das kein Thema. Armut hat auch nichts mit offiziellen Nachweisen einer Behörde zu tun, sondern trifft eben Menschen die eventuell  verschuldet sind genauso.

Kommen die Menschen nur, um das Essen abzuholen und sind dann schnell wieder weg, oder ist die Sylter Tafel auch Treffpunkt?

Nicken: Wir bieten immer Dienstags ein gemeinsames Frühstück an. Das wird sehr gut angenommen und dort gibt es viel Austausch unter den Besuchern.  Zu allen Ausgabenterminen veranstalten wir auch Kaffeetrinken. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Frühstück mit den Mitarbeitern – da setzen wir uns dann dazu. Man erfährt   sehr viel über die individuellen Sorgen und Nöte.

Lindner-Schmidt: Das ist ein bisschen wie bei Muttern .  Alle kümmern sich sehr.  Das ist eine feste Institution.

Sie teilen das Essen dienstags im evangelischen  Gemeindezentrum Westerland und donnerstags  im katholischen Gemeindezentrum  aus – ist die Tafel religiös?

Lindner-Schmidt: Nein, religiös sind wir als eingetragener Verein nicht. Aber natürlich ist das, was wir tun, schon irgendwie christlich. Wir sind den Kirchengemeinden natürlich sehr dankbar, dass wir die Räume nutzen dürfen.

Nicken: Für die  Kirchen hat das natürlich auch einen Nutzen – so kommen die Leute auch mal ins Gemeindehaus, wo sie sonst wohl nicht hinkämen.

Hat die Sylter Tafel als Verein auch Sorgen und Nöte – oder sind Sie völlig zufrieden?

Lindner-Schmidt: Ich würde mich freuen, wenn nicht immer wieder die Frage gestellt würde ’sind die eigentlich wirklich bedürftig’? Was den Verein angeht, so sind wir seit 15 Jahren gleich organisiert und sind mit unserer Organisation mittlerweile schon gern gesehen, denke ich.  Da haben wir keine Probleme.

Hat sich Armut auf Sylt seit 15 Jahren verändert?

Lindner-Schmidt: Ja, definitiv und in erster Linie durch die Politik. Es ist mehr geworden. Heute haben wir Kunden, die 30 Stunden in der Woche arbeiten und denen das Geld für Essen fehlt und unter dem Hartz4  -Niveau sind. Das ist dramatisch.

 

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