Amrum : Nach Afrika für einen guten Zweck

Regelmäßig starten die Transporte mit unzähligen Tüten und Kartons in Richtung Burkina Faso. Foto: st
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Regelmäßig starten die Transporte mit unzähligen Tüten und Kartons in Richtung Burkina Faso. Foto: st

Seit 16 Jahren betreibt Kathrin Rohde ein Hilfsprojekt in Burkina Faso / Spendensammlungen auf Amrum bringen wertvolle Unterstützung

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24. Dezember 2011, 07:54 Uhr

Amrum | Sie verpackt sie sorgfältig, lädt sie in ihren Kleinbus und fährt die 50 prall gefüllten Bananenkartons nach Münster zu einem Containerbahnhof. Alle sechs Wochen sammelt Angelika Hesse Spenden von Amrumern für Afrika. Die Hotel-Seeblick-Seniorchefin weiß, dass alles, was sie losschickt, auch ankommt. Trotzdem war es ihr ein Herzenswunsch, "endlich zu sehen, wie die Menschen dort leben". Zusammen mit ihrer Restaurantleiterin Heike Tromm besuchte sie die Katrin-Rhode-Stiftung in Burkina Faso. Für die engagierte Amrumerin wurde es ein besonderer Trip.

"Nachts um elf sind wir angekommen und es waren noch 30 Grad", beginnt Hesse und die Augen leuchten. Sie erzählt, wie die beiden Frauen ihren Augen kaum trauten, als sie Einheimische in zerschlissenen Anoraks, bunten Wollmützen und dicken Pullovern begegneten. Die Menschen dort empfänden 30 Grad nicht als warm, weshalb sie auch warme Kleidung bräuchten.

"Mama Tenga", wie die Initiatorin des Projektes, Katrin Rohde, von "ihren Kindern genannt wird, erwartet die Ankömmlinge am Flughafengebäude - einem Bretterschlag mit Rollbahn. Eine Stunde dauert die Fahrt von Ouagadougou-Stadt, der Hauptstadt Burkina Fasos, bis zum eigentlichen Ziel ihrer Reise: dem Slumviertel und der darin beherbergten Hilfsstätte "Managré Nooma" inmitten der drittärmsten Region der Welt.

A.M.P.O, Sahel e.V. "Hilfe für Kinder in Burkina Faso", nennt Katrin Rohde 1995 ihr Projekt, als sie in Deutschland mit allem abschließt und auswandert. "AMPO", das nach dem ersten Waisenhaus für Jungen benannt ist, in dem heute 60 Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren Zuflucht finden. Von dem Lebenswerk Rohdes, für das diese ihr Leben in Plön seinerzeit hinter sich ließ, erfuhr Hesse vor sechs Jahren in ihrem Restaurant, als "Mama Tenga" sich gerade auf Amrum von einer schweren Krankheit erholte.

Ein Dorf auf Wüstensand errichtet, empfängt Hesse und ihre Begleiterin am nächsten Morgen. Mädchen und Jungen jeden Alters wirken geschäftig. Ständig wirbelt Staub von trockenen Sandstraßen auf. Die Menschen in "Managré Nooma" wirken arm, aber gesund. Jeder kümmert sich um jeden. Das Wenige, das es gibt, wird anstandslos geteilt. Hier entdeckt Angelika Hesse ihre vor vielen Jahren ausrangierten Kurzwellenradios an jeder Ecke. Die für viele allerdings lediglich Schmuck sind, denn Strom gehört - ebenso wie fließend Wasser und Toilettenpapier - nicht zum Alltag.

Omas fußbetriebene Nähmaschine steht nicht umsonst ganz oben auf dem projekteigenen Infoblatt. Ebenso wie Gartengeräte jeder Art und Töpfe sowie Bettbezüge, Kleidung und Windeln oder Vitamine, Medizin und Schulsachen.

Das Hilfsprojekt ist inzwischen zu einer Stätte herangewachsen, in der sich unter anderem Häuser für verstoßene schwangere Frauen mit AIDS, Waisenmädchen, eine Krankenstation und Behindertenprojekte befinden. Ein weiteres Herzstück ist für Rohde eine generationenübergreifende Landwirtschaftsschule, in der das Motto, wie in allen Häusern, "Hilfe zur Selbsthilfe" lautet. Die Frauen lernen Nähen und Kochen, erhalten Schulunterricht und werden in Viehzucht und Hygiene geschult. 80 Mitarbeiter begleiten die Menschen mittlerweile auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit, die letztlich das Überleben sichern soll.

"Die Entfernung von Hamburg ist eigentlich nicht weit", erzählt Angelika Hesse. Eine Flugstunde von Hamburg nach Paris und von dort fünf Stunden weiter nach Ouagadougou. Trotzdem könnte die Kluft nicht größer sein, denn "die Menschen dort haben nichts", so die Amrumerin.

Den eigenen Keller zu entrümpeln, war die Absicht, die vor sechs Jahren den Startschuss für die Hilfslieferungen bedeutete. Denn nur wenige Tage später lagen erste namenlose Säcke vor ihrem Hotel. Sorgfältig gelegte, gebügelte Wäsche, Hosen, Jacken und Kinderkleidung. Eines ihrer absoluten Spenden-Highlights ließ auch nicht lange auf sich warten: Lisbeth Kümmel, ehemalige Besitzerin einiger Schuhläden auf Amrum, öffnete für das Projekt ihr längst vergessenes Lager, fand 200 Paar neue Schuhe und gab sie mit auf "die Reise".

Auch neue Fahrräder oder Bettwäsche zählen zu den Glanzstücken ihrer wohltätigen Arbeit. Die ihr umso mehr Spaß macht, da die Amrumer liebevoll schenken, schildert sie ihre Erfahrungen. "Wenn ich einen Schulranzen aufmache, dann sind noch Schreibblöcke und Mäppchen darin", erzählt Hesse. In den Mäppchen fänden sich angespitzte Stifte und Füller mit Patronen. Schöner kann man ein Schulkind in Burkina Faso nicht auf Augenhöhe beschenken", schwärmt Angelika Hesse und beginnt, die nächsten Säcke in Kartons zu legen, zu beschriften und sie in Reih’ und Glied für die nächste Fahrt zu stapeln.

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