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18. Dezember 2017 | 14:28 Uhr

Jobcenter im Shitstorm : Streit um Hartz-IV-Comic

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Menschenverachtend oder guter Ratgeber? Eine neue Broschüre des Pinneberger Jobcenters erhitzt bundesweit die Gemüter. Hartz-IV-Empfänger fühlen sich verunglimpft - die Agentur für Arbeit versteht die Kritik jedoch nicht.

shz.de von
erstellt am 23.Jul.2013 | 14:30 Uhr

Kreis Pinneberg | Dürfen Hartz-IV-Empfänger kein Fleisch mehr essen? Dürfen sie nur noch Leitungswasser trinken? Und müssen sie ihre Möbel verhökern? Diesen Eindruck kann ein Bericht der Bild-Zeitung erwecken.

Das Blatt schreibt über eine neue Broschüre, veröffentlicht vom Jobcenter des Kreises Pinneberg mit Sitz in Elmshorn. Darin sollen Fragen rund um das Thema Hartz IV leicht verständlich erläutert werden. Außerdem gibt das Jobcenter Spartipps für das tägliche Leben. Die Boulevardzeitung kommentiert: Dumm, dreist, arrogant. Die Bundesagentur für Arbeit veräppele das ganze Volk.

Ganz Deutschland diskutiert  über das Hartz-IV-Comic des Pinneberger Jobcenters. Die Nachricht läuft im Radio, im Fernsehprogramm, auf den Internetseiten von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Die Reaktionen treffen das Jobcenter Pinneberg völlig unvorbereitet. „Das kam überraschend“, sagt der Sprecher des Jobcenters, Jörg Kregel. „Nirgendwo steht, dass man kein Fleisch essen darf.“

Viele Medien hätten sich nur einen kleinen Aspekt der der Broschüre rausgepickt – nämlich die Spartipps. Ein Blick in das Heft, das gedruckt und als Datei online verfügbar ist, offenbart: Das sind tatsächlich nur sechs von mehr als 100 Seiten. Der Rest befasst sich etwa mit Rechtsfragen oder mit Ratschlägen für eine erfolgreiche Bewerbung.

Dabei seien die Spartipps keine Erfindung des Jobcenters. „Sie sind bei vielen Beratungsstellen zu bekommen. Wir haben sie leserfreundlich zusammengefasst“, sagt Kregel. Zudem würden ähnliche Broschüren bereits in vielen deutschen Städten verteilt.

Rückendeckung bekommt er von der Arbeitslosenselbsthilfe in Wedel. „Ich finde die Broschüre gut. Die Rechte von Hartz-IV-Empfängern werden verständlich dargestellt“, sagt Hans-Günter Werner, Chef der Beratungsstelle. Die Spartipps seien kein Geheimnis. Kleines Manko aus seiner Sicht: Die Beratungsstelle hätte am Entwurf des Heftes beteiligt werden sollen.  „Wir beachten Kritik. Aber bisher kamen meist positive Rückmeldungen“, sagt Kregel. Die Broschüre ist seit Anfang Juli verfügbar.

Auch die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg äußert sich positiv. „Unsere Einschätzung hat sich nicht geändert. Intern bewerben wir diese Broschüre als ein Beispiel für best practise, also als ein besonders gelungenes Projekt“, sagt Agentursprecherin Anja Huth. „Wir verstehen die Aufregung nicht. Das Heft fasst viele klassische Verbrauchertipps zusammen.“

Peter Lehnert, Landtagsabgeordneter der CDU aus Bilsen,  sagt: „Die Hinweise könnten für jeden Bürger gelten.“ Sie seien „keine Stigmatisierung von Hartz-IV-Empfängern“ . Einzig die Ratschläge, Möbel über das Internet zu verkaufen oder Spülsteine in die Toilette zu legen, seien entbehrlich.

Thomas Kenntemich, Leiter der Agentur für Arbeit Elmshorn, zeigt sich erstaunt über die Medienresonanz: „Ich finde das Produkt gut und freue mich über das Interesse.“ Das Heft stelle komplexe Sachverhalte einfach dar.  Anregungen könnten  für eine  künftige Ausgabe aber aufgegriffen werden.

„Der Ratgeber dient der Orientierung in einer nicht einfachen Lebensphase“, sagt  der Landrat  des Kreises Pinneberg, Oliver Stolz. Der Kreis gehört zu den Trägern des Jobcenters. Das Heft enthalte wichtige Hinweise wie Adressen örtlicher Beratungsstellen.

Doch auch in der Region gibt es Kritiker. „Das sind Empfehlungen an der Menschenwürde vorbei.“ Dies lässt Ernst Dieter Rossmann, Bundestagsabgeordneter der SPD aus Elmshorn, von seinem Wahlkreisbüro in Pinneberg mitteilen. Einige Passagen des Hefts müssten schnell korrigiert werden.

Ähnlich äußern sich die Linken im Kreis Pinneberg. „Mit ihren oberflächlichen Ratschlägen zu Ernährungsumstellung, Körperpflege und Energieverbrauch schießt das Jobcenter deutlich über das Ziel hinaus“, sagt Sprecher Klaus-Dieter Brügmann.

Info: Jobcenter - Was ist das?
Ein Jobcenter ist für die Grundsicherung  Arbeitssuchender zuständig. Aufgabe der Einrichtung ist es, Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch  II (Hartz IV) zu gewähren und betroffenen  Personen Perspektiven und Möglichkeiten zu bieten,  ihren Lebensunterhalt künftig  selbst  zu bestreiten. Das Jobcenter Kreis Pinneberg ist die gemeinsame Einrichtung der Träger Kreis Pinneberg und Bundesagentur für Arbeit. Vorsitzender der Trägerschaft ist Landrat Oliver Stolz.  Das Personal in den Einrichtungen  besteht in den meisten Fällen aus Beschäftigten  der  Arbeitsagenturen und den Kommunen.

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