Untersuchungen auch in SH : Niedersachsen: Antibiotika-resistente Keime in der Umwelt gefunden

Antibiotika-resistente Keime sind ein Albtraum für jeden behandelnden Arzt.

Antibiotika-resistente Keime sind ein Albtraum für jeden behandelnden Arzt.

Ende Februar werden erste Untersuchungsergebnisse über mögliche multiresistente Keime in Kläranlagen in SH erwartet.

shz.de von
06. Februar 2018, 17:57 Uhr

Bei stichprobenartigen Untersuchungen von Gewässern sind antibiotika-resistente Keime gefunden worden. Im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks wurden Wasser- und Sedimentproben von zwölf verschiedenen Orten in Niedersachsen im Labor getestet. Diese multiresistenten Erreger sind gefährlich für Menschen und ihre Umwelt. Ende Februar werden erste Untersuchungsergebnisse über mögliche Keime dieser Art in Kläranlagen in SH erwartet.

Was sind multiresistente Erreger oder antibiotikaresistente Keime?

Antibiotikaresistente Darmbakterien werden über Toiletten und Kläranlagen in die Umwelt eingetragen. Einige von ihnen überleben dort, vermehren sich oder übertragen sogar ihre Resistenzgene auf andere Mikroorganismen. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass Menschen – zum Beispiel über den Kontakt mit Oberflächengewässern – mit diesen Bakterien besiedelt werden.

Wenn diese Erreger dann eine Infektionskrankheit auslösen, was besonders häufig im Krankenhaus passiert, zum Beispiel als Harnwegsinfektion oder Blutvergiftung, dann wird es schwierig, diese mit Antibiotika wirksam zu bekämpfen.

Schätzungen zufolge sterben in Deutschland mehrere Tausend Menschen jährlich an Erkrankungen durch multiresistente Keime. Weltweit gelten Antibiotika-Resistenzen als eine der größten Gesundheitsgefahren und als Bedrohung für die gesamte moderne Medizin. In einem aktuellen Bericht warnen die Vereinten Nationen explizit vor den Risiken durch eine Verbreitung von resistenten Keimen in der Umwelt und fordern die Staaten auf, endlich zu handeln.

In Deutschland läuft derzeit ein großes Forschungsprojekt zur Verbreitung Antibiotika-resistenter Erreger durch Abwasser, finanziert vom Bundesforschungsministerium. Ergebnisse des Projekts mit dem Namen HyReKA, an dem auch die TU Dresden beteiligt ist, liegen noch nicht vor.

„Das ist wirklich alarmierend“, sagte Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut dem NDR. „Die Erreger sind anscheinend in der Umwelt angekommen und das in einem Ausmaß, das mich überrascht.“ Es war zwar klar, dass Antibiotika-resistente Erreger in der Umwelt zu finden sind und sich dort ausbreiten können. Wie stark die Gewässer jedoch belastet sind, war nicht bekannt. Dies liegt daran, dass es bislang keine systematischen Kontrollen auf solche Erreger gibt.

NDR nimmt Proben an zwölf Orten – große Risiken

Reporter des NDR hatten an insgesamt zwölf Stellen in dem Bundesland Proben genommen – unter anderem an Badeseen, Flüssen und Bächen. Sie füllten Wasser in sterile Flaschen ab und ließen es in Labors testen.

NDR-Reporter entnahmen Wasser- und Sedimentproben an zwölf Orten.
Hauke-Christian Dittrich/dpa

NDR-Reporter entnahmen Wasser- und Sedimentproben an zwölf Orten.

 

Ergebnis: An allen untersuchten Orten – darunter auch zwei Badestellen – waren den Angaben zufolge sogenannte multiresistente Erreger nachweisbar. Solchen Keimen können einige Antibiotika nichts mehr anhaben, die daran Erkrankten sind besonders schwer zu behandeln.

Der NDR hatte exemplarisch an mehreren Orten in Niedersachsen Wasser- und Sedimentproben genommen. Überall fanden sich multiresistente Bakterien, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken. Nach Ansicht von Ärzten und Wissenschaftlern besteht die Gefahr, dass sie sich in den Gewässern anreichern und weiter verbreiten.

