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Studie der Versicherungswirtschaft : Sinkende Rente – Länger arbeiten allein reicht nicht

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Enorme Belastung der Steuerzahler und ein rapides Absinken des Rentenniveaus: Ein späterer Renteneintritt allein kann dies einer neuen Studie der Versicherungswirtschaft zufolge nicht verhindern.

Auf die Neurenter der Babyboomer-Generation ist das Rentensystem nicht ausreichend vorbereitet. Einer Studie der deutschen Versicherungswirtschaft zufolge lässt sich dies nur verkraften, wenn Arbeitnehmer in Zukunft deutlich später in Rente gehen als heute. Ansonsten drohten eine enorme Belastung der Steuerzahler und ein rapides Absinken des Rentenniveaus, warnte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) am Montag in Berlin. Die Erhebung des Verbandes zeigt aber zugleich: Auch bei etwas längerem Arbeiten sieht die Lage angesichts der großen Zahl der Neurentner aus den Babyboomer-Jahrgängen nicht viel besser aus.

„Die Rente ist sicher“ – Das Zitat des ehemaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm gilt schon lange nicht mehr. Die Babyboomer-Generation stellt das Rentensystem vor Herausforderungen, die sich auch mit einer längeren Lebensarbeitszeit allein nicht bewältigen lassen, besagt eine neue Studie.
Wie begründen Anhänger längeren Arbeitens ihre Forderungen?

Die geburtenstarken Jahrgänge gehen verstärkt in Rente - und die Lebenserwartung steigt: 65-jährige Männer werden heute im Schnitt älter als 82, Frauen fast 86. Das tatsächliche Alter des Renteneintritts ist seit der Jahrtausendwende zwar um rund zwei auf gut 64 Jahre gestiegen. Die Dauer des Rentenbezugs bis zum Tod stieg aber noch stärker und liegt bei rund 20 Jahren.

Was würde passieren, wenn nichts passiert?

Steigt das tatsächliche Rentenalter in ähnlicher Weise wie in den vergangenen Jahren, also auf 65 Jahre im Jahr 2040 - dann steigt der Rentenbeitrag bis 2040 laut einer neuen Studie im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) von 18,7 auf 23,7 Prozent. Eine Durchschnittsrente läge demnach dann bei 1410 Euro statt heute 973 Euro. Das Rentenniveau würde um 6,4 Punkte auf 41,7 Prozent sinken, also das Verhältnis von Durchschnittslohn zur Rente.

Was brächte die wirklich umgesetzte Rente mit 67 und 67 plus?

Arbeiten die Menschen wirklich bis 67, käme man laut GDV 2040 mit einem Beitragssatz von 23,4 Prozent aus, die Durchschnittsrente läge bei 1427 Euro, das Rentenniveau bei 42,1 Prozent. Geht man von einem durchschnittlichen Arbeitsende mit 67,6 Jahren aus, kommt man laut GDV auf denselben Beitragssatz, eine Durchschnittsrente von 1431 Euro und ein Rentenniveau von 42,2.

Welche Folgen hat längeres Arbeiten noch?

Der Staat müsste nicht so viel Steuergeld in die Rentenkasse pumpen: So läge der Bundeszuschuss im Jahr 2040 bei einer tatsächlichen Rente mit 67 laut der Studie bei 120 Milliarden Euro - rund 51 Milliarden mehr als heute. Bei 65 Jahren kämen noch mal 4 Milliarden obendrauf.

Auch für die Volkswirtschaft insgesamt wäre längeres Arbeit gut, meint man beim Verband der Versicherer.

Was folgt aus diesen Zahlen?

Das kommt auf die Sichtweise an. Die Versicherer werben dafür, unbedingt die Weichen für längeres Arbeiten zu stellen - zum Wohl der Staats- und der Rentenkasse sowie der Rentner selbst. Aber privat vorzusorgen, sei trotzdem nötig, sagt die Vertretung der Konzerne, die entsprechende Verträge anbieten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) liest die Zahlen anders: Eigentlich, so argumentiert er, bringt längeres Arbeiten so gut wie nichts.

Werden die Weichen auf die Rente mit 67 plus gestellt?

Das ist derzeit nicht zu erwarten. Als Finanzminister Schäuble im April für eine Koppelung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung eintrat, brach ein Sturm der Entrüstung los.

Offiziell reicht derzeit die Anhebung der Altersgrenze vom 65. auf das 67. Lebensjahr bis 2029. Aber für die Zeit danach ist es durchaus möglich, dass erneut an der Stellschraube Rentenalter gedreht wird - vielleicht im Paket mit weiteren Schritten, die ein zu starkes Absinken des Rentenniveaus verhindern.

Was ist das wichtigste Argument gegen längeres Arbeiten?

Wird die Altersgrenze hochgesetzt, ab der man ohne Abschläge in Rente gehen kann, bedeutet das Einbußen für all jene, die einfach nicht so lange arbeiten können - also oft Menschen, die mit vergleichsweise geringen Löhnen körperlich hart arbeiten. Linke-Chefin Katja Kipping kritisierte die GDV-Studie denn auch schon wenige Stunden nach ihrer Vorstellung: „Solche Vorschläge treffen arme Menschen mit besonderer Härte.“

 

Eine deutliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit brächte große Vorteile, sagte Studienautor Oliver Ehrentraut. GDV-Präsident Alexander Erdland mahnte, künftige Rentenreformen müssten an die Schritte der rot-grünen Regierung anknüpfen. Damals war ein Absinken des Rentenniveaus und die öffentlich geförderte private Riester-Rente in die Wege geleitet worden. Erdland sagte: „Auch längeres Arbeiten kann kein Rentenniveau garantieren, wie wir es von früher kennen.“ Dazu brauche es auch betriebliche und private Vorsorge.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach wandte ein: „Das Rentenalter anzuheben, bringt praktisch nichts für die Rente: Trotz längerem Arbeiten bliebe das Rentenniveau auf Talfahrt.“

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erstellt am 13.Jun.2016 | 15:49 Uhr

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