EHEC : So sehen Killer aus

Nach wie vor liegen Dutzende Patienten mit schweren Symptomen auf den Isolierstationen der Krankenhäuser im Norden. Foto: dpa
Nach wie vor liegen Dutzende Patienten mit schweren Symptomen auf den Isolierstationen der Krankenhäuser im Norden. Foto: dpa

Im Mai stellt ein kaum bekanntes Bakterium das Leben der Menschen auf den Kopf: EHEC. Die meisten müssen nur ihre Essgewohnheiten ändern - einige aber erkranken schwer.

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30. Dezember 2011, 09:14 Uhr

Schleswig | Sonnenschein, blauer Himmel, angenehme Temperaturen. Der 10. Mai, ein Dienstag, ist ein schöner Tag. Kerstin P. ist guter Stimmung, als sie zur Mittagszeit ein Restaurant in Schleswig betritt. "Na, auf was hätte ich denn Appetit?", grübelt die damals 44-Jährige aus Handewitt (Kreis Schleswig/Flensburg). Nach kurzem Hin und Her kommen das Bauernfrühstück und ein Salat in die engere Auswahl. "Immer diese verflixte Qual der Wahl." Weil es draußen recht warm ist, macht der Chefsalat mit Putenbruststreifen, den sie schon häufiger dort gegessen hat, das Rennen. Der mit den Sprossen als Garnierung. "Mmm, der war echt lecker", denkt sich die Salatliebhaberin nach dem Verzehr der köstlichen Kaltspeise - leicht bekömmlich, gesund. Die wirkliche Rechnung wird ihr aber erst mit Verzögerung präsentiert.
Am Tag eins nach dem Restaurantbesuch verspürt Kerstin ein leichtes Ziehen in der Bauchgegend. Nichts Schlimmes, geht bestimmt bald weg. Aber: Diese "Magenverstimmung" samt Durchfall ist ein ständiger Begleiter in der nächsten Zeit. Als sie am achten Tag das erste Mal Blut im Stuhl bemerkt, beschließt sie, einen Arzt zu kontaktieren. Dieser ordnet eine Darmspiegelung für den 23. Mai an. Dazu kommt es nicht mehr.
Beginn eines dramatischen Krankheitsverlaufs
Eine dramatische Leidenszeit beginnt. Zwei Tage vor dem Untersuchungstermin, nachdem es ihr von Minute zu Minute schlechter ging, wird Kerstin P. nachts per Notarztwagen in die Diakonissenanstalt Flensburg eingewiesen. Die Ärzte reagieren sofort. Intensivstation, Dialyse wegen akuten Nierenversagens. Es ist Dienstag, der 24. Mai, als sie ihre Mutter telefonisch informiert. "Ich liege hier in der Diako mit einer Magen-Darm-Grippe, mach’ dir keine Sorgen." Es ist das letzte Detail, an das sie sich erinnern kann. Danach wird es dunkel.
Von wegen Magen-Darm-Grippe. "Am Mittwoch konnte ich nicht mehr mir ihr sprechen", erinnert sich ihre geschockte Lebensgefährtin Susanne S. Erste neurologische Störungen treten auf. Der Albtraum nimmt seinen Lauf. Dann geht alles blitzschnell. Am Donnerstag, laut Susanne der schlimmste Tag während dieses mehrwöchigen unfreiwilligen Martyriums, war Kerstin "nicht mehr da". Die 44-Jährige zeigt keine Reaktionen mehr und muss beatmet werden. Schließlich wird sie ins Koma gelegt, alles wird auf Null gefahren. Der behandelnde Arzt berichtet Susanne von einem Bakterium, das niemand so richtig kennt, und von Giften, die die Zellen der Darmwand und der Blutgefäßwände, insbesondere in Gehirn und Nieren, zerstören.
Schnell ist klar: Es geht um Leben und Tod
EHEC? Enterohämorrhagische Escherichia coli? Nie gehört! Erst jetzt wird Susanne klar: Es geht hier um Leben oder Tod. Auch deshalb stimmt sie von jetzt auf gleich einer Behandlung ihrer Lebensgefährtin mit einem noch nicht in Deutschland zugelassenen Medikament mit dem Namen Soliris zu, das flugs mit einem Taxi aus Kiel herangeschafft wird. Jede Sekunde zählt. "Ohne die schnelle Blutwäsche und Plasmapherese, ohne die erstklassige Pflege und ohne Soliris wäre ich nicht mehr am Leben", ist sich Kerstin P. heute sicher.