„Wir sehen da große Risiken“, sagte die Präsidentin des Umweltbundesamts Maria Krautzberger dem NDR. Insbesondere Abwässer von Kliniken und Altenheimen sollten deshalb stärker überwacht werden. Auch sei es dringend erforderlich, Klärschlamm und Gülle auf das Vorkommen von Antibiotika und resistenten Keimen zu untersuchen.

Besonders besorgniserregend ist nach Ansicht von Wissenschaftlern der Fund von bestimmten Resistenz-Genen, den sogenannten mcr-1-Genen, an fünf der zwölf Probenorte. Bakterien mit diesem Gen sind gegen das wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin resistent.

Colistin wird von Ärzten bislang nur selten, in lebensbedrohlichen Situationen, eingesetzt. In der Tierhaltung wird es allerdings in großen Mengen verwendet. Deshalb vermuten Wissenschaftler, dass die Resistenzen gegen das Mittel aus Ställen in die Umwelt gelangen.

Wie ist die Lage in Schleswig-Holstein?

Die Untersuchung und Bewertung der Gewässerqualität ist grundsätzlich Aufgabe der Bundesländer. Eine Untersuchung zu multiresistenten Erregern sei bislang noch nicht Gegenstand üblicher Messmethoden, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. „Wir würden es aber begrüßen, wenn das in Zukunft in die Badegewässerverordnung aufgenommen würde“, so Hendricks.

Für die Überprüfung der Badewasserqualität im Land sei das Gesundheitsministerium zuständig. „Das Problem des Antibiotikaeintrages in der Umwelt und in Gewässer ist erkannt und sehr ernst zu nehmen. Alle Beteiligten müssen daran arbeiten, den Eintrag von Antibiotika in die Umwelt zu minimieren“, sagt Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg. Das beginne bei der Antibiotikagabe für Mensch und Tier und umfasse eine Reduzierung von Quelleneinträgen beispielsweise von Krankenhäusern sowie die Optimierung der Reinigungsleistung von Kläranlagen.

Das Gesundheitsministerium um Minister Dr. Heiner Garg nimmt das Problem des Antibiotikaeintrages in der Umwelt und in Gewässer sehr ernst.
Carsten Rehder/dpa

Das Gesundheitsministerium um Minister Dr. Heiner Garg nimmt das Problem des Antibiotikaeintrages in der Umwelt und in Gewässer sehr ernst.

 

Grundsätzlich würden die Badestellen in SH während der Saison nach der EG-Badegewässer-Richtlinie mit ihren strengen Richt- und Grenzwerten mit Hilfe zweier Indikatorkeime beprobt. Diese Indikatoren dienen unter anderem dazu, Verschmutzungen fäkalen Ursprungs zum Beispiel durch Abwassereinflüsse zu erkennen, heißt es in einem Schreiben vom Gesundheitsministerium. Wenn diese Grenzwerte überschritten werden, werde an der betroffenen Badestelle ein Badeverbot verhängt und zwar unabhängig davon, ob „normale“ oder möglicherweise multiresistente Keime im Wasser seien.

Vorsorglich könne es auch dazu kommen, dass bei einer erhöhten Konzentration „normaler“ Keime im Wasser eine Badestelle geschlossen werde, wenn die Indikator-Grenzwerte überschritten sind. Werden die Grenzwerte eingehalten, ist die Keimbelastung insgesamt niedrig – wozu auch multiresistente Keime gehören können, teilt das Gesundheitsministerium mit.

Umweltbundesamt: Kläranlagen müssen nachgerüstet werden

Kläranlagen sollten nach Auffassung des Umweltbundesamts mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ausgestattet werden. Die Techniken dafür seien vorhanden, so Maria Krautzberger. Es fehle aber an den gesetzlichen Grundlagen, um sie einzuführen. Das Umweltbundesamt schätzt, dass dafür jährlich etwa 1,3 Milliarden Euro aufgebracht werden müssten.

Krautzberger: „Wir haben das berechnet für alle großen Kläranlagen, mit denen wir dann immerhin 90 Prozent aller Abwasser erfassen würden.“ Für jeden Einwohner wären das ungefähr 16 Euro pro Jahr. „Wenn ich den Gewinn an Umweltvorsorge und an Risikominimierung dagegen stelle, sind das Mittel, die man durchaus in Erwägung ziehen sollte, auch zum Schutz des Einzelnen“, so Krautzberger.

