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Archäologie : Südtondern gibt Forschern Rätsel auf

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Trotz interessanter Funde wird in der Wiedingharde schon seit rund 20 Jahren nicht mehr nach Spuren aus der Vergangenheit gegraben.

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2014 | 05:45 Uhr

Es war ein gutes Leben, das die ersten Siedler  zum Ende des vierten Jahrhunderts in Südtondern führen konnten: „Die Menschen fanden einen reichhaltigen Marschboden vor. Sie ernährten sich vielfältig, betrieben Fischfang und auch  Walknochen und fränkisches Glas wurden hier gefunden“, berichtet Archäologe Dr. Martin Segschneider.  Der Wissenschaftler und Dezernatsleiter im Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein ist Spezialist für Siedlungsfunde im Bereich der Wiedingharde. Er hat systematisch danach gesucht, was   in Südtondern   vom  Alltag  aus der Zeit der Völkerwanderung noch übrig ist.

Doch während im Rest von Schleswig-Holstein  regelmäßig  Funde vermeldet werden, führen Südtondern und die Wiedingharde  heute  ein archäologisches Schattendasein: Seit über 20 Jahren  wurde hier nicht mehr zu Forschungszwecken gegraben. „Es handelt sich hier um einen kleinen Bereich eines großen Bundeslandes“, erklärt Segschneider diese Tatsache, fügt aber auch hinzu: „Wir haben hier eine spannende Situation und es gibt  noch viel zu entdecken.“ Durch ihr hohes Alter und die Möglichkeit, die  Besiedlung der Zeit um Christi Geburt in Abhängigkeit von der landschaftlichen Entwicklung zu studieren, bleibe die Wiedingharde  für die Forschung  auch heute noch interessant.

Lange  war die Wiedingharde für die archäologische Siedlungsforschung   Terra incognita –  ein weißer  Fleck  auf der Karte.    Dies änderte sich endgültig, als der Archäologe  Hans Joachim Kühn    in den  Jahren 1990 bis 93 Ausgrabungen auf drei Siedlungshügeln im Bereich des Wiedingharder Alten Kooges vornahm. Doch trotz der Forschungsprojekte, die  sich in den vergangenen Jahrzehnten den Spuren alter Siedlungen gewidmet haben, gibt es noch immer  unerforschte Orte wie zum Beispiel im  nördlichen Geestbereich.  „In Aventoft hat es 1954 eine archäologische Begehung gegeben – seither höchstens nur Stichproben“, sagt Dr. Segschneider. „Hier ist noch echte Grundlagenforschung möglich.“

Deutliche Kritik an  dem Grabungsstillstand    kommt von Dr. Dirk Meier, der  als Küstenarchäologe in Norddeutschland forscht: „Die Wiedingharde müsste intensiver untersucht werden.“  Dass in den Gemeinden Rodenäs, Klanxbüll Horsbüll,  Emmelsbüll und dem im Wiedingharder Alten Koog liegenden Teil der Gemeinde Neukirchen nicht mehr geforscht werde, stellt für Meier eine  „Schieflage“ dar. „Im Land wird sehr viel Manpower und Geld  in  Projekte wie den Weltkulturerbe-Antrag von Haithabu gesteckt – der übrigens gescheitert ist – und dann fehlt das Geld an anderer Stelle“,  bemängelt  der Wissenschaftler.

Ganz so hart möchte es Segschneider nicht formulieren  – und trotzdem –  hätte  der Experte einen Forschungsetat für die Wiedingharde zur Verfügung, er würde sich hier „verschiedene Orte noch genauer anschauen“.    Konkret zieht  es den Archäologen nach Oldorf bei Neukirchen. „Hier gab  es ein Langwarfthaus, das  aus der Wikingerzeit stammt.“

Doch Gelder für weitergehende Forschung  im Bereich der Wiedingharde   und  ihrer  mindestens 120 Einzelwarften    fließen   zurzeit nicht. „In Südtondern gibt es im Moment keine Ausgrabungsstätten“, bestätigt Segschneider.   Wenn das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein  heute in der Region aktiv wird, dann liegt das an privaten oder öffentlichen Bauprojekten, die von den Experten begleitet werden müssen.  Heute gilt  damit  das Prinzip: Bauprojekte ziehen archäologische Begehungen nach sich.  „Ich war wegen des Ausbaus der Bundesstraße bei Niebüll – ansonsten sind wir mit anderen großen Bauvorhaben im Land beschäftigt“, berichtet der  Schleswiger Archäologe. 

Welche Geheimnisse   die Siedler in der Wiedingharde von der Völkerwanderung bis ins späte Mittelalter im Boden  der  zahlreichen Warften  für die Nachwelt hinterlassen haben,  wird so künftig nur durch Zufall zum Vorschein kommen. 

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