Rettungsmedaille in Gold : Spektakuläre Seenotrettung: US-Soldaten in Hamburg ausgezeichnet

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger überreichte sechs Amerikanern die Rettungsmedaille in Gold.

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger überreichte sechs Amerikanern die Rettungsmedaille in Gold.

Im Juli 2017 war eine deutsche Segeljacht vor der amerikanischen Küste in Brand geraten.

shz.de von
26. Januar 2018, 17:20 Uhr

Hamburg/Bremerhaven | Während Karl-Heinz Meer in diesen schier endlosen Stunden in der Rettungsinsel im Atlantik um sein Leben bangt – neben sich sein lebensgefährlich verletzter Sohn – da tut er etwas, was er sonst eher nicht tut. „Ja, ich habe gebetet. Heimlich“, erzählt der 67-jährige Bremerhavener mit feuchten Augen. Erstmals berichteten Vater und sein gleichnamiger Sohn am Freitag öffentlich in Hamburg von ihrer spektakulären Havarie weit vor der Küste Floridas im vergangenen Sommer – und von der dramatischen Rettung. 

Anlass war der Besuch jener „Schutzengel“, die Vater und Sohn nach neun Stunden aus dem Ozean fischten. Sieben „Guardian Angels“ vom 920th Rescue Wing der US Air Force waren nach Deutschland gekommen, um im Internationalen Maritimen Museum in der Hamburger Hafencity eine seltene Ehrung zu empfangen. Erstmals seit 20 Jahren verlieh die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) wieder ihre Rettungsmedaille in Gold. „Was sie geleistet haben, ist unglaublich“, sagte DGzRS-Vorstand Gerhard Harder. „Wenn ich daran denke, läuft mir heute noch ein Schauer über den Rücken.“

Das Drama ereignete sich am 7. Juli 2017 rund 800 Kilometer östlich von Florida. In Panama hatten sich die  Segler eine gebrauchte 30-Meter-Jacht gekauft und sich auf den Weg nach Europa gemacht. „Es war anderthalb Tage Flaute“, erzählt der Vater. „Deshalb fuhren wir mit Motor.“ Als dieser am Morgen des Unglückstages seltsame Geräusche von sich gibt, sieht der Sohn (48) nach. „Dann gab es eine Verpuffung, meine Beine fingen Feuer“, so Karl-Heinz Junior, der in Gronau (Westfalen) lebt. Der Vater, der an Deck das Frühstück macht, sieht wie sein Sohn rücklings aus der Kajüte katapultiert wird. Überall Flammen und Rauch, die beiden wissen: Wir müssen hier runter.

Erst im dritten Versuch lässt sich die Rettungsinsel aufblasen. „Ich war schon mit einem Bein drin, dann ist mir noch was eingefallen“, erinnert sich der Senior lächelnd. Nochmals hastet er an Bord des brennenden Schiffes, um eine Riesen-Muschel zu holen, die er für seinen Enkel als Geschenk gekauft hatte.

Aus der Rettungsinsel wählt er auf dem Satellitentelefon die Nummer seiner Frau in Bremerhaven und gibt die Position der Beiden durch. Eine aufwendige Rettungskette kommt in Gang. Die Seenotretter in Bremerhaven werden informiert und nehmen Kontakt zur Küstenwache in Miami auf, die wegen der großen Entfernung zum Unglücksort die Air Force einschaltet. „Nach einer Viertelstunde meldete sich die Küstenwache bei uns“, schildert der Senior. Dann freilich reißt die Verbindung zur Außenwelt: „Der Akku des Telefons war leer.“

Es beginnen Stunden zwischen Hoffen und Bangen. Immer wieder stöhnt und schreit der Sohn vor Schmerzen, die bis zu den Oberschenkeln verbrannten Beine im Salzwasser. Wale nähern sich. Noch Stunden brennt die Jacht, immer wieder sind Explosionen zu hören, dann sinkt sie auf Nimmerwiedersehen. Ob und wann menschliche Hilfe kommen würde – Vater und Sohn wissen es nicht.

Derweil bereiten sich die „Guardian Angels“ des Rescue Wing auf einen auch für sie ungewöhnlichen Einsatz vor. Ausgebildet, Soldaten hinter feindlichen Linien in Sicherheit zu bringen, rüstet das Team von Commander Kurt Matthews zur Lebensrettung zweiter deutscher Segler. „Meine Mannschaft hätte eigentlich erst am Abend wieder antreten sollen“, berichtet er in Hamburg. Und auch die Helikopter waren wegen Reparaturen außer Dienst. Eigentlich. Binnen zwei Stunden macht sich die Einheit einsatzbereit, die Operation kann beginnen.

Gegen Mittag besteigen sechs Fallschirmspringer ein Lockheed-Rettungsflugzeug, an Bord ein Schlauchboot. Am Abend erreichen sie den Unglücksort. An Fallschirmen springen die Retter ab und ziehen die Schiffbrüchigen ins Schlauchboot. Erster Anlaufpunkt ist ein Tanker in der Nähe, nach der notärztlichen Erstversorgung fliegen Helikopter Sohn und Vater nach Orlando ins Krankenhaus. Zweimal müssen die Hubschrauber in der Luft aufgetankt werden. „Mein Team“, urteilt Commander Matthews militärisch nüchtern, „hat einen sehr guten Job gemacht.“

Nach zwei Wochen treten die Deutschen den Heimweg an. Die Brandverletzungen bei Karl-Heinz Meer Junior sind inzwischen nahezu vollständig verheilt. Und trotz allem will er das Segeln nicht aufgeben, eine Tour mit dem Vater nach Helgoland ist schon angedacht. „Klar gehe ich wieder an Bord“, sagt der 48-Jährige. „Ich bin doch ein positiv denkender Mensch.“

Auch Meer Senior will wieder segeln, wenngleich ihn noch manchmal Panikattacken plagen. „In der Rettungsinsel ist mein ganzes Leben vor mir abgelaufen“, sagt er nachdenklich. Aber noch etwas sei geschehen in jenen dramatischen Stunden: „Ich habe mich noch einmal neu in meine Frau verliebt.“

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