Die mehr als 10.000 Klärwerke in Deutschland sind derzeit nicht dafür ausgerüstet, Bakterien komplett herauszufiltern. Nur einzelne Anlagen wurden versuchsweise mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe ausgestattet. Studien haben gezeigt, dass im Ablauf von Klärwerken teils große Mengen an multiresistenten Keimen zu finden sind.

Woher kommen die Keime?

„Multiresistente Keime können auch in Schleswig-Holstein ein Problem darstellen“, sagte Umweltminister Robert Habeck. „Daher haben wir bereits im letzten Jahr das Forschungsprojekt „Spurenstoffe und multiresistente Bakterien“ gestartet.“

Umweltminister Robert Habeck: „Multiresistente Keime können auch in Schleswig-Holstein ein Problem darstellen.“
Carsten Rehder/dpa

Umweltminister Robert Habeck: „Multiresistente Keime können auch in Schleswig-Holstein ein Problem darstellen.“

 

Es sei entscheidend zu wissen, welche Keime auf welchen Eintragswegen in die Umwelt gelangen, um dann zielgenau und umfassend handeln zu können. „Unstrittig ist, dass die eine gute Vorsorge die schwierige Nachsorge verhindert. Von Krankenhäusern über die Haushalte bis zur Nutztierhaltung – wir brauchen eine umfängliche Antibiotika-Reduktionsstrategie“, so der Umweltminister.

Eine weitere mögliche Quelle sei die Landwirtschaft – etwa über Gülle oder Mist können sie auf Felder und somit ins Wasser gelangen, berichtet der NDR. Die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Gießen haben bei einigen Bakterien eine Genom-Anaylse durchgeführt. Einige der gefundenen Erreger seien laut Dr. Can Imirzalioglu vom Universitätsklinikum Gießen klar dem veterinärmedizinischen Bereich zuzuordnen.

Aktuelle Umweltprojekte zum Thema Keime:

„Herkunft, Ausbreitung und Rückhalt von Prioritären Stoffen“

In Schleswig-Holstein läuft derzeit das vom Umweltministerium initiierte Projekt „Herkunft, Ausbreitung und Rückhalt von Prioritären Stoffen in Schleswig-Holstein sowie deren Wechselwirkungen mit Multiresistenten Bakterien (PrioSH)“.

Im Rahmen des Projektes werden kommunale Kläranlagen auf  Mikroverunreinigungen und multiresistenten Bakterien und deren möglichen Wechselwirkungen untersucht. Vom Gesundheitsministerium wurde eine Ergänzung dieses Projektes um Untersuchungen von Badegewässern in einem See im Einzugsgebiet von Kläranlagen eingeleitet,  das Projekt läuft noch.

„Spurenstoffe und multiresistente Bakterien in den Entwässerungssystemen Schleswig-Holstein“

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Spurenstoffe und multiresistente Bakterien in den Entwässerungssystemen Schleswig-Holstein“ wird das Vorhandensein multiresistenter Keime durch das Universitätsklinikum Eppendorf  (UKE) quantitativ untersucht. Die erste Untersuchungsphase – eine Probenahme pro Woche – an acht ausgewählten Kläranlagen (Untersuchungen erfolgten an verschiedenen Stellen auf der Kläranlage) wurde im Herbst 2017 abgeschlossen, heißt es aus dem Umweltministerium. Erste Hinweise aus den Untersuchungen werden Ende Februar erwartet.

Die zweite Untersuchungsphase erfolge nur noch an vier Kläranlagen über ein ganzes Jahr, um Belastungsschwankungen und verschiedene Jahreszyklen zu erfassen. Ob und welche Auswirkungen die Ergebnisse des Forschungsprojekts künftig auf die Kläranlagen im Land haben werden, ist noch nicht absehbar, teilt das Ministerium mit.

 

Der Fernseh-Sender NDR berichtet am Dienstagabend (6.) über die Funde in Niedersachsen in der Sendung „Panorama – die Reporter“ ab 21.15 Uhr darüber.

Mit Material der dpa

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