Mit dem Aufzug in die Geschichte

Museumstechnikerin Monja Hermer darf den Lastenfahrstuhl zum Transport fahren.  Besucher müssen die Stockwerke über das Treppenhaus erklimmen.  Foto: C. Petersen (3)
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Museumstechnikerin Monja Hermer darf den Lastenfahrstuhl zum Transport fahren. Besucher müssen die Stockwerke über das Treppenhaus erklimmen. Foto: C. Petersen (3)

Lastenfahrstuhl im Industriemuseum läuft seit 75 Jahren / Der Enkel des Konstrukteurs, der Elmshorner Helmut Kehrhahn, erinnert sich

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29. Dezember 2011, 08:41 Uhr

Elmshorn | Für das Industriemuseum Elmshorn geht mit 2011 ein besonderes Jahr zur Neige: Seit 20 Jahren besteht diese kulturelle Einrichtung in der Stadt - und das ist kräftig gefeiert worden. Was die meisten aber nicht wissen: In dem denkmalgeschützten Haus an der Catharinenstraße gibt es noch ein weiteres "Geburtstagskind": Der Lastenfahrstuhl mit der Nummer 1300. Er verrichtet dort seit genau 75 Jahren seinen Dienst und ist somit wahrscheinlich der älteste noch funktionsfähige Fahrstuhl in Elmshorn - gebaut von einem Vorfahren einer stadtbekannten Elmshorner Familie: Friedrich Kehrhahn.

Das "Herz" des Fahrstuhls "schlägt" unter dem Museumsdach - mit viel Gerumpel und Geratter. Dort werden die Stahlseile angetrieben, die ihn auf und ab befördern. Die Kraft des Elektromotors wird noch mit großen Zahnrädern auf das Laufrad mit den Seilen übertragen. Vier, je 16,5 Meter lange Spezial-Drahtseile Namens "Krus 152" waren es laut Betriebserlaubnis, die am 26. Juni 1936 die Firma Rostock Gebrüder Friedrich Söhne AG erhielt. Die Margarinefabrik hatte das Lagerhaus vom Musikalienhändler I. P. H. Kröger übernommen und für ihre Zwecke um- und eben diesen Fahrstuhl eingebaut. Jedes Drahtseil mit seinem Durchmesser von 18 Millimeter bestand übrigens damals aus 152 Einzeldrähten.

"Ein Mitarbeiter von Thyssen kam einmal mit einem Laptop und wollte die Anlage turnusgemäß durchmessen", berichtet Museumstechnikerin Monja Hermer schmunzelnd. Der Monteur hatte offenbar mit einem gängigen Fahrstuhl gerechnet. Seitdem kommt wieder ein älterer, erfahrener Mitarbeiter, der auch schon mal ein Ersatzteil nachgebaut hat. Denn: Trotz seines hohen Alters muss der Aufzug laufen. Und stetige Wartung sowie eine regelmäßige Sicherheitsabnahme sind selbstverständlich auch für den Oldtimer Pflicht.

"Einige Sonderausstellungen wären ohne den Aufzug sicher nicht möglich gewesen, weil die Exponate gar nicht durch das enge Treppenhaus passen", stellt Museumsleiterin Bärbel Böhnke fest. Außerdem wäre das Haus ohne den Fahrstuhl auch nicht mehr behindertengerecht. Allerdings: Der TÜV hat zur Auflage gemacht, dass der Aufzug immer ausgeschaltet sein muss und nur im Bedarfsfall von einem Museumsmitarbeiter bedient werden darf - unter anderem, weil die heute vorgeschriebenen Innentüren fehlen.

Früher war in dem 1,74 Meter breiten und 2,20 Meter hohen Fahrkorb, der eine Tragkraft von 1250 Kilogramm hat, der Transport von bis zu 17 Menschen erlaubt. Heute ist ein genereller Personentransport untersagt. Dennoch ist der seit 75 Jahren funktionierende Aufzug für die Arbeit im viergeschossigen Museum eine unentbehrliche "Lebensader".

