Künstlermagnet Ferdinand Avenarius

Künstlertreff und  Kuriosum: das Haus 'Uhlenkamp'.  Foto: Fotos archiv Deppe
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Künstlertreff und Kuriosum: das Haus "Uhlenkamp". Foto: Fotos archiv Deppe

Richard Wagners Stiefneffe avancierte zu Kampens erstem Ehrenbürger / Der Berliner Schriftsteller setzte sich für den Sylter Naturschutz ein

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02. Januar 2012, 07:15 Uhr

KAMPEN | "Das ist eine Nacht der Einsamkeit - kein Menschenlicht im Dunkeln weit, von schwarzen Dünen nur Breiten und Dehnen, und Steigen und Sinken von Brandungstönen. Dazwischen ein feines hohes Gesumm vom Sande und Dünenhafer ringsum - und dann und wann ein jäh erpresster Möwenschrei, störst du versteckte Nester." Zu diesen Zeilen des Gedichts "Nordlicht" inspirierte dereinst die unberührte Sylter Natur jenen Mann, der zu Kampens erstem Ehrenbürger avancierte.

Ferdinand Avenarius, 1856 in Berlin geboren, Sohn eines Buchhändlers und Stiefneffe des berühmten Komponisten Richard Wagner, hatte zunächst in Leipzig ein Studium der Naturwissenschaften begonnen, später dann in Zürich Philosophie, Literatur- und Kunstgeschichte studiert. 1882 ließ sich Ferdinand Avenarius in Dresden nieder, wo er fünf Jahre später Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift "Kunstwart" wurde, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Bildung ihrer Zeit ausübte.

Ab 1903 verbrachte Avenarius die Sommer vorwiegend in Kampen, wo er ein in seinem Äußeren recht eigenwilliges Haus - halb Friesenstil, halb Schwarzwaldidyll - errichten ließ. Durch den Hausherrn fanden viele Künstler nach Kampen - und nicht wenige von ihnen wie etwa Stefan Zweig und Max Frisch wohnten oder trafen sich in seinem Haus "Uhlenkamp".

Das markante Gebäude - vom Arbeitszimmer konnte der Hausherr bis zur Kampener Vogelkoje blicken - wies einige Besonderheiten auf: So verfügte es im ersten Stock über einen umlaufenden Balkon, damit Avenarius bei Sonnenschein den ganzen Tag draußen lesen und schreiben konnte. Zudem war im Reetdach eine von außen nicht sichtbare Wanne zum hüllenlosen Sonnenbaden eingelassen.

Als der Schweizer Maler Ernst Kreidolf 1906 Avenarius besuchte, vermerkte er: "Die Wände des Hauses waren mit Zedernholz von Strandgut getäfelt. Auch ein Fass Wein von Strandgut war im Haus. Es muss wohl längere Zeit im Wasser gelegen haben, denn sein Inhalt hatte schon etwas Meergeschmack angenommen. Während meines Aufenthalts wurde von Kunst und anderen ernsten und schönen Dingen gesprochen, wie es bei Ferdinand Avenarius, diesem feinen, hochkultivierten Mann, selbstverständlich war."

Die Landschaft lag dem ersten Ehrenbürger der Gemeinde Kampen besonders am Herzen. Gemeinsam mit anderen Mitstreitern konnte er verhindern, dass für den Bau des Hindenburgdamms Erde des Morsumer Kliffs abgetragen und dass die Landschaft um Kampen bebaut wurde. "So etwas Schönes wie Kampen gibt es an der ganzen Nordsee nicht wieder. Noch ist es so. Aber ein einziges Haus außerhalb der Ortschaft in die Heide oder gar in die Dünen gesetzt und die Weite ist zerstört, die Ursprünglichkeit dahin", mahnte Ferdinand Avenarius.

Als er 1923 an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb, wusste Avenarius, dass sein Kampf nicht umsonst gewesen war: Wenige Monate vor seinem Tode wurden auf Sylt die ersten Naturschutzgebiete ausgewiesen.

Das urige Reetdachhaus "Uhlenkamp" in Kampen ist längst abgerissen - an den Schriftsteller und Kulturreformer erinnern heute nur noch eine Gedenktafel des "Kampener Kunstpfads", der vor zwei Jahren nach ihm benannte Dorfpark und manche von ihm ersonnene, noch heute gültige Weisheit wie dieser hier: "Das musst du erstreben: Arbeitswochen in Sonntagsstimmung zu leben."

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