Carstensens Abschied : KOMMENTAR: Regieren mit Leib und Seele

Der emotionale Abschied von Ministerpräsident Carstensen im Landtag zeugt von Leidenschaft und Dankbarkeit, sagt der Sprecher der sh:z-Chefredakteure Stephan Richter.

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26. April 2012, 11:12 Uhr

Was zeichnet einen guten Politiker aus? Max Weber hat diese Frage mit der Nennung von drei "Qualitäten" beantwortet: Leidenschaft müsse er haben, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Zugleich warnte der große Nationalökonom in seinem 1919 gehaltenen, berühmten Vortrag "Politik als Beruf": "Es gibt letztlich nur zwei Arten von Todsünden auf dem Gebiet der Politik: Unsachlichkeit und - oft, aber nicht immer, damit identisch - Verantwortungslosigkeit. Die Eitelkeit: das Bedürfnis, selbst möglichst sichtbar in den Vordergrund zu treten, führt den Politiker am stärksten in Versuchung, eine von beiden, oder beide, zu begehen."
Wer auf die Ära des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen zurückblickt, mag zu unterschiedlichen Bewertungen seiner Regierungsarbeit kommen. Doch die Fähigkeiten, die Max Weber Politikern ins Stammbuch geschrieben hat, kann niemand dem CDU-Politiker, der 29 Jahre lang im Bundestag und im Landtag aktiv war, abstreiten. Gerade bei seinem größten Projekt, der Haushaltskonsolidierung, hat er Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß gezeigt. Natürlich sieht das zum Beispiel die dänische Minderheit mit Blick auf die Kürzung der Zuschüsse für ihre Schulen anders; auch bei der Halbierung des Blindengeldes scheiden sich die Geister. Doch bei diesen schwierigen Entscheidungen duckte sich Carstensen nie weg vor den Protesten, stellte sich der Kritik, suchte weiter das Gespräch mit den Menschen - gerade auch mit seinen Gegnern.
Dieser aufrechte Politikstil zeichnet seine Regierungszeit aus. Er ist noch mehr zu einem Markenzeichen geworden als die Inhalte es sind. Hinter dieser ganz persönlichen Form des Regierens steckt ein zutiefst menschlicher Ansatz: Carstensen, der mächtige Agrarpolitiker im Bundestag, Carstensen, der Ministerpräsident im Norden, Carstensen, der Landesvater hat nie vergessen, woher er kommt. Das machte ihn dankbar, das prägte ihn im Sinne Max Webers. Sein emotionaler Abschied zeugt davon. Der Politiker von Nordstrand hat an der Waterkant nicht den höchsten "Job" gemacht. Er stand mit Leib und Seele an der Spitze.

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