Gebaut hat den Fahrstuhl der Großvater des Elmshorner Apothekers Helmut Kehrhahn (Flora-Gesundheitszentrum). Sein Name, Friedrich Kehrhahn, mit dem Hinweis "Hamburg 21" ist auf einem Metallschild im Fahrstuhlkorb zusammen mit der Baujahrnummer 1936 zu lesen. Der Hamburger Ingenieur hatte 1912 aus einem Konkurs die 1882 gegründete Werkzeugmaschinenfabrik Wimmel & Landgraf gekauft. Sie hatte 1906 die erste Fahrtreppe Deutschlands in das Berliner Kaufhaus Wertheim eingebaut. Vor allem diese Rolltreppen und Paternoster, aber auch Fahrstühle - selbst kleine wie zum Beispiel in Gasthäusern zwischen Küche und Restaurant - stellte Kehrhahn her.

Friedrich Kehrhahn, so berichtet sein nach Elmshorn gezogener Enkel Helmut Kehrhahn heute, verkaufte die Anlagen vornehmlich in Hamburg und im norddeutschen Raum. Beim Bau von Paternostern, jenen Umlauf aufzügen mit vielen, an Ketten hängenden Einzelkabinen, sei Kehrhahn sogar Marktführer in Deutschland gewesen. Nicht verwunderlich, denn in der Hansestadt ging 1886 nicht nur der erste in England erfundene Paternoster Deutschlands in Betrieb, an der Elbe liefen laut Internet-Lexikon Wikipedia im Jahre 1936 auch etwas mehr als die Hälfte aller 679 im Reich gezählten Anlagen dieser Art in den Kontor- und Geschäftshäusern.

Geradezu in einem Strudel von Schicksalsschlägen endet dann die so erfolgreich begonnene Karriere des Ingenieurs Friedrich Kehrhahn: 1942 stirbt sein einziger Sohn Erich im Alter von 38 Jahren. Damals ist Enkel Helmut Kehrhahn neun Jahre alt. Ein Jahr später wird die Firma ausgebombt, 1944 brennt das Privathaus aus. Der bereits auf die 70 Jahre zugehende Friedrich Kehrhahn resigniert offenbar: Er verkauft seine Firma an die Maschinenfabrik Kampnagel. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Aufzugsfirma Kehrhahn und die Hamburger Stahlbaufirma Eggers (gegründet 1865) zusammengeschlossen und firmieren von 1955 an als Teil des Konzerns Rheinstahl AG zur Rheinstahl-Eggers-Kehrhahn GmbH. Es werden weiterhin Lasten- und Fahrstühle aller Art sowie immer mehr Rolltreppen gebaut.

Erst 1974 bei der Zusammenführung von Thyssen, Rheinstahl, Eggers und Kehrhahn unter dem Namen Thyssen Aufzüge GmbH verschwindet der Name Kehrhahn aus der Branche. Heute heißt das Unternehmen, das in Hamburg hauptsächlich Fahrtreppen und Fahrsteige unter anderem für Flughäfen baut, ThyssenKrupp Fahrtreppen GmbH. Der Name Kehrhahn ist allerdings noch in so manchem Fahrstuhl zu sehen. Eben auch im Industriemuseum Elmshorn. Und der 78-jährige Enkel Helmut Kehrhahn sagt nicht ohne Stolz auf seinen Großvater: "Man muss sich wundern, wie sich die Produkte bewährt haben."

Übrigens: Fahrstühle waren in Elmshorn vor dem Zweiten Weltkrieg sehr selten, besonders Personenaufzüge. Einer der ältesten, noch fahrenden Aufzüge für den Personentransport dürfte die 1950 gebaute Anlage in der Königstraße im Volksbankgebäude sein.

Eine wahre Attraktion war allerdings 1959 für die Elmshorner der Fahrstuhl im damals höchstem Geschäftshaus des Nordens, im Teppich-Hochhaus Kibek an der Reichenstraße. Erst neun Jahre später dann eine andere Sensation in der Innenstadt: Im Modehaus Ramelow in der Königstraße ging im Oktober 1968 die erste Rolltreppe Elmshorns und des gesamten Kreises Pinneberg in Betrieb.

Hinweise auf unter Umständen ältere Fahrstühle oder den vielleicht ersten überhaupt in Elmshorn, nimmt die Redaktion gern unter 04121/2971807 oder per Mail unter cpe@shz.de entgegen.

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