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18. Oktober 2017 | 09:47 Uhr

Traumreise : Mit Ehrgeiz von Mettenhof nach Miami

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vom Reisetraum zur Traumreise: Vier Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren haben sich Trip hart erarbeitet. Unterstützung kam vom Verein Migration, von der Schule und aus dem gesamten Kieler Stadtteil Mettenhof.

shz.de von
erstellt am 03.Apr.2015 | 18:37 Uhr

Sie haben sich gut vorbereitet. Der Waffelteig im Eisen – nach amerikanischem Rezept zubereitet. Die Servietten auf den Tischen im Bürgerhaus – bedruckt mit dem Motiv der US-Flagge. Yaren Gül (15), Mina Oppong (15), Bengi Garip (14) und Awesta Hamad (15) werden am 19. Oktober von Hamburg nach Miami fliegen. Ein Zwölf-Tages-Trip in den Herbstferien erwartet sie. Die Fotos in der Präsentation verraten, worauf sich die vier Mädchen am meisten freuen: Strand, Sonne, Shopping, Delfine – und Disneyworld. Dabei hätte niemand aus ihrem Umfeld vor drei Jahren geglaubt, dass sie es schaffen, diese Traumreise zu verwirklichen. Ihre Eltern nicht. Nicht mal sie selbst. Es liegt am Stadtteil, in dem sie aufwachsen: Mettenhof. Und damit am Mangel an Chancen für Schüler aus einer „bildungsfernen Schicht“, wie es im Behördendeutsch gern heißt.

Dani Pendorf (53) ist pädagogische Leiterin im Verein Migration in Kiel, der dem Diakonischen Werk angehört. Sie betreut die Mädchen im Bürgerhaus. Sie weiß genau, was sie selbst am Anfang dachte: Amerika? Bloß nicht Nein sagen: „Das wäre pädagogisch unklug gewesen.“ Ihrer Erfahrung nach wollen mehr als 50 Prozent der Jugendlichen aus armen Stadtteilen wie Mettenhof in die USA.

Während Bildungsreisen in Länder wie Kanada, USA oder Neuseeland an Gymnasien in gesetzten Kieler Stadtteilen zum Schulalltag gehören, haben Auslandsaufenthalte von Schülern an der Mettenhofer Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule „Seltenheitswert“, wie Dani Pendorf beklagt. Die Eltern hätten die finanziellen Möglichkeiten nicht. „Ich höre von dort aber keine Hilferufe. Für sie ist das normal“, berichtet die engagierte 53-Jährige. „Die Mädchen in der Gruppe aber haben deutlich gemacht: Es stört sie sehr wohl.“

Von Anfang an. Vor drei Jahren waren die Mädchen in einem Workshop mit dem Motto „Königin von Deutschland“ dabei. Das politische Interesse sollte geweckt werden. Auch Ausflüge waren Thema. Awesta schlug vor: Amerika! Halb im Ernst, halb im Spaß. Doch dann entwickelte die Idee ein Eigenleben. Die Mädchengruppe – zuerst waren es noch sechs Mitglieder – erfragte Flugpreise.

Im März 2013 wurde es konkret. Dani Pendorf schloss mit den Mädchen und ihren Familien einen Vertrag. Darin wurde eine gemeinsame Reise vereinbart. Jeweils 500 Euro sollten die Eltern für Taschengeld, Passgebühr und Flugkostenanteil ansparen. „Es war lange fraglich, ob diese Reise tatsächlich zustandekommt“, ergänzt Niels-Peter Mahler, Vereinsvorsitzender und Pastor in der Kirchengemeinde Heiligengeist.

Die Mädchen mussten sich verpflichten, jeden Dienstag zusammenzukommen. Englischkursus in den Ferien, Referate über die Landeskunde der USA, über die Rassentrennung, über Florida. Vorher, geben die Mädchen zu, wussten sie nicht so viel über Amerika. Sie hörten Justin Bieber, sie wollten nach Hollywood. Dorthin, wo die Stars herkommen.

Aber Los Angeles, Hollywood – das ist zu teuer. Flüge, Mietwagen, Unterkunft sind in Florida günstiger zu haben, weiß Dani Pendorf, die die Gruppe mit einer Kollegin begleiten wird – auf eigene Kosten. Auch die Mädchen musste irgendwie an Geld kommen. Auf Flohmärkten verscherbelten sie Klamotten, Gläser oder gespendete Musikinstrumente. „Wir haben Waffeln gebacken und beim Mettenhofer Adventszauber geholfen“, erzählt Awesta. Bis 2000 Euro in der Gemeinschaftskasse waren – und nur noch vier Mädchen übrig. Awesta, Yaren, Bengi und Mina. Die anderen beiden haben nicht durchgehalten.

Wann kam die Gewissheit – der Traum wird Wirklichkeit? „Als die Tickets gebucht waren“, sagt Bengi. Das war im vergangenen Herbst. Die Unterstützung aus dem Stadtteil war stark. Nicht nur die Schule fördert die Initiative – „zwei der Mädchen haben zu dem Thema ihre Projektprüfung abgelegt und dafür gute Noten erhalten“, sagt Schulleiter Dieter Ruser. Auch ein Apotheker aus Mettenhof und die evangelische Thomas-Gemeinde helfen begeistert mit. Sie spendieren dem Quartett zusätzlich einen dreitägigen Aufenthalt in Miami und einen Tagesausflug in die Everglades. Dennoch kommen pro Teilnehmerin Kosten von rund 1400 Euro zusammen.

Die Mädchen erleben, dass ihre Reise für die Erwachsenen mehr ist als irgendeine Reise. Darum schließlich hat sich der Verein Migration in Kiel so engagiert. Dani Pendorf sagt, man wolle, dass die Mädchen etwas lernen: „Dass es sich lohnt, sich für ein Ziel einzusetzen.“ Die Reise stehe symbolisch dafür, dass man sein Ziel mit Fleiß, Disziplin und der richtigen Arbeitshaltung erreichen kann. „Es ist ein Mutmachprojekt“, sagt Dani Pendorf. Und sie ergänzt: „Die Eltern sind stolz. Sehr stolz.“

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