Zwölf Tage liegt sie im Koma, hat epileptische Anfälle - und macht während dieser Zeit Bekanntschaft mit dem Jenseits. "Da war dann irgendwann mal ein warmes, helles Licht." Ein unfassbares Erlebnis. Heute ist sie sich sicher: Durch die ständige Anwesenheit von Familie und Freunden am Krankenbett wurde sie davon abgehalten, diesem Licht zu folgen.
Vollkommene Hilf- und Machtlosigkeit
Während Kerstin im Koma liegt, bricht für Lebensgefährtin Susanne eine Welt zusammen. Ärzte und Pfleger geben alles, doch niemand kann ihr sagen, wie und wann dieser Albtraum endet. Wird Kerstin überleben? Wenn ja, was kommt danach? Bleiben neurologische Schäden? "Alle um mich herum waren unwissend, niemand hat mir Hoffnung gemacht." Susanne ist völlig hilf- und ratlos und der Verzweiflung nah. In den Medien ist die EHEC-Lawine losgebrochen. Eine Horrormeldung jagt die nächste, fast stündlich gibt es neue Spekulationen über diesen mysteriösen Krankheitserreger. Gurken, Salat, Dünger, Sprossen, Epidemie, Tote. Susanne schottet sich medial ab, um nicht zu zerbrechen. Jeder spricht über EHEC, sie aber ist unmittelbar davon betroffen.
Nach endlosen Stunden und Tagen des Hoffens und Bangens dann endlich eine gute Nachricht. Die Behandlung schlägt an. Nach zwölf Tagen erwacht Kerstin total geschwächt aus dem Koma. "Ich wusste gar nicht, was los ist. 14 Tage Filmriss, das ist schon heftig", sagt sie heute. Es geht ihr miserabel. Der ganze Körper zittert fast pausenlos, die Nieren springen erst ganz langsam wieder an. Es dauert noch bis zum 26. Juni, ehe sie nach über fünf Wochen (davon vier in Isolation auf der Intensivstation) das Krankenhaus verlassen darf.
In kleinen Schritten zurück ins Leben
Die ersten Tage zu Hause sind schwer und tränenreich. Auf der einen Seite überglücklich, nach fünf Wochen Krankenhaus wieder in Freiheit leben und das Grün ihres geliebten Gartens erblicken zu können. Auf der anderen Seite paralysiert darüber, dem Tod nur um Haaresbreite entronnen zu sein. Peu à peu gesundet zunächst der Körper, dann erst der Kopf. In kleinen Schritten findet Kerstin, die regelmäßig zur Kontrolle ins Krankenhaus muss, zurück ins Leben. Ihr 45. Geburtstag Anfang Dezember - eine emotionale Achterbahnfahrt.
Und heute? In der Öffentlichkeit ist das Thema EHEC zur Randnotiz verkommen, bei ihr ist die Angst weiterhin präsent. Jedes kleine Ziehen im Rücken, jedes komische Geräusch im Magen, lässt Kerstin kurz inne halten. Täglich googelt sie diese vier Buchstaben E-H-E-C, liest Erfahrungsberichte, verfolgt den Stand der Forschung. Ihre Nierenfunktion liegt derzeit bei etwa 60 Prozent, damit könne sie aber gut leben. Am 2. Januar will sie wieder in ihren Job einsteigen.
Die Normalität kehrt nur langsam zurück, aber sie hadert nicht mit ihrem Schicksal. Das sei wie bei einem unverschuldeten Autounfall gewesen, sagt sie. "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Das war halt Pech." Salat steht heutzutage wieder auf ihrem Speiseplan, alles wird jedoch vorher heiß abgespült. Eine Sache kommt ihr allerdings nicht auf den Teller: Sprossen. "Nie, nie, nie wieder", betont sie. Kerstin war auch schon wieder in dem Restaurant, wo alles angefangen hat. Diesmal fiel ihr die Wahl des Gerichtes nicht schwer: Bauernfrühstück.



Am 29. Mai 2011 stand das Uniklinikum in Kiel und Lübeck am Rande seiner Belastungsgrenze. UKSH-Sprecher Oliver Grieve im Video:

Während die Zahl der EHEC-Patienten stieg, litten auch die Bauern. Am 30. Mai begannen die ersten, ihre Salatfelder umzupflügen